Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah? Egal was es war, es war müßig, darüber nachzudenken, vor allem, da noch immer das Blut über ihre Hand lief.

Es war etwas mühsam, doch am Ende schaffte sie es, die Wunde zu versorgen und einen Verband um die Hand zu wickeln. Sie beseitigte die Spuren im Bad, zog sich schnell um und machte sich auf die Suche nach Fiona, die in ihrem Arbeitszimmer auf der Couch saß. »Ich denke, ich mache für heute Schluss.«

Fiona hob nicht einmal den Kopf. »Es tut mir leid.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, und gerade das jagte Toni einen kalten Schauer über den Rücken.

»Was meinen Sie? Was tut Ihnen leid?« Verwundert setzte Toni sich neben sie und wartete auf Fionas Antwort, die erst einmal auf sich warten ließ. »Fiona?«, hakte sie noch einmal nach.

»Ich konnte Ihnen nicht helfen.« Die leisen Worte schwangen durch den Raum und spiegelten Fionas Schmerz.

Ohne nachzudenken griff Toni nach ihrer Hand und drückte sie leicht. »Nicht jeder kann Blut sehen, da kenne ich einige.« Sie lächelte aufmunternd, doch das Lächeln erstarb, als Fiona ihr ruckartig die Hand entzog und in ihren Schoß legte.

Einen Moment saßen sie schweigend nebeneinander, dann stand Toni auf. »Bis morgen, Fiona.« Sie hob abwehrend die Hand. »Bleiben Sie sitzen, ich finde hinaus.« An der Tür sah sie sich noch einmal nach Fiona um.

Wie ein Häufchen Elend saß die schmale Frau auf der Couch, ihre behandschuhten Finger ineinander verwoben, und starrte vor sich ins Leere.

Toni zögerte. Konnte sie sie wirklich alleinlassen? Ihr Blick ging durch das Zimmer und blieb an den deutlichen Matschspuren am Boden kleben. »Fiona, könnten Sie mir noch sagen, wo ich einen Putzeimer finde?«

»Was?« Irritiert hob Fiona den Kopf.

Toni deutete auf die Spuren auf dem Parkettboden. »Ich würde das gern noch saubermachen, bevor ich fahre.«

Fionas Blick wanderte zu dem Schmutz auf dem Boden. »Das ist nicht nötig.«

»Bitte, Sie haben mich hier eingelassen, um mir schnell helfen zu können, jetzt kann ich nicht einfach so tun, als hätte ich Ihre Wohnung nicht gerade mit Matsch verschmiert.«

Ein kurzes Lächeln umspielte Fionas Lippen. »Sie sind sehr aufmerksam, Antonia, aber machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ich öffne Ihnen das Tor.« Damit erhob sie sich von der Couch und ging vor Toni her zur Eingangstür.

Zumindest ist sie nicht mehr so deprimiert, das ist doch schon mal was.

»Was ist denn mit dir passiert?« Gerda sah Toni erschrocken an, als sie zur Bürotür hereinkam.

Toni wedelte leicht mit dem dicken Verband vor ihrem Gesicht herum. »Ich habe in etwas Scharfes gegriffen. Es sieht jetzt schlimmer aus, als es tatsächlich ist.«

»Warst du beim Arzt?«

»Ach i wo, nicht nötig«, wiegelte Toni ab.

Gerda schien nicht überzeugt. Mit einem entschlossenen Griff zog sie Toni neben sich auf den zweiten Stuhl. »Bist du sicher? Soll ich es mir nicht wenigstens einmal ansehen?«

»Kannst du Blut sehen oder fällst du da in Ohnmacht?«

Verwundert zog Gerda die Augenbrauen hoch. »Würde ich es dir anbieten, wenn ich da Probleme hätte?«

»Ach, keine Ahnung.« Toni ließ seufzend den Kopf hängen.

»Was war denn los? Und damit meine ich nicht, wie du zu der Verletzung gekommen bist, sondern danach.«

»Woher . . .?« Toni brach ab. »Ist es so offensichtlich?« Auf Gerdas Nicken hin fuhr sie leise fort: »Sie wollte mir helfen, aber sie konnte nicht.«

»Weil sie kein Blut sehen kann?« Gerda legte den Kopf schräg. Vorsichtig entfernte sie den Verband um Tonis Hand, holte eine kleine Kiste aus der unteren Schublade und legte ihr einen frischen Verband an. »Viele Menschen können kein Blut sehen, einige werden sogar direkt ohnmächtig.«

»Ich weiß, das habe ich ihr auch gesagt. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es daran gar nicht lag. Da ist mehr. Ich habe dir doch schon einmal erzählt, dass sie Berührungen ausweicht, oder?«

Gerda nickte stumm.

»Sie konnte mich nicht anfassen.« In dem Moment, als sie die Worte aussprach, wusste sie, dass das das eigentliche Problem war.

»Oh, bist du sicher?« Gerdas Skepsis war unüberhörbar. »Oder war es doch nur der Anblick deines Blutes? Immerhin könnte auch das etwas in ihr ausgelöst haben, etwas, von dem du nichts weißt.«

»Das mag durchaus sein.« Toni strich sich nachdenklich über das Kinn. »Aber nein, ich bin fast sicher, dass es nicht an dem Blut lag.«

»Wenn du recht hast, was bedeutet das für dich?«

Toni entging nicht, dass Gerda sie nun mitleidig ansah. »Ich weiß es nicht. Es erklärt einiges, nicht alles. Aber wie ich damit umgehen soll«, sie zog die Schultern nach oben, »da habe ich keine Ahnung.«

Gerda legte ihr mütterlich die Hand auf die Schulter. »Vielleicht braucht sie einfach nur Zeit. Muss dich kennenlernen und auch lernen, dir zu vertrauen.«

»Mag sein. Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß es nicht, Gerda. Weißt du, vielleicht sollte ich mich nicht weiter darum bemühen, sie näher kennenlernen zu wollen, und mich nur noch auf ihren Garten konzentrieren.«

»Kannst du das denn?«

Ein tiefer Seufzer drang aus Tonis Kehle.

»Ich denke, das war Antwort genug. Ich würde dir ja gern helfen, aber da bin selbst ich ratlos.«

»Ich weiß. Trotzdem danke, Gerda.« Toni ging zur Tür. »Es ist schon komisch. Obwohl wir uns nur minimal und völlig unschuldig körperlich berührt haben, hat sie mein Herz voll und ganz eingenommen. Das ist doch verrückt, oder?«

»Offensichtlich hat sie etwas, das deine bisherigen Frauen nicht hatten«, schlussfolgerte Gerda. »Und deshalb willst du sie erobern.«

Toni schüttelte leicht den Kopf. »Sie ist definitiv nicht die Frau, die man einfach erobern kann. Und das möchte ich auch nicht. Das klingt so nach einem kurzen Abenteuer.«

»Dann willst du mehr von ihr«, stellte Gerda trocken fest. »Dann wird es in der Tat schwierig. Oder mache ich mir jetzt ein falsches Bild von ihr?«

Versonnen blickte Toni zum Fenster hinaus. »Sie ist . . . sie ist einfach geheimnisvoll.«

»Huh, das klingt ja interessant.« Gerda sah Toni mit einem Blick an, der sagen sollte: Spann mich nicht auf die Folter, erzähl schon mehr davon.

»Sie ist ganz widersprüchlich. Aufmerksam, freundlich und im nächsten Moment kühl, beinahe feindselig. Und doch, ein Blick in ihre Augen und sie könnte mir den Kopf abreißen und ich würde trotzdem bei ihr bleiben wollen.« Toni wandte sich wieder Gerda zu. »Ich weiß, das ist dürftig, aber ich kann es nicht besser erklären. Sie fasziniert mich und ich möchte einfach noch mehr über sie erfahren. Ist das denn falsch?«

»Was ist schon richtig und was ist falsch? Aber für mich klingt das, als hätte sie einige Probleme, und ich frage mich, ob du dir das wirklich antun möchtest.«

»Keine Ahnung, Gerda, echt nicht.«

Toni hörte in sich hinein. Dass Fiona Probleme hatte, das hatte sie ja schon selbst gemerkt. Doch egal wie sie es drehte und wendete, was war denn die Alternative? Sie konnte sich Fiona nicht mehr aus dem Kopf schlagen, der Zug war abgefahren, und das eigentlich schon vom ersten Abend an.

ENDE DER FORTSETZUNG

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...
Kopfschüttelnd ließ sie ihre Blicke über die verwilderten Büsche gleiten. Sie würde auf alle Fälle...
6 »Kommen Sie herein.« Fiona öffnete die Tür und ließ Toni eintreten. »Ich zeige Ihnen das kleine...
Fionas Züge verdunkelten sich und ihre Augen zogen sich merklich zusammen. »Es wurde lange nichts...
Also, Blut ist nicht so ihr Ding. Oder lag es an etwas anderem, etwas, das Toni gerade nicht sah?...