Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau haften, die am Schreibtisch angestrengt die Papiere vor sich studierte.

Was für eine seltsame Erscheinung, ging es Toni durch den Kopf. So ganz in Schwarz gekleidet und mit der dicken, altmodischen Brille, die nun wieder auf ihrer Nase thronte, und den schwarzen Lederhandschuhen, die sie die ganze Zeit über trug.

Wofür das F wohl steht? Vielleicht Franziska. Unbewusst schüttelte Toni den Kopf. Nein, der Name passte nicht zu dieser Frau. Was könnte es sonst heißen? Friederike vielleicht, oder eher Fabienne. Es musste etwas Exotisches sein, dessen war sie sich sicher.

In diesem Moment hob F. Eisler den Kopf und ihre Blicke trafen aufeinander. Toni spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, fast wie damals, als ihre Lehrerin ihre schmachtenden Blicke auf sich bemerkt hatte . . . Moment, schmachtend? Das ist jetzt ein wenig übertrieben, oder?

Toni wandte sich ab, trat an das hohe Bücherregal und besah sich die einzelnen Titel. »Darf ich mir das ansehen?« Ihre Finger schwebten über dem ausgewählten Buchrücken, während sie über die Schulter hinweg zu Frau Eisler sah und auf ihre Antwort wartete.

Ohne sie eines Blickes zu würdigen, winkte sie Toni gnädig mit der Hand zu.

Königlich winken kann sie auf jeden Fall, stellte Toni beinahe amüsiert fest.

Mit dem Buch in der Hand trat Toni zur Couch und setzte sich auf die vorderste Kante. Sie begann zu lesen, doch schon nach wenigen Seiten wurden ihr die Augen schwer und drohten zuzufallen. Mühsam versuchte sie, dagegen anzukämpfen, doch der überhitzte Raum und die Tatsache, dass sie den ganzen Tag unterwegs gewesen war, ließen sie den Kampf verlieren.

Ein leises Poltern riss sie aus ihren Träumen und sie rieb müde ihre brennenden Augen.

»Haben Sie etwas gesagt?« Frau Eisler hatte den Kopf gehoben und sah irritiert von ihrem Schreibtisch aus zu ihr herüber.

Toni brauchte einen Augenblick, bis sie sich orientieren konnte. Verlegen hob sie das Buch vom Boden auf und legte es vor sich auf den Tisch. »Es tut mir leid, es war ein langer Tag und ich bin wohl eingenickt. Dauert es noch sehr lange?« Sie erhob sich von der Couch und schüttelte ihre Beine aus.

»Wie bereits gesagt, so lange, bis ich fertig bin.« Eine steile Falte erschien zwischen den feingeschwungenen Augenbrauen. Doch als sie Toni ansah, die sich seufzend die Haare raufte, fuhr sie etwas versöhnlicher fort: »Sie müssen sich leider noch etwas gedulden.«

»Kann ich die Unterlagen nicht morgen früh abholen? In dem Büro ist doch jetzt sicher auch niemand mehr.« Toni trat an das große Panoramafenster und hoffte auf eine erlösende Antwort.

Zu ihrem Leidwesen schüttelte die Frau den Kopf. Das Licht der Schreibtischlampe spiegelte sich dabei im dicken Rahmen der Brille. »Nein, das muss heute noch raus. Und Sie täuschen sich. Die Unterlagen werden erwartet.«

Ergeben zog Toni ihren Kopf zwischen die Schultern. Sie stopfte ihre Hände in die Hosentaschen und sah in den dunklen Garten hinaus. Rechts und links vom Grundstück warfen die Dekorationen der Nachbarhäuser bizarre Lichtspiele in den Nachthimmel.

Wieder spürte sie diese tiefe Müdigkeit, die ihr durch den Körper kroch. Ihr Blick ging zu der bequemen Couch und einen Moment war sie versucht, sich wieder darauf niederzulassen. Doch sie wusste, dass die Müdigkeit sie sofort wieder übermannen würde, und das wollte sie nicht. Es war ihr schon unangenehm genug, dass sie so einfach auf der fremden Couch eingeschlafen war. Aber das Stehen wurde von Minute zu Minute anstrengender. Wie sie die Fahrt zurück in diesem Wetter, das viel Konzentration verlangte, überstehen sollte, wusste sie nicht.

Toni ging nun doch zurück zur Couch und setzte sich vorsichtig nur auf die Kante. Bloß nicht zu bequem machen, sonst könnte sie nicht dafür garantieren, dass sie nicht doch wieder einschlafen würde. Doch egal wie sehr sie sich dagegen wehrte, ihre Augenlider waren schwer wie Blei und fielen unausweichlich zu.

»Wachen Sie auf.«

Ein kurzer Ruck an ihrer Schulter riss sie aus ihren Träumen und ließ sie erschrocken hochfahren. Im selben Moment spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter, die sie sanft drückte. Dieses Gefühl ging ihr durch und durch, währte jedoch nur eine kurze Sekunde. Denn die Hand wurde sofort zurückgezogen, als Toni erwachte und eine Entschuldigung murmelte.

»Schon gut. Es hat heute doch länger gedauert, aber ich bin fertig und Sie wollen sicher nach Hause, oder?«

»Ja, natürlich.« Toni hievte sich etwas wacklig von der Couch hoch. Dann folgte sie ihrer merkwürdigen Auftraggeberin in die Eingangshalle, wo sie Stiefel und Jacke anzog.

Schweigend reichte sie Toni die Mappe mit den Unterlagen, ließ jedoch nicht los, als Toni danach griff. »Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.« Ihre grünen Augen funkelten Toni an. »Man hatte mir einen Toni angekündigt. Sie können sich vielleicht meine Verwunderung vorstellen, als Sie dann vor meiner Tür standen.« Lange behandschuhte Finger strichen eine Strähne der weich fallenden blonden Haare hinters Ohr.

Toni erlaubte sich ein schiefes Grinsen. Das hatte ganz sicher die falsche Blondine zu verantworten. »Ich hatte keine Ahnung, dass mein Name für solch eine Verwirrung sorgen könnte.«

»Nun, wofür steht Ihr Name, wenn Sie mir die Frage erlauben?« Mit durchdringendem Blick musterte sie Tonis Gesicht.

Toni schluckte trocken. »Die Kurzform von Antonia, aber behalten Sie es bitte für sich.« Es sollte irgendwie lustig klingen, aber diese Bemerkung schien völlig fehl am Platz, denn ihr Gegenüber zeigte darauf keine Reaktion.

Sie wollte gehen, falsch, sie sollte gehen, doch sie konnte sich nicht bewegen. Wie gebannt sah sie in diese grünen, beinahe hypnotisch wirkenden Augen.

»Es ist ein schöner Name, Antonia. Sie sollten ihn nicht abkürzen.« Sie nickte Toni kurz zu und ihre Finger lösten sich von der Mappe.

Auf einmal empfand Toni ein Gefühl der Leere in sich, fast so, als wäre eine tiefgreifende Verbindung zwischen ihnen gekappt worden. »Mir gefällt Toni aber besser«, gab sie beinahe trotzig zurück. Aus einem Impuls heraus fügte sie noch hinzu: »Sie haben nun einen Vorteil mir gegenüber.«

»Und der wäre?« Die Frau sah sie stirnrunzelnd an.

»Sie kennen meinen Vornamen, ich Ihren aber nicht, Frau Eisler.«

»Und den würden Sie gern wissen?« Eine schmale Furche erschien zwischen ihren Augenbrauen, als sie ihre Augen zweifelnd zusammenkniff.

Toni nickte stumm.

Doch die Frau drehte sich nur um und ging durch die Halle zurück.

Als Toni schon nicht mehr daran glaubte, blieb sie stehen und sah sie über die Schulter hinweg noch einmal an. »Fiona.« Dann verschwand sie hinter der Tür zum Kaminzimmer.

Toni zog die schwere Haustür hinter sich zu und schob ihr Motorrad auf die Straße. Bevor sie sich den Helm auf ihre widerspenstigen Locken setzte, drehte sie sich noch einmal zu dem dunklen Haus um.

Wusste ich es doch, dass sie einen außergewöhnlichen Namen hat. Fiona, ein schöner Name für eine . . . ja, interessante, merkwürdige, hypnotisierende, wunderschöne Frau? Sie ist von allem etwas.

2

»Du siehst aus wie das blühende Leben, Toni. Wer war es diesmal?« Feine Lachfältchen umspielten Gerdas Augen.

»Hör bloß auf«, winkte Toni gähnend ab. »Der letzte Auftrag gestern hat mich bis halb zwei aufgehalten.«

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

1 »Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des...
»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie...
Toni betrat gerade die Stufen zum Eingang, als sich die schwere Haustür öffnete. Fiona empfing sie...
Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...