Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle noch Werkzeug brauchen, doch für heute mussten ihre bloßen Hände genügen.

Ohne zu zögern griff sie in die Efeuranken, die das Gartenhaus umschlossen, und zog sie vom Haus fort. Anschließend ließ sie sich auf die Knie nieder und suchte nach den Wurzeln der Kletterpflanze. Sie würde sie am nächsten Tag und vor allem mit dem geeigneten Werkzeug ausgraben.

Da sie schon darauf spekuliert hatte, dass sie heute noch im Garten arbeiten würde, hatte sie statt der Motorradhose eine Jeans angezogen. Störend waren allerdings ihre schweren Stiefel, die sie bei der Arbeit im nassen Boden behinderten.

Dennoch war sie schnell in ihre Arbeit vertieft und vergaß so völlig die Zeit. Erst als es dunkel wurde, warf sie einen überraschten Blick auf die Armbanduhr. Sie streckte ihren Rücken durch und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

An der Seite des Hauses hatte sie zuvor bereits einen Wasserhahn entdeckt, unter dem sie ihre erdverkrusteten Hände abwaschen konnte. Nachdenklich sah sie auf die schwarze Erde, die langsam von ihren Fingern floss und sich zu ihren Füßen sammelte. Sie machte sich eine Gedankennotiz, auf jeden Fall Arbeitshandschuhe mitzubringen. Zudem würde sie einiges an Werkzeug benötigen, um die Arbeiten effektiver und vor allem schneller erledigen zu können. Einiges besaß sie selbst, doch vielleicht hatte Fiona ja auch etwas in ihrer Garage.

Da sie kein Tuch in der Tasche hatte, wischte sie sich ihre nassen Hände an der Hose ab. Mit einem kurzen Blick auf ihre verschmutzte Jeans trat sie an die Terrassentür und sah durch die Scheibe.

Fiona saß noch immer hinter ihrem Schreibtisch über ihre Unterlagen gebeugt.

Toni klopfte vorsichtig gegen die Scheibe und sah, wie Fiona erschrocken den Kopf hob. Natürlich, sie stand hier draußen im Dunkeln, sodass Fiona sie hinter den spiegelnden Scheiben nicht direkt sehen konnte.

Als Fiona sie erkannte, entspannten sich ihre Gesichtszüge. Sie kam zur Tür und öffnete sie. »Sie haben mich vielleicht erschreckt. Ich hatte ganz vergessen, dass Sie noch hier sind.«

»Entschuldigung, das war nicht meine Absicht. Ich wollte nur sagen, ich habe hier draußen schon mal einiges saubergemacht und vorbereitet. Wenn es Ihnen recht ist, dann würde ich morgen Nachmittag wiederkommen, nach der Uni.«

»Wie Sie wollen, ich bin sowieso hier.« Fiona nickte ihr kurz zu und wollte die Tür wieder schließen, als Toni schnell die Hand hob.

»Entschuldigen Sie, Fiona, ich muss Sie noch um etwas bitten.« Beinahe kleinlaut stand Toni an der Terrassentür.

Erneut wurde die Tür minimal geöffnet und Fiona sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Würden Sie mir bitte meinen Helm geben? Der liegt vorn an der Tür und so dreckig wie ich bin, da möchte ich nicht durch Ihr Haus laufen.«

Fiona ließ ihre Blicke langsam über Tonis Gestalt gleiten und sorgte damit für ein Kribbeln, das sich von Tonis Magengegend aus durch ihren ganzen Körper ausbreitete. Wie eine heiße Welle schwappte es geradezu über sie hinweg und raubte ihr den Atem.

»Ich bring ihn nach draußen.« Fiona schloss die Terrassentür und verließ das Arbeitszimmer.

Toni umrundete das Haus und wartete vor der Tür, als Fiona sie öffnete und ihr den Helm und die Motorradhandschuhe entgegenhielt. »Ich hatte keine Ahnung, dass Ihre Arbeit so dreckig sein würde.«

Grinsend sah Toni an sich herunter. »Ich liebe es, in der Erde zu buddeln. Im Winter vielleicht nicht ganz so sehr wie sonst, aber auch das hat was.« Toni griff nach dem Helm.

»Nun«, Fiona ließ den Helm nicht sofort los, »es ist doch sicher keine Freude, bei den derzeitigen Temperaturen nass durch die Gegend zu laufen oder gar mit dem Motorrad zu fahren.« Sie strich sich über ihre Nase. »Vielleicht sollten wir uns hier eine Lösung überlegen.«

»Das ist schon in Ordnung und macht mir nichts aus.« Toni spürte ein feines Kribbeln auf ihrem Gesicht, als Fionas Blicke über sie hinwegstrichen.

»Mag sein.« Fiona zog nachdenklich die Stirn kraus. Sie zauberte ein feinbesticktes Taschentuch aus ihrer Tasche und hielt es Toni entgegen. »Sie haben da etwas im Gesicht.«

Sie deutete auf Tonis Stirn, und Toni hoffte, dass sie ihr den Fleck abwischen würde, doch den Wunsch erfüllte Fiona ihr leider nicht. Schließlich nahm Toni ihr das Tuch aus der Hand und wischte sich damit über die Stirn. Als sie ihr das Tuch zurückgeben wollte, sah sie gerade noch rechtzeitig die dunklen Flecken, die nun das feine Tuch befleckten, und sie stopfte es schnell in ihre Hosentasche. Sie würde es zuerst waschen müssen, bevor sie es Fiona zurückgeben konnte.

»Sie sollten sich entsprechende Arbeitskleidung mitbringen und sich hier dann umziehen.«

Warum hatte Toni das Gefühl, als würde Fiona ihren Vorschlag im selben Moment, in dem er ihre Lippen verlassen hatte, schon wieder bereuen? Vielleicht, weil sie ihrem Blick auswich und beinahe verschämt zu Boden sah? Oder weil sie ihre Hände an den Seiten zu Fäusten geballt hatte?

Es war eine gute Idee, aber . . . Toni schüttelte den Kopf. »Ich möchte Ihnen nicht noch mehr Umstände machen. Aber danke für das Angebot.«

Sie stülpte sich den Helm über den Kopf und setzte sich auf die Maschine, als Fiona den Kopf zur Tür herausstreckte und mit ihren funkelnden Augen zu ihr heruntersah. »Bringen Sie Wäsche mit, das ist sinnvoller, und über die Umstände machen Sie sich mal keine Gedanken.«

Ihr intensiver Blick jagte einen warmen Schauer über Tonis Rücken und erwärmte sogar ihr Herz. »Dann mach ich das gern, danke. Bis morgen, Fiona, gute Nacht.«


In der Nacht lag Toni grübelnd im Bett. Sie fragte sich, warum Fiona ihr wirklich den Auftrag für den Garten erteilt hatte. Richtiges Interesse schien sie nicht daran zu haben. Sie hatte sich weder die Pläne angesehen, noch hatte sie wirklich zur Kenntnis genommen, dass Toni in ihrem Garten gearbeitet hatte. Sie hatte sogar vollständig verdrängt, dass sie da war.

Interesse sah anders aus. Zumal sie auch die Kostenvoranschläge nicht gesehen hatte. Da musste Toni unbedingt am nächsten Tag nachfragen, sonst könnte es für sie beide ein böses Erwachen geben. Sie hatte ja keine Vorstellung, wie es um Fionas finanzielle Situation stand. Wenn sie sich die Villa ansah und die Arbeiten, die eigentlich dringend nötig waren . . . vielleicht war es eine Frage der Finanzen und dann könnte sich Tonis Auftrag ganz schnell in Luft auflösen.

Seufzend drehte sie sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Mit der Hand tastete sie nach dem feinen Taschentuch, das Fiona ihr gegeben hatte. Tief sog sie den Hauch von Vanille in sich ein und schloss die Augen. Sofort tauchte Fionas schmales Gesicht vor ihr auf. Abgesehen von der geheimnisvollen Aura, die sie umgab, und die Toni in ihren Bann gezogen hatte, war Toni hin und weg von ihren unglaublich schönen Augen.

Was willst du eigentlich wirklich? Geht es dir um den Gartenauftrag oder möchtest du nicht mehr von der schönen Fiona? Natürlich willst du mehr, aber was will sie? Bisher hat sie kein Interesse an dir gezeigt.

Das kann sich aber noch ändern, gab sie sich selbst eigensinnig zur Antwort.

Verrenn dich da nur nicht. Und wenn, dann habe ich immer noch den Auftrag, und der allein ist Gold wert.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...