»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu, drehte sich um und verschwand in die andere Seite der Halle, ohne sich noch einmal umzusehen.

Etwas ratlos sah Toni ihr nach. Sie hatte ja schon einiges erlebt, aber dieses unhöfliche, beinahe feindselige Benehmen war doch schwer zu begreifen. Immerhin erledigte sie nur einen Auftrag und war nicht zum Spaß hier. Trotzig überlegte sie, ob sie nicht einfach nach Hause fahren sollte, doch die Aussicht auf den folgenden deftigen Rüffel von ihrem Chef ließ sie seufzend abwarten.

Sie stopfte ihre Handschuhe in den Helm und legte ihn sorgsam auf den Boden. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht zu lange dauern würde. Hier drin war sie zwar vom Regen geschützt, aber warm war es hier beileibe nicht.

Dann sah sie sich in der Halle um. In der Mitte führte eine breite Treppe nach oben. An den hohen Wänden rechts und links hingen zahlreiche Bilder, Porträts von finster aussehenden Personen aus einer definitiv lange vergangenen Zeit. Unwillkürlich kroch eine feine Gänsehaut ihren Rücken hoch. Dieser Ort wirkte unheimlich, fast verwunschen auf sie. Oder war es doch nur die Kälte?

Um sich durch Bewegung etwas warm zu halten, begann Toni in der Halle herumzulaufen. Doch die schweren Schritte ihrer Stiefel hallten wie Donnerschläge durch die hohe Halle und waren die einzigen Geräusche in dem großen Haus.

Aus einem Impuls heraus zog Toni die hohen Stiefel aus und stellte sie neben ihren Helm. Auf nunmehr leisen Sohlen schlich sie weiter durch die Halle und wartete. Zitternd schlang sie die Arme um ihren Körper.

Doch als Tonis Zähne anfingen, lautstark zu klappern, fasste sie einen Entschluss. Auf die Gefahr hin, aufdringlich zu wirken, suchte sie die Tür, hinter der die Hausbewohnerin verschwunden war, und ging hindurch.

Der Raum war jedoch genauso kalt wie die Halle hinter ihr und stockdunkel. Sie tastete an der Wand neben der Tür entlang und fand einen Schalter. Doch als sie ihn umlegte, geschah nichts. Also zog sie ihr Handy aus der Tasche und schaltete die Taschenlampe ein.

Verwundert sah sich Toni in dem Raum um. Rauchgeschwärzte, leere Wände und dicke Planen, die in der Mitte des Raumes etwas vor ihren Blicken verbargen. Erneut schlich ein eisiger Schauer über ihren Rücken. Warum wohnt man in solch einem riesigen Haus, wenn man die ganzen Räume gar nicht nutzt? Kopfschüttelnd dachte sie an ihre kleine, aber absolut gemütliche Einzimmerwohnung, in der sie jetzt bedeutend lieber wäre.

Zügig durchquerte sie den Raum und blieb vor einer geschlossenen Tür auf der anderen Seite stehen. Ohne es benennen zu können, war sie sicher, dass die Frau sich hinter dieser Tür befand.

Toni schob das Handy wieder in ihre Tasche zurück. Zögernd hob sie eine Hand und verharrte einen Moment. Sollte sie wirklich? Was kann schon passieren? Im schlimmsten Fall schmeißt sie dich raus. Und dann kannst du wenigstens nach Hause fahren.

Mit dem Fingerknöchel klopfte sie gegen die schwere Holztür und wartete auf eine Antwort, die nicht kam. Leichter Zweifel begann, an ihr zu nagen. Das zweite Mal klopfte sie bedeutend lauter und dieses Mal erklang tatsächlich ein dünnes »Herein.«

Toni schob die Tür auf und steckte ihren Kopf in das Zimmer.

Die Frau saß hinter einem großen Schreibtisch, der von einer altertümlichen Lampe beleuchtet wurde, und drehte ihr den Kopf entgegen. »Was gibt es denn noch?« Der eisige Tonfall in ihrer Stimme machte nur allzu deutlich, was sie von der Störung hielt.

Toni spürte, wie ihr Geduldsfaden langsam zu zerreißen drohte und atmete zweimal tief durch. Sie trat in den Raum und schob die Tür hinter sich zu.

Die Frau lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, sodass ihr Gesicht nun im Dunkel lag und Toni ihre Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Ihre behandschuhte Hand schwebte direkt über einem altmodischen Telefonhörer.

Wollte sie damit etwa um Hilfe rufen oder Toni das altertümliche Teil an den Kopf werfen? Toni atmete noch einmal durch und versuchte, so höflich und ruhig wie möglich zu fragen: »Wie lange dauert es noch?« Mit dem Rücken lehnte sie sich gegen die Tür. »Ihre Halle ist zwar trocken, aber auch nicht wärmer als draußen. Dürfte ich –«

Doch bevor Toni die Frage zu Ende stellen konnte, erwiderte die Hausherrin scharf: »Es dauert, bis ich fertig bin.«

Für einen Moment schien es, als wollte sie sich wieder ihrer Arbeit widmen und Toni einfach ignorieren, doch dann beugte sie sich nach vorn, schob eine viel zu große Brille nach oben in ihre Haare und ließ ihre Blicke über Toni gleiten. Ihre eben noch gerunzelte Stirn glättete sich, als sie bei Tonis Happy Socks ankam. Überhaupt wurden ihre Gesichtszüge etwas weicher.

Toni vergaß die Frage, ob sie hier im warmen Zimmer warten durfte, blieb weiter an die Tür gelehnt stehen und musterte ihrerseits die Frau vor ihr. Deren blonde Haare, und hier war sich Toni sicher, dass die Farbe echt war, umschmeichelten ein feines, längliches Gesicht. Hohe Wangenknochen und eine gerade Nase prägten ihre Züge.

Doch als sie nun Toni das erste Mal direkt ins Gesicht sah, blieb Toni regelrecht die Spucke weg, denn ihre grünen Augen schimmerten in einer Intensität, die sie an die unendlichen Tiefen der Bergseen erinnerte, die sie aus ihrer Jugend kannte.

Sie schluckte trocken, unfähig, sich von dem hypnotischen Blick zu lösen.

»War Ihr Auftrag nicht deutlich genug?« Ohne zu blinzeln sah die Frau Toni weiter an, die unter dem furchteinflößenden Blick immer mehr zusammenschrumpfte.

»Der Auftrag lautet, Ihnen Unterlagen zu bringen und auf eine Antwort zu warten. Das heißt aber nicht, dass ich im Regen und in der Kälte stehenbleiben muss. Dafür werde ich nicht bezahlt.« Der Frust ließ Toni jetzt doch ihre Höflichkeit vergessen. »Und überhaupt werde ich nur für die Fahrten bezahlt, nicht für die Warterei.«

Jetzt hätte sie es nicht gewundert, wenn F. Eisler sie nun aus dem Haus geschmissen hätte.

Doch zu ihrer Verwunderung neigte die den Kopf und nickte ihr zu. »Sie haben recht, die Halle ist wirklich kühl. Kommen Sie herein und wärmen Sie sich auf, ich benötige noch einen Augenblick.« Mit ihrer behandschuhten Hand deutete sie in das Zimmer hinein. »Und ich werde Sie natürlich auch für die Warterei entlohnen«, fügte sie leise hinzu.

Dankbar trat Toni in das Zimmer und stellte sich mit dem Rücken an die Heizung. Sie ließ ihre Blicke durch das aufgeräumte Zimmer gleiten.

Hinter der Frau befand sich ein in die Wand eingelassener Kamin, der jedoch nicht in Betrieb war. Schade, dachte Toni. Das würde dem Raum eine ganz andere Wärme geben als die trockene Heizungsluft und ihn auch bedeutend wohnlicher gestalten.

Nachdem sie einige Minuten an der Heizung gelehnt hatte, ließ das Zittern ihrer Glieder merklich nach. Sie zog ihre dicke Jacke aus und legte sie sorgsam auf die breite Couch, die neben der Heizung stand.

Unauffällig sah sie sich weiter um. Die seitliche Wand wurde von einem Bücherregal dominiert, das bis auf den letzten Platz mit dicken Büchern vollgestellt war. Ob sie die alle gelesen hat?

Durch hohe Panoramafenster konnte sie in den dunklen Garten hinaussehen, der nur durch die Lichtspiele der Nachbarn etwas beleuchtet wurde.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
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