»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch etliche Pflanzen, die dann auch bald blühen würden. Aber was noch viel wichtiger ist, gerade jetzt sollte man den Garten säubern, die Bäume und Sträucher stutzen und die Hecken trimmen. Dazu könnte ich neue Wege gestalten und Pläne zeichnen, wie es dann im Frühjahr bepflanzt werden soll.«

Toni spürte, wie es in ihr kribbelte, als sie auf Fionas Antwort wartete. Es fiel ihr schwer zu erklären, aber sie hoffte darauf, dass die so in sich gekehrte Frau ihr einen Auftrag erteilen würde. Denn das würde bedeuten, dass sie sie noch öfters und auch bedeutend länger sehen würde, und das allein war Toni wichtig, wie sie sich erstaunt eingestehen musste. Und so spielte sie gleich noch ihren letzten Trumpf aus. »Außerdem könnte ich dann regelmäßig nach dem Vogelhaus sehen, wie ich es Ihnen schon versprochen hatte.«

»Das scheint Ihnen wirklich wichtig zu sein.« Fiona sah an ihr vorbei und beobachtete weiter, wie die bunten Vögel sich an dem Futterhaus bedienten.

»Für mich ist es eine Berufung, wenn Sie so wollen, den Lebensraum der Vögel in der Stadt zu schützen und daher, ja, es ist mir wichtig.«

»Wenn Ihr Herzblut so daran hängt, dann kann ich ja wohl kaum anders, oder?«

War das etwa die Andeutung eines Lächelns, das da Fionas feine Lippen umspielte?

»So eine Chance bekommt man nicht alle Tage, das dürfen Sie mir glauben.« Glücklich strahlend stellte Toni ihre Tasse auf den Tisch und streckte Fiona automatisch ihre Hand entgegen. »Wenn Sie gestatten, dann sehe ich mir den Garten jetzt kurz an, dann kann ich Ihnen morgen ein paar Vorschläge unterbreiten.«

Fiona warf nur einen kurzen Blick auf Tonis Hand, die vor ihr in der Luft schwebte. »Können Sie die Arbeit für mich mit Ihren Kurierfahrten vereinbaren? Oder müssen Sie die aufgeben?«

Nachdenklich zog Toni ihre Hand zurück und rieb sich über das Kinn. »Jetzt im Dezember ist nicht ganz so viel los, viele Firmen arbeiten schon deutlich reduziert. Da sitze ich eh die meiste Zeit bei Gerda im Büro und trinke zu viel Kaffee. Nein, das lässt sich sehr gut vereinbaren, und falls Sie den ein oder anderen Auftrag zusätzlich haben, dann kann ich den auf jeden Fall ausführen.«

»Nun gut, Ihre Entscheidung.« Fiona stand auf und verschwand hinter ihrem wuchtigen Schreibtisch. »Hupen Sie, wenn Sie hinausfahren wollen, ich werde dann das Tor öffnen. Und ich erwarte neben Ihrem Plan auch eine detaillierte Kostenaufstellung.« Ohne auf Tonis Antwort zu warten, begann sie auf ihrer Tastatur zu tippen.

»Arbeiten Sie immer von zu Hause aus?« Neugierig sah Toni sie von der Tür her an.

Fiona nickte nur stumm und widmete sich weiter ihrer Arbeit.

In der Halle stieg Toni in ihre schweren Stiefel und trat vor die Tür. Ein fast völlig überwucherter Weg führte um das Haus herum. Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf, der Garten war bedeutend größer, als sie gedacht hatte. Es war fast schon ein Park.

Alte Bäume säumten den Weg und Toni machte sich eine mentale Notiz, dass sie die genauer untersuchen musste. Falls einer der Bäume krank war, würde sie eine externe Firma mit der Entsorgung beauftragen müssen.

Langsam ging sie weiter und besah sich die einzelnen Sträucher, die wild und völlig planlos im Garten verteilt waren. Einige waren mehr tot als lebendig, wie Toni bedrückt feststellte. Die würde sie auf jeden Fall aus der Erde reißen müssen.

Im hintersten Winkel fand sie schließlich ein kleines Gartenhaus, das fast komplett hinter einer wuchernden Efeuwand verborgen war.

Sorgsam fotografierte sie jede Ecke des Gartens mit ihrem Handy. Mithilfe eines speziellen Computerprogrammes würde sie die Bilder später genau auswerten. Nur so würde sie für Fiona einen professionellen Plan erstellen können. Der Kostenvoranschlag würde allerdings einige Variablen enthalten, die sie Fiona dann erklären müsste.

Wie von Fiona verlangt, ließ sie die dunkle Hupe der Honda ertönen, als sie wenig später vor dem Tor stand. Beinahe augenblicklich schwangen die Torflügel auseinander und Toni fuhr nach Hause.

4

»Ich habe dich gestern Mittag vermisst.« Gerda hielt Toni eine Tasse Kaffee unter die Nase. »Magst du etwa meinen Kaffee oder gar meine Gesellschaft nicht mehr?« Gutmütig zwinkerte sie Toni zu.

»Wie kannst du so was nur denken, Gerda«, erwiderte Toni gespielt empört. »Nein, es gibt nicht wirklich einen Grund.«

»Und unwirklich?« Gerda verzog ihre Lippen zu einem fröhlichen Lächeln. »Wer ist sie, kenne ich sie?«

Toni nahm einen Schluck des heißen Gebräus und überdachte ihre Antwort. Sollte sie Gerda von Fiona erzählen? Was gab es überhaupt zu erzählen? »Ich habe einen Gartenauftrag ergattert und für die Planung geht gerade meine Freizeit flöten. Daher werde ich auch nicht mehr so oft hier vorbeisehen können, und mit dem Chef habe ich vereinbart, dass ich momentan nur für eine Firma den Kurierdienst übernehmen werde.«

»Ein Gartenauftrag, jetzt, im Dezember?« Ungläubig runzelte Gerda die Stirn. »Wie bist du da denn rangekommen?«

»Durch die Kurierfahrten. Du erinnerst dich an Eisler Consulting? Fiona Eisler, sie hat mir den Auftrag erteilt.« Toni versuchte, so neutral wie möglich zu klingen, doch sie spürte, wie ihr bei der Erwähnung von Fionas Namen die Röte in die Wangen stieg.

»Und warum wirst du rot, wenn du von ihr sprichst?« Das war wohl doch zu offensichtlich.

»Das liegt an der Wärme hier im Büro«, versuchte Toni, ihre Freundin vom Thema abzubringen, doch das Grinsen auf Gerdas Gesicht wurde eher noch breiter. Entnervt stellte Toni die Tasse auf den Tisch und warf sich die Umhängetasche über die Schulter. »Ich bin dann mal weg. Danke für den Kaffee.«

Sie wollte gehen, doch Gerda stellte sich ihr in den Weg. »Toni, du bist mir in den letzten Jahren eine gute Freundin geworden und ich hoffe, dass ich das auch für dich bin. Und wie viele Frauen habe ich in dieser Zeit kommen und gehen sehen?«

Seufzend hob Toni die Schultern. »Wohl so einige.«

»Ja, einige. Also, wer ist sie und was macht sie nun so besonders?«

»Ach, Gerda, du siehst Gespenster. Ich werde doch nur ihren Garten gestalten, mehr nicht.«

Gerda musterte sie mit skeptischem Blick. »Komm schon, Toni, ich kenne dich besser, als du denkst. Da ist ein Glühen in deinen Augen und ich habe noch nie erlebt, dass du rot geworden bist. Also, spuck es aus. Was hat sie, was andere vor ihr nicht hatten?«

Ergeben lehnte Toni sich gegen den Schreibtisch und sah an ihrer Freundin vorbei nach draußen. »Es ist wirklich seltsam. Sie ist so ganz anders als alle Frauen, die ich bisher kennengelernt habe. Auf der einen Seite ist sie kühl und unnahbar, auch sehr bestimmend, und auf der anderen Seite so verletzlich und zart. Und wenn sie lächelt . . .« Sie schloss einen Moment seufzend die Augen. »Wenn sie lächelt, dann geht in meinem Herzen die Sonne auf. Ich habe das bisher für ein doofes Klischee gehalten, für etwas, das es in Wahrheit gar nicht gibt. Aber bei ihr, da habe ich das wirklich so erlebt und es hat mich regelrecht umgehauen.«

Breit grinsend schlug Gerda ihr auf die Schulter. »Das sind ja mal ganz neue Töne von dir. Sie scheint dich wirklich beeindruckt zu haben.«

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...