Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg sah sie zu Fiona, die mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihr stand und sie skeptisch musterte. Toni öffnete die Pakete und baute die Einzelteile geschickt zusammen.

»Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt.« Mit gerunzelter Stirn schaute Fiona auf das Vogelhaus, das Toni ihr voller Stolz präsentierte.

»Ja, haben Sie«, stimmte Toni zu. »Aber ich dachte, vielleicht könnte ich Sie doch umstimmen.« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Das Vogelhaus stört ja gar nicht, aber vielleicht könnten Sie ja doch Gefallen daran finden, den kleinen Kerlen zuzusehen. Und wenn ein besonders hübscher Vogel vorbei-«

»Und wie stellen Sie sich das weiter vor?«, unterbrach Fiona sie unwirsch. »Das Ding muss doch sicher gereinigt und auch dauernd aufgefüllt werden, oder nicht?«

»Oh, darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, das könnte ich doch überneh. . .« Sie brach mitten im Satz ab, als sie sah, dass sich Fionas Miene immer mehr verdüsterte. Das war wohl jetzt doch zu viel.

Fiona blickte von Toni auf das Vogelhaus und zu Toni zurück. Immerhin schien sie darüber nachzudenken. Schließlich strich sie sich mit ihren langen, behandschuhten Fingern durch die Haare. »Also gut. Sie geben sonst ja wohl keine Ruhe. Allerdings«, ihre grünen Augen bohrten sich geradezu in Tonis, »erwarten Sie bloß nicht, dass ich mich darum kümmern werde. Das erledigen Sie allein. Also nehmen Sie das Ding und stellen es auf.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging mit schnellen Schritten zu ihrem Arbeitszimmer.

»Deal.« Beschwingt folgte Toni ihr und öffnete die Terrassentür, um in den Garten hinauszugehen.

Geschickt stellte sie das Vogelhaus auf, füllte es mit den Körnern und Meisenknödeln und war kaum wieder im Arbeitszimmer zurück, als auch schon der erste Vogel angeflogen kam.

»Sehen Sie.« Strahlend bedeutete sie Fiona, aus dem Fenster zu sehen. »Die Meisen sind immer die ersten, die sich an neue Futterstellen trauen. Die Spatzen brauchen da deutlich länger.«

Fiona stand tatsächlich auf und trat neben sie ans Fenster. Der nächste Vogel kam angeflogen und schnappte sich ein Körnchen. Der Anblick ließ Fiona ihre Lippen zu einem scheuen Lächeln verziehen und Toni hatte das Gefühl, als würde schlagartig die Sonne an diesem bisher eher trüben Wintertag aufgehen. Die Veränderung in Fionas Gesicht konnte man fast schon als dramatisch bezeichnen. Bisher waren ihre Züge eher verschlossen gewesen. Und nun, nun waren sie auf einmal voller Leben.

Was so ein Lächeln ausmachen kann, dachte Toni und merkte, wie sie selbst am Strahlen war. Sie räusperte sich kurz. »Ich wollte Sie aber auch nicht stören, Frau Eisler, und werde Sie nicht länger von Ihrer Arbeit abhalten.«

Sie war bereits an der Tür, als Fionas weiche Stimme sie aufhielt. »Ich habe Tee gekocht. Trinken Sie eine Tasse mit mir, Antonia, falls Sie keine anderen Pläne haben.«

Freudig lächelnd und mit deutlich klopfendem Herzen drückte Toni die Tür wieder ins Schloss. »Sehr gern, und nein, ich habe heute keine Pläne.« Und selbst wenn ich ein Date mit einer Prinzessin hätte, würde ich es jetzt absagen.

Hatte Toni sich anfangs noch gefragt, warum Fiona im Haus die schwarzen Handschuhe trug, so waren sie ihr inzwischen so vertraut, dass sie sie kaum mehr wahrnahm. Erst als sie Fiona eine Tasse aus der Hand nahm und ihre Fingerspitzen sich berührten, war es keine samtige Haut, die sie spürte, sondern weiches, kühles Leder.

Neugierig musterte sie die stille Frau, doch auch wenn ihr die Frage auf den Nägeln brannte, so spürte sie tief in ihrem Inneren, dass der Moment noch nicht der richtige dafür war. Allerdings war sie sich auch nicht sicher, ob es den richtigen Moment für diese Frage je geben würde.

So saßen sie still nebeneinander auf der weichen Couch, von der aus sie das neue Vogelhaus gut beobachten konnten.

»Warum arbeiten Sie als Kurierfahrerin?« Fionas Frage ließ Toni den Kopf drehen und in die grünen Augen sehen, die sie aufmerksam beobachteten.

Sie nahm einen weiteren Schluck des heißen Tees. Warum hatte sie immer, wenn sie in Fionas Augen sah, eine regelrecht ausgedörrte, staubtrockene Kehle? »Ich verdiene ganz gut und die meisten Stellen, die so angeboten werden, lassen sich zeitlich nur schlecht mit meinem Studium vereinbaren. Und Kellnern liegt mir so gar nicht«, fügte sie mit einem leichten Schmunzeln hinzu.

»Und was studieren Sie?«

Toni räusperte sich. »Landschaftsarchitektur. Das ist meine Leidenschaft.«

»Und deshalb sind Sie so brennend an meinem Garten interessiert«, stellte Fiona trocken fest.

Toni nickte scheu. »Aus diesem Garten könnte man so vieles machen. Er ist so anders als die Gärten Ihrer Nachbarn, und damit meine ich nicht nur den Wildwuchs«, fügte sie schmunzelnd hinzu. »Wenn Sie mögen, dann bringe ich morgen ein paar Lichterketten und dekoriere ein wenig.« Mit Sorge sah sie allerdings, wie sich Fionas Züge verdunkelten. Schnell sprach sie weiter. »Ich würde bestimmt nicht so übertreiben, wie es Ihre Nachbarn tun. Aber so ein paar freundliche Lichter, das würde doch hervorragend zur Weihnachtszeit passen.«

Fiona schüttelte leicht den Kopf. »Nein, das ist nicht nötig. Ich brauche diese Beleuchtung nicht und wie ich Ihnen schon einmal sagte, Weihnachten ist für mich uninteressant.«

»Das ist aber schade, wo es doch so ein schönes Fest ist. Wo sich Familien und Freunde zusammensetzen, gemeinsam Zeit verbringen, lachen und fröhlich sind.« Toni fühlte einen kleinen Stich in ihrem Herzen, als sie an die Festtage mit ihren Eltern zurückdachte.

Fiona ging auf ihre Worte jedoch nicht ein, stattdessen füllte sie die Tassen erneut mit dem dampfenden Tee.

Schweigend saßen sie wieder nebeneinander, doch erstaunlicherweise war die Stille zwischen ihnen weder erdrückend noch unangenehm. Im Gegenteil, Toni empfand eine tiefe Ruhe in sich, wie sie es sonst nicht kannte.

Obwohl sie nah beieinandersaßen, berührten sie sich nie. Und dennoch reichte die Nähe zu Fiona aus, um eine Wärme in Toni aufsteigen zu lassen, die sie gänzlich von innen heraus einhüllte.

Eine Bewegung am Vogelhaus zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Sehen Sie nur, Frau Eisler. Ein Buchfink. Und daneben, das ist ein Gimpel.«

»Nennen Sie mich bitte Fiona«, erwiderte sie nur. Doch sie stand auf und trat an die Scheibe, die sie von den bunten Vögeln trennte.

»Die meisten Ihrer Nachbarn haben sterile Gärten mit Steinhecken, die den Vögeln den Lebensraum stehlen. Daher ist ein naturbelassener Garten wie der Ihre auch so wertvoll und interessant.« Toni war neben sie getreten und deutete mit der Hand nach draußen.

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht«, gab Fiona leise zu.

»Eigentlich auch gut so«, stellte Toni lächelnd fest. »Sonst hätten Sie irgendeine Firma beauftragt, die sicherlich auch einen sterilen Garten angelegt hätte.«

»Und Sie würden das anders machen?« Fiona hatte sich wieder auf die Couch gesetzt und sah sie von unten her an.

»Wenn Sie es erlauben, dann könnte ich Ihnen ein paar meiner Vorschläge zu Ihrem Garten präsentieren, und dann können Sie sich überlegen, ob davon etwas für Sie infrage kommen könnte.« Toni musterte Fiona, die ihre Tasse zwischen den Fingern drehte.

»Jetzt im Winter ist das doch eher unsinnig, oder?« Die grünen Smaragde ruhten auf Toni, die den Blick ernst erwiderte.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
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»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...