»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner Art und Weise an mir interessiert ist. Bisher ist sie äußerst distanziert und eher unnahbar.« Toni stieß sich vom Schreibtisch ab und durchquerte langsam den Raum. »Außerdem gibt es da ein paar Dinge, die eben auch komisch bei ihr sind.« Sie strich sich nachdenklich über das Kinn. »Sie scheint Berührungen jeglicher Art auszuweichen, trägt zum Beispiel auch immer Handschuhe, selbst im Haus.«

»Dafür kann es viele Gründe geben, oder?« Gerda schien sich deutlich weniger daran zu stören als sie.

»Mag sein. Zudem wohnt sie in einer alten, ein bisschen heruntergekommenen Villa, in der sie nicht einmal alle Zimmer nutzt. Auf dem Weg zu ihrem Arbeitszimmer durchquert man einen dunklen Raum, der mit zugedeckten Möbeln vollgestellt ist. Zumindest vermute ich, dass es Möbel sind, die unter den Planen stecken. Das ist geradezu unheimlich.«

»Auch da kann es viele Gründe für geben. Aber wenn dich das alles stört, was willst du dann von ihr? Ich meine, und bitte nicht böse sein, aber bisher hast du dir eher wenige Gedanken bei der Wahl deiner Partnerinnen gemacht und einfach nur den Augenblick genossen. Was ist jetzt bei ihr also anders?«

»Schwierig zu sagen, Gerda.«

»Anders gefragt, Toni. Was weißt du von ihr und wer genau ist sie?«

»Ich kenne ihren Namen und ihre Adresse. Mehr eigentlich auch nicht«, gab Toni kleinlaut zu. »Aber . . .« Sie trat langsam zur Tür und zog sie auf. »Sie hat eine Aura um sich, etwas, das mich vom ersten Moment an fasziniert hat, und ihr Lächeln . . .«

Gerda runzelte die Stirn. »Ja, das hatten wir schon. Ist ein wenig dürftig, oder nicht?«

»Nun, ich habe es mir ja auch in den Kopf gesetzt, mehr über sie in Erfahrung zu bringen.«

»Wenn du dir da mal nicht zu viel vorgenommen hast.«

»Im Endeffekt spielt das auch keine Rolle, ich habe einen Auftrag ergattert und den werde ich erfüllen. Alles andere wird sich dann zeigen.«

»Tu mir nur den Gefallen und pass auf dich auf, Toni.«

»Keine Sorge, Gerda, das mach ich doch immer.« Damit verließ Toni das Büro und ging zu ihrem Motorrad.

Sie freute sich über den Auftrag, keine Frage. So ein größeres Gartenprojekt, das bekam man nicht alle Tage und es könnte ihr für die Zukunft viele Türen öffnen.

Und doch, der Garten, das war nur eine Sache. Der Gedanke, Fiona öfters zu sehen, mit ihr zu reden und ihr nahe zu sein, das war für Toni bedeutend wichtiger und damit betrat sie für sich Neuland. Denn abgesehen von Schwärmereien in der Schulzeit hatte sie sich noch nie zu einer Frau hingezogen gefühlt, die nicht auch sofort Interesse an ihr bekundet hatte.

Doch statt sich davon abschrecken zu lassen, hatte sie durchaus die Hoffnung, dass Fiona mit der Zeit zugänglicher werden und sich dann auch für Toni und ihre Qualitäten begeistern lassen würde.

5

Von der Kurierdienstfirma aus fuhr Toni direkt zu Fiona.

Sie hatte die halbe Nacht am Computer verbracht. Erst die Fotos eingelesen und dann ihre Fantasie spielen lassen. Am Ende hatte sie drei Pläne ausgedruckt und eine Tabelle mit den jeweiligen Kostenvoranschlägen.

Seit sie die Papiere in ihre Tasche gesteckt hatte, brannte sie darauf, ihre Entwürfe Fiona vorzustellen. Ungeduldig wippte sie auf ihren Fußballen auf und ab, bis die Torflügel mit einem leisen Klicken aufschwangen und den Weg freigaben.

»Ich habe nicht mit Ihnen gerechnet.« Fiona stand an der Tür und sah ihr mit gerunzelter Stirn entgegen.

»Aber«, irritiert strich Toni sich durch die kurzen Locken, »ich dachte, ich sollte Ihnen einen Plan unterbreiten.« Sie spürte die Enttäuschung, die sich in ihr breitmachte.

»Sicher, darüber hatten wir gesprochen.« Fiona schien Tonis Enttäuschung zu spüren und gab die Tür frei. »Ich hatte nur nicht mit Ihrem Enthusiasmus gerechnet. Da haben Sie mich gerade auf dem falschen Fuß erwischt.«

»Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht so überfahren. Aber wie Sie erkannt haben, steckt da mein Herzblut drin. So eine Chance kann ich mir nicht entgehen lassen.«

Fiona zögerte einen Augenblick, dann machte sie mit den Händen eine ergebene Geste und ging in ihr Arbeitszimmer vor.

Toni folgte ihr bedächtig und blieb in der halbgeöffneten Tür stehen. »Möchten Sie die Pläne denn sehen?«

Fiona schob ihre Brille ins Haar und winkte Toni zu sich heran. »Pläne? Sie meinen, Sie haben gleich mehrere aufgestellt?«

Eifrig zog Toni das Bündel Papier aus der Tasche und legte es vor Fiona auf den Schreibtisch. »Ich habe drei Varianten aufgestellt. Von den Kosten her sind sie relativ ähnlich. Wobei da noch ein paar Dinge zu klären sind, die unter Umständen ein paar Euro zusätzlich kosten würden. Das kann ich erst genauer sagen, wenn ich den Garten vollständig geprüft habe. Aber ich habe es schon unter den Zusatzkosten berücksichtigt. Vielleicht sehen Sie sich die Pläne einmal an und sagen mir dann, für welchen Sie sich entscheiden möchten. Und falls Sie da Änderungsvorschläge haben, kann ich das alles auch ganz leicht noch anpassen.« Toni spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden und wischte sie verstohlen an ihrer Hose ab.

Fiona warf nur einen kurzen Blick auf die Papiere und zog ihre schmalen Schultern nach oben. »Ich habe keine Ahnung von der Gestaltung, geschweige denn vom Garten überhaupt. Das ist Ihr Metier und ich verlasse mich darauf, dass Sie wissen, was Sie tun.« Sie schob das Bündel zur Seite und konzentrierte sich wieder auf ihre eigene Arbeit.

Enttäuscht zog Toni ihre Unterlippe zwischen die Zähne. Sie hatte mit etwas mehr Interesse gerechnet. Immerhin hatte Fiona explizit nach den Kosten gefragt. Außerdem machte sich Unsicherheit in ihr breit. Hatte sie jetzt den Auftrag oder nicht?

»Also, möchten Sie sich meine Vorschläge erst in Ruhe ansehen, oder haben Sie es sich mit dem Auftrag vielleicht doch anders überlegt?«

Fiona lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah sie über den Rand der Brille an. »Warum sollte ich es mir anders überlegt haben?« Ihr Blick ging von Toni zu den hohen Fenstern, durch die sie das Vogelhaus sehen konnte. »Nein, ich überlasse den Garten ganz Ihnen.« Ihre grünen Augen funkelten im einfallenden Sonnenlicht. »Überraschen Sie mich, Antonia.«

Toni faltete die Papiere zusammen und legte sie auf den Couchtisch. Erleichterung durchflutete sie. Zumindest hatte sie den Auftrag. Jetzt durfte sie Fiona nur nicht enttäuschen, sie musste sie mit dem Ergebnis so richtig beeindrucken.

Das ist es doch sowieso, was du willst, oder? Sie beeindrucken? Erstaunlicherweise stimmte das. Auch wenn es ihr schwerfiel, es in Worte zu fassen, da war etwas an Fiona, das Toni magisch anzog, das sie auch gern vertiefen würde. Und für ein Lächeln der schönen Frau würde sie tatsächlich alles tun. Jetzt musste sie sie nur dazu bringen, dass sie auch für sie lächelte.

»Nun gut, dann fange ich gleich an, wenn das für Sie in Ordnung geht?«, fügte sie schnell hinzu.

Fiona nickte stumm. Mehr an Zustimmung würde sie wohl nicht von ihr bekommen.

Toni ging nach vorn, stieg in ihre Stiefel und trat vor die Tür. Langsam umrundete sie das Haus und ging in den hinteren Teil des parkähnlichen Gartens.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...