Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts mehr getan, das stimmt.« Ihr Blick ging an Toni vorbei hinaus in den Garten, der so langsam in der Dämmerung verschwand. »Viel zu lange. Aber vielleicht ist es nun vorbei.«

Toni beschlich das Gefühl, dass sich ihre Worte nicht ausschließlich auf den Zustand des Gartens bezogen. Bevor sie jedoch etwas dazu sagen konnte, drehte Fiona sich um und verschwand aus dem Arbeitszimmer.

Schnell lief Toni um das Haus herum und wurde von Fiona eingelassen. In dem kleinen Badezimmer wusch sie sich die Erde von den Händen und zog sich ihre saubere Kleidung an. Mit der Tasche in der Hand trat sie in die Halle, wo Fiona bereits auf sie wartete.

»Bevor Sie morgen kommen, könnten Sie mir noch Unterlagen von der Firma mitbringen?« Fiona hielt ihr den Helm entgegen, während Toni in ihre schweren Stiefel stieg.

»Ja sicher, kann ich machen.« Toni zog sich ihre Sturmhaube über und nahm Fiona den Helm aus der Hand. »Soll ich auch etwas dort abgeben?«

»Nein, erst einmal nicht, danke.«

»Ist das denn rentabel für Sie? Von hier aus zu arbeiten und die Unterlagen ständig hin und her zu schicken?« Die Frage war schneller raus, als dass Toni sich auf die Zunge hätte beißen können.

Fiona runzelte leicht die Stirn und schüttelte den Kopf. »Es sind nur einige wenige Unterlagen, die per Kurier geschickt werden. Den Großteil der Arbeit erledige ich am Computer und dank Internet geht das auch problemlos von hier aus. Nur einige wenige Sachen gehen nur auf Papier, und da kommen Sie ins Spiel. Wenn Ihnen das aber lästig ist, dann beauftrage ich jemand anderen.«

»Nein, nicht doch, so war das nicht gemeint«, beschwichtigte Toni schnell. »Es geht mich ja auch nichts an. Entschuldigen Sie bitte meine Neugier.«

Fiona nickte ihr stumm zu und blieb an der Tür stehen, bis Toni ihre Maschine durch das Tor auf die Straße geschoben hatte und sie dort startete.

Zum Glück hatte der Schneefall wieder aufgehört und die Straßen waren bereits wieder von der weißen Pracht befreit.

Es wurde langsam Zeit, das Motorrad in der Garage zu lassen, doch Toni hatte keine wirkliche Alterative. Mit Bus und Bahn würde sie zwar zur Uni kommen, aber Fiona wohnte am anderen Ende der Stadt, da war es bedeutend umständlicher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Vielleicht hatte der Wettergott ja ein Einsehen mit ihr und beließ es bei den paar Flocken.

7

Mit langen Schritten sprang Toni am nächsten Mittag die Stufen nach oben und trat in das Foyer des Geschäftshauses.

Neben der schlechtgefärbten Blondine stand ein dickleibiger Mann, der Toni aus zusammengekniffenen Augen musterte.

Die Blondine hielt ihr wortlos einen Umschlag entgegen, den Toni fröhlich pfeifend in ihre Tasche steckte. Sie nickte den beiden freundlich zu und war auch schon wieder auf dem Weg nach draußen.

Ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Nacken ließ sie an der Tür zögern. Es war ein anderes Gefühl als sonst, wenn sie die Blicke der Blonden auf sich spürte. Mit der Hand an der Tür drehte sie sich um. Ihr Gespür hatte sie nicht getrogen. Es war nicht die Blondine, die ihr nachsah, sondern der beleibte Mann. Erst als Toni ihm direkt in sein feistes Gesicht sah, drehte er sich um und verschwand in einem der Aufzüge.

Nachdenklich strich Toni sich über das Kinn. Wer war das denn jetzt und was wollte er von mir?

Doch wenig später hatte sie den Mann bereits wieder verdrängt und wühlte sich erneut durch Fionas Gestrüpp.

»Autsch.« Toni zog ihre Hand aus dem Gestrüpp und sah beinahe ungläubig auf die roten Tropfen, die über ihren zerfetzten Handschuh liefen. Das fehlte jetzt noch.

Sie umwickelte ihre Hand mit einem Taschentuch und ging zur Terrassentür, hinter der sie Fiona bei der Arbeit vermutete. »Fiona, könnten Sie mich bitte hereinlassen?«

»Sind Sie bereits fertig für heute?« Fiona trat an die Tür und sah sie mit ihren herrlichen Augen an. Die zog sie jedoch merklich zusammen, als sie sie über Tonis Gesicht gleiten ließ. »Geht es Ihnen gut? Sie sind ja kreidebleich.« Ihr Blick wanderte tiefer und auf einmal sog sie hörbar die Luft in ihre Lungen ein. »Sie sind verletzt.«

»Ist nicht so schlimm, aber ich würde das gern auswaschen, und vielleicht haben Sie ja auch ein Pflaster für mich.«

»Natürlich, kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und bedeutete Toni einzutreten, doch Toni schüttelte schnell den Kopf.

»Nein, ich bin voller Matsch und Schlamm. Lassen Sie mich vorn herein, da bin ich auch gleich im Badezimmer.«

»Unsinn.« Fiona winkte sie zu sich. »Kommen Sie schon.«

Ergeben folgte Toni ihr durch das Haus ins Badezimmer, wo sie den Handschuh abstreifte und warmes Wasser über die Hand laufen ließ. Ein recht tiefer Riss zog sich quer über ihren Handrücken. Rotgefärbtes Wasser floss über die Hand in das Becken.

»Ein Pflaster reicht da nicht. Soll ich einen Arzt rufen?« Fiona stand in der Tür und sah sie mit einem merkwürdigen Blick an.

»Ach i wo, ist nicht so schlimm. Das hört gleich wieder auf.«

»Wie ist das passiert?« Fiona trat in den Raum, nahm ein kleines Kästchen aus dem Schrank und hielt es Toni entgegen.

»Könnten Sie?« Toni zeigte auf den Kasten und hielt ihre Hand weiter unter das warme Wasser. »Ich habe in etwas hineingegriffen. Da muss ich nachher noch schauen, was das war und es beseitigen.«

Fiona klappte den Kasten auf und zog ein Verbandspäckchen hervor. »Sind Sie sicher, dass das reicht?«

»Natürlich.« Toni schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. »Haben Sie vielleicht auch etwas zum Desinfizieren?«

»Ja sicher.« Fiona ging kurz aus dem Bad und hielt Toni wenig später eine kleine Flasche entgegen. Auf Tonis Bitten hin drückte sie auf den Auslöser. Feiner Nebel zischte aus der Flasche und legte sich über Tonis Handrücken.

Toni versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie stark das Mittel in ihrer Wunde brannte, doch sie konnte nicht verhindern, dass sie scharf die Luft einsog.

»Tut es sehr weh?« Ein mitleidiger Ausdruck lag auf Fionas weichen Zügen.

»Geht so«, presste Toni zwischen den Zähnen hervor. »Könnten Sie mir vielleicht noch helfen, den Verband darum zu wickeln?«

Fiona zögerte merklich. Als sie das Verbandspäckchen öffnen wollte, zitterten ihre Finger so stark, dass Toni es ihr wieder aus der Hand nahm. Sie steckte es zwischen ihre eigenen Zähne und riss mit der gesunden Hand die Verpackung auf. Sie wollte es gerade um ihre Hand wickeln, als Fiona es an sich nahm. Dankbar sah Toni die zarte Frau an, die mit stark geröteten Wangen vor ihr stand. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einer Geschwindigkeit, dass Toni befürchten musste, dass sie ohnmächtig wurde.

»Fiona, ich mach das schon, Sie brauchen mir nicht zu helfen.«

Fionas Kopf ruckte nach oben. Ihre grünen Augen, die sonst so wunderbar leuchten konnten, waren von einem trüben Schleier überzogen und glitten unstet hin und her. Sie schluckte hart, während ihre behandschuhten Hände unruhig durch die Luft ruderten.

»Setzen Sie sich doch, Sie sind ja ganz blass.« Besorgt beobachtete Toni, wie Fiona auf dem Absatz kehrtmachte und fluchtartig das Bad verließ.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...