Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie kühl und distanziert, aber nicht so abweisend wie beim ersten Mal.

In der Eingangshalle entledigte Toni sich wieder ihrer schweren Stiefel und legte Helm und Jacke direkt daneben. Stumm folgte sie Fiona, die vor ihr in ihr Arbeitszimmer ging.

»Nehmen Sie Platz, Antonia.«

Toni verzog ihr Gesicht, als Fiona ihren gehassten Namen aussprach. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mir wäre Toni wirklich lieber.«

Fiona runzelte kurz die Stirn, ging aber nicht weiter darauf ein. »Ich habe Tee gekocht.« Es war eine Feststellung und nicht etwa eine Frage, ob Toni vielleicht einen Tee mittrinken würde.

Dennoch hätte Toni nach der Erfahrung ihres ersten Besuches nicht mit einer solch gastfreundlichen Geste gerechnet. »Gern trinke ich einen Tee«, erwiderte sie daher ohne Umschweife.

Fiona nickte. »Machen Sie es sich doch bitte bequem«, sagte sie, dann verließ sie das Zimmer.

Toni vergrub die Hände in ihren Hosentaschen und sah sich um. Selbst bei Tageslicht hatte dieser Raum etwas Finsteres, Bedrückendes an sich.

Das Bücherregal mit den hauptsächlich dunklen Einbänden, der große, wuchtige Schreibtisch, auf dem außer Bildschirm, Tastatur und Telefon nichts stand.

Nirgendwo gab es etwas Persönliches, keine Fotos, keine Dekoration. Nüchtern und kalt wirkte dieses Büro. Wie Fiona selbst.

Die jetzt mit einem silbernen Tablett, auf dem feines Porzellangeschirr stand, zurückkam. Sie stellte es auf den niedrigen Tisch vor der Couch. »Bitte, setzen Sie sich doch«, forderte sie Toni auf, die immer noch mit den Händen in den Hosentaschen etwas verloren herumstand.

Toni setzte sich auf die Couch, diesmal ohne befürchten zu müssen, gleich wieder darauf einzuschlafen.

Mit eleganten Bewegungen schenkte Fiona den Tee ein, überreichte Toni eine Tasse und setzte sich mit ihrer Tasse an den Schreibtisch.

Vorsichtig nippte Toni daran und stellte fest, dass der Tee überraschend gut schmeckte. Sie wollte etwas Lobendes sagen, doch Fiona hatte sich bereits in die Papiere vertieft. Da wollte Toni sie dann doch nicht stören.

Eine Weile saß sie schweigend auf der Couch und nippte immer wieder an ihrem Tee, dann wurde sie langsam unruhig. Vielleicht könnte sie sich wieder ein Buch nehmen und lesen, dachte sie. Sie stand auf und ging zum Bücherregal. Dabei fiel ihr Blick auf den ungenutzten Kamin. »Sie benutzen den Kamin gar nicht?«, fragte sie spontan.

Fiona blickte auf. »Nein, die Heizung reicht mir vollkommen aus.«

»Aber ein Kaminfeuer würde diesen Raum viel behaglicher machen«, widersprach Toni. Sie selbst liebte Kamine und bedauerte es, dass sie in ihrer kleinen Wohnung keinen haben konnte.

»Nein!«, entfuhr es Fiona barsch.

Toni zuckte überrascht zusammen.

»Ich will kein Feuer in meinem Haus«, fügte Fiona etwas weniger barsch hinzu.

Toni verstand Fionas Ablehnung zwar nicht – denn wozu gab es hier dann überhaupt Kamine? –, beließ es jedoch dabei. Sie nahm das Buch aus dem Regal, das sie bereits angefangen hatte zu lesen, und begab sich damit wieder auf die Couch.

Nach einer Weile raschelte es auf dem Schreibtisch. Toni blickte auf und sah, dass Fiona die Papiere zusammenlegte und sorgfältig in die Mappe schob.

Sie stand auf, stellte das Buch ins Regal zurück und blickte durch das Panoramafenster nach draußen. Die untergehende Sonne tauchte den verwilderten Garten in ein beinah gespenstisches Licht.

»Sie haben sicher viele Vögel hier, oder?«, entfuhr es ihr gedankenverloren.

Fiona warf ihr nur einen kurzen Blick über den Rand ihrer Brille hinweg zu. »Wir sind mitten in der Stadt.«

»Haben Sie kein Futterhaus aufgestellt? Gerade im Winter ist es wichtig, die Vögel zu unterstützen. Sie werden überrascht sein, wie viele Arten es auch hier in der Stadt gibt.« In Toni war eine Begeisterung entfacht, die sie alle Zurückhaltung vergessen ließ. »Und in einem Garten wie dem Ihren, der deutlich naturbelassen geblieben ist, da muss es doch geradezu wimmeln. Ich könnte mir vorstellen, dass es sogar ein paar Eichhörnchen in den alten Bäumen gibt.«

Doch Fiona teilte ihre Begeisterung nicht. »Vielleicht«, murmelte sie nur und verschloss die Mappe.

Mutig geworden wagte Toni einen weiteren Vorstoß. »Wer kümmert sich denn um Ihren Garten? Ich meine . . .« Kurz hielt sie inne, wartete auf eine Reaktion von Fiona, die jedoch ausblieb. »Oder machen Sie das selbst?«, fuhr sie schließlich fort. Vielleicht lag in Fionas Desinteresse die Erklärung für den ziemlich traurigen Anblick des Gartens.

»Warum interessieren Sie sich für meinen Garten?« Fiona sah sie stirnrunzelnd an.

Toni strich sich über das Kinn. »So ein naturbelassener Garten in der Stadt ist der Traum eines jeden Landschaftsarchitekten.«

Fiona stand auf und nahm die Mappe vom Tisch. »Wollen Sie mir jetzt etwa jemanden empfehlen?«, fragte sie missbilligend.

Toni wusste nicht, wie sie jetzt darauf reagieren sollte. Fiona schien wirklich überhaupt kein Interesse zu haben, irgendetwas an dem traurigen Zustand ihres Gartens etwas ändern zu wollen. Sie ließ den Kopf sinken. »Es ist halt nur so, dass Sie so viele ungenutzte Möglichkeiten hier haben, im Haus und auf dem Grundstück. Das ist einfach ein Jammer.«

»Das empfinden Sie vielleicht so.« Fiona trat zu ihr und hielt ihr die Mappe entgegen. »Für mich ist alles gut, so wie es ist.« Bestimmt drehte sie sich um und ging vor Toni zur Haustür.

Langsam folgte Toni ihr. Ein süßlicher Duft stieg ihr in die Nase und ließ ihre Nasenflügel vibrieren. Vanille und ein Hauch von etwas anderem. Auf jeden Fall angenehm und bei Weitem nicht so aufdringlich wie bei so vielen anderen Frauen.

Diesen wundervollen Duft bekam sie den Rest des Tages nicht mehr aus ihrer Nase. Nicht dass ihr das unangenehm war, ganz im Gegenteil. Trotz der schroffen Art erinnerte sie sich nur zu gern an die zarte Frau.

3

Am folgenden Nachmittag hielt Toni wieder vor dem verschlossenen Tor und legte einen Finger auf die Klingel. Es dauerte eine ganze Weile und sie befürchtete schon, dass Fiona vielleicht nicht zu Hause sein würde, da knackte es in dem Lautsprecher.

»Warum sind Sie hier? Ich habe keinen Auftrag erteilt.«

»Ich weiß.« Toni nickte bekräftigend. »Darf ich Sie trotzdem kurz sprechen?« Bittend sah sie in die Kamera, die über dem Tor hing.

Wieder dauerte es und Toni dachte schon, dass Fiona sie nicht einlassen würde, doch dann schwangen die Flügel mit einem leisen Klicken auf und Toni schob ihre Maschine vor das Haus. Sie nahm zwei Pakete aus den Satteltaschen und balancierte sie die Treppe hinauf.

Fiona stand in der halbgeöffneten Tür. Auf ihren weichen Zügen lag tatsächlich so etwas wie Neugierde, gemischt mit deutlicher Ablehnung, wie Toni mit feuchten Handflächen feststellte.

Vielleicht war das doch keine gute Idee gewesen. Sie hatte auch lange hin und her überlegt, ob ihr Vorhaben nicht zu forsch und aufdringlich wäre. Aber dieser wunderbare Garten zog sie einfach magisch an. Nun, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, nicht nur der Garten. Sie wollte Fiona so schnell wie möglich wiedersehen, und wer weiß, ob und wann sie wieder eine Kurierfahrt für sie machen könnte.

Doch jetzt schluckte sie ihre Sorge herunter. Immerhin stand sie bereits vor Fiona, das war doch schon mal was. »Nach unserem Gespräch gestern habe ich Ihnen etwas mitgebracht. Zudem wollte ich mich noch bei Ihnen für den Bonus bedanken.« Mit ihrem charmantesten Lächeln hielt sie Fiona die Pakete entgegen und Fiona gab nach kurzem Zögern tatsächlich die Tür frei.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...