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»Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine Gästebad, da können Sie sich umziehen und nach der Arbeit auch wieder säubern.«

Sie führte Toni in den rechten Seitenflügel des Erdgeschosses. Was Fiona als kleines Bad bezeichnete, war größer als Tonis Badezimmer in ihrer Wohnung.

»Sind Sie sicher, dass ich das hier benutzen darf?« Erstaunt stellte Toni ihre Tasche auf den Boden und drehte sich zu Fiona um.

»Handtücher sind im Regal. Benötigen Sie noch etwas?« Fiona stand an der Tür und sah an Toni vorbei an die hintere Wand.

»Nein, danke, Fiona. Das ist wirklich sehr hilfreich und ich weiß das zu schätzen.«

Fiona nickte nur stumm und machte auch schon auf dem Absatz kehrt.

Wenig später trat Toni in ihrer Arbeitskleidung in das Arbeitszimmer. Überraschenderweise war Fiona nicht hinter ihrem Schreibtisch zu finden, sondern saß auf der Couch und besah sich Tonis Pläne, die ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch lagen.

»Haben Sie sich einen Plan ausgesucht? Oder möchten Sie es vielleicht ganz anders haben?« Toni trat neben sie und steckte sich die Handschuhe in die hintere Hosentasche. »Ich habe gesehen, dass Sie einen kleinen Teich hatten, den würde ich auch gern wiederbeleben. Falls Ihnen von meinen Plänen nichts zusagt, dann kann ich Ihnen auch noch weitere Vorschläge unterbreiten. Bis zur endgültigen Gestaltung dauert es eh noch eine ganze Weile, sodass jederzeit noch Änderungen möglich sind. Zuerst muss ich die bestehenden Hecken und Büsche stutzen und den ganzen Wildwuchs entfernen. Von dem Efeu ganz zu schweigen.«

»Nun, auf dem Plan sieht alles gut aus. Allerdings kann ich es mir schlecht in natura vorstellen. Von daher überlasse ich es Ihrem Sachverständnis und warte erst einmal ab.« Fiona strich mit ihren Handschuhen über das knisternde Papier.

Das war nicht das, was Toni erwartet hatte, aber besser als nichts. »Haben Sie sich auch die Kostenpläne angesehen? Immerhin weichen sie ein wenig voneinander ab und vielleicht gibt das ja dann den Ausschlag für Sie?«

Fiona zog das gefaltete Papier von unten hervor. »Sie meinen die Tabelle hier?« Unbewegt sah sie Toni entgegen.

Mit zitternden Fingern strich Toni sich übers Kinn. »Falls Ihnen die Preise zu hoch erscheinen, ich habe auch die Entsorgung der Gartenabfälle schon mit eingeplant sowie die Pflanzen, die ich im Frühjahr einpflanzen werde. Daher wird der Kostenplan auch nicht sofort fällig, sondern in mehreren Etappen. Außerdem habe ich einen Sonderposten aufgeführt, falls ich bei einigen Arbeiten zusätzliche Hilfe benötige. Das wird sich erst später zeigen, ich wollte es aber auf jeden Fall angemerkt haben.« Sie sprach ohne Punkt und Komma, in der Hoffnung, Fiona alles erklären zu können, bevor sie sie vielleicht unterbrach.

Fionas Mundwinkel zuckte ganz leicht, als sie Toni von der Couch her ansah.

Warum fällt es mir so schwer, in ihrem Gesicht zu lesen? Oder liegt es einfach nur daran, dass sie kaum Gefühle offenbart? Nervös trat Toni von einem Bein auf das andere, während sie auf Fionas Reaktion wartete.

Voller Anmut erhob sich Fiona und trat auf Toni zu, die ihr mit staubtrockenem Mund entgegensah.

»Der Kostenplan erscheint mir durchdacht und auch sehr präzise aufgestellt. Lernen Sie das an der Uni?«

»Unter anderem, ja.«

»Gut, ich bin einverstanden. Über die Kosten brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Lassen Sie mich nur immer wissen, wann ich eine Überweisung tätigen soll.«

Erleichtert zog Toni die Handschuhe aus der Hosentasche und zog sie sich an.

Fiona setzte sich hinter ihren wuchtigen Schreibtisch. »Wenn Sie etwas brauchen, dann kommen Sie zu mir. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«

»Ja, da wäre tatsächlich noch etwas.«

Fiona sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Wissen Sie, ob Sie Gartenwerkzeug haben? Eine Gartenschere zum Beispiel oder eine Harke?«

Nachdenklich knetete Fiona ihre Nasenwurzel. »Im Schuppen müsste etwas sein. Was genau kann ich Ihnen so aus dem Stegreif allerdings nicht sagen.«

»Das macht nichts. Ich schau selbst nach, wenn Sie gestatten, natürlich.« Toni wartete, bis Fiona ihr mit einem Nicken ihr Einverständnis gab.

Der Schuppen, wie Fiona ihn nannte, entpuppte sich als das kleine Gartenhaus, das Toni bereits am Tag zuvor von dem dichten Efeu befreit hatte. Voller Begeisterung sah sie sich im Inneren des Gartenhauses um. In einem Schrank fand sie ein gut sortiertes, augenscheinlich nagelneues Equipment, das beinahe zu schade war, um damit im Dreck zu wühlen. Da kannst du gleich einen großen Betrag wieder vom Kostenplan entfernen. Hier ist ja wirklich alles, was das Gärtnerherz braucht.

Mit einer Harke bewaffnet machte sie sich daran, die bereits freigelegten Wurzeln der Efeupflanze auszugraben. Es war eine beschwerliche Arbeit, und Toni wurde trotz der winterlichen Kälte schnell warm.

Kaum dass sie das Haus von dem wuchernden Efeu freigelegt hatte, ging sie zu der hohen Hecke, die Fionas Park von den Nachbarn trennte. Auch hier hatte sich der Efeu eingenistet und musste mühsam entfernt werden. Und überhaupt, Toni streckte sich kurz, die hohe Hecke gehörte ordentlich gestutzt, aber nicht zu viel, denn in so einer Hecke nisten Vögel gern. Allerdings war das eine Arbeit, die sie erst später angehen würde.

Jetzt lag ihr Augenmerk darauf, den ganzen Wildwuchs zu entfernen und die Wege wieder sichtbar und vor allem wieder begehbar zu machen. So, wie es aussah, war hier viel zu lange nichts mehr getan worden.

Mit beiden Händen zog sie den ausgegrabenen Efeu und totes Gestrüpp hervor und bündelte alles auf einem großen Haufen neben Fionas Garage. Das würde sie demnächst zur Deponie bringen.

Nach einiger Zeit begann es leicht zu schneien. Mist. Im Matsch kniend streckte Toni ihren Rücken durch und sah in den wolkenverhangenen Himmel hinauf. Hoffentlich bleibt es nicht liegen.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging zur Terrasse. Schnell kontrollierte sie noch das Vogelhaus, das ziemlich leergefuttert war und füllte aus dem Eimer Körner und Knödel nach. Zusätzlich legte sie noch ein paar Erdnüsse in das Häuschen, vielleicht würde sich damit ein Eichhörnchen anlocken lassen. Bei dem Baumbestand in dem weitläufigen Park war es sehr wahrscheinlich, dass es da einige gab.

Durch die geschlossene Terrassentür konnte sie Fiona sehen, die wie üblich hinter ihrem Schreibtisch saß und an ihrem Computer arbeitete. Homeoffice, wie es im Buche steht.

Toni klopfte sacht gegen die Scheibe. »Ich bin für heute fertig. Würden Sie mich bitte vorn hereinlassen?«

Fiona hob den Kopf und sah zu ihr hinaus. Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie Tonis verdreckte Kleidung zur Kenntnis nahm. Sie stand auf und kam zur Terrassentür. »Es scheint Ihnen wirklich Spaß zu machen, im Dreck zu wühlen.«

Toni sah an sich herunter und zog entschuldigend die Schultern nach oben. »Es ist viel Arbeit. Der Garten wurde schmählich vernachlässigt und einige Sträucher haben das nicht überlebt. Dafür hat sich der Efeu breitgemacht. Um es richtig zu machen, muss ich die Wurzeln gleich mit ausgraben, das ist beschwerlich und eben eine Drecksarbeit, vor allem um die Jahreszeit, wo alles nass und eben . . . dreckig ist.«

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...