»Der letzte Auftrag?« Ungläubig blätterte Gerda in ihren Unterlagen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie die einzelnen Stellen ab, bis sie an einer Zeile verharrte. »Tatsächlich, hier steht es. Eisler Consulting, die Bezahlung ist für eine Fahrt mit Retoure. Und . . .«, verwundert sah sie von ihrem Blatt zu Toni und zurück, »und es wurde heute Morgen noch ein extra Bonus angewiesen, für den Fahrer. Das habe ich ja noch nie erlebt. Was hast du gemacht, oder sollte ich besser fragen: Was hast du angestellt?«

Toni strich sich leicht über die verwuschelten Haare. »Angestellt habe ich nichts, Gerda, was denkst du denn von mir?« Der skeptische Blick ihrer Freundin ließ sie sofort weiterreden. »Ich habe ihr nur klargemacht, dass ich nur für die Kurierfahrten bezahlt werde und nicht für stundenlanges Warten. Da hat sie gesagt, dass sie mich auch dafür entlohnen würde, da ich ja nun recht lange auf die Antwort warten musste. Aber ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass sie das auch tatsächlich tun würde.«

»So, so, und wer ist diese ominöse Sie?« Gerda verzog schmunzelnd die Lippen, während sie Toni den ersten Auftrag auf ihr Navi spielte und es ihr entgegenhielt.

»F. Eisler, von Eisler Consulting.« Toni schnappte sich das Navi und war auch schon zur Tür hinaus.

»Toniiii . . .«, schallte es empört hinter ihr her.

Einen Moment war Toni versucht gewesen, mit Gerda über Fiona zu sprechen. Doch dann hatte sie sich dagegen entschieden. Eigentlich gab es da ja auch nichts Interessantes zu erzählen, oder?

Am nächsten Tag fuhr Toni ins Büro und wollte gerade ihre Umhängetasche an den Haken hängen, als Gerda grinsend ihren Stuhl zu ihr herumdrehte.

»Was grinst du so?« Toni spürte ein merkwürdiges Kribbeln zwischen ihren Schulterblättern, während sie auf die Antwort ihrer Freundin wartete.

»Wie lange kennen wir uns schon?« Gerda schob sich einen Kugelschreiber zwischen die vollen Lippen und kaute darauf herum.

Warum hatte Toni das Gefühl, dass sie damit nur ihr breites Grinsen unterdrücken wollte? »Ist das eine rhetorische Frage oder erwartest du wirklich eine Antwort?« Da Gerda sie weiter nur stumm ansah, seufzte Toni leise auf. »Drei oder vier Jahre dürften es schon sein, oder?«

»Vier sind es«, bestätigte Gerda mit einem heftigen Kopfnicken. »Und die ganze Zeit hast du mir eines verschwiegen.« Erneut legte sie eine bedeutungsschwangere Pause ein.

»Und das wäre?« So langsam verlor Toni die Geduld.

Gerda stand auf und trat an den Tresen, hinter dem Toni lehnte, und stützte sich mit ihren Armen darauf. »Du hast mir nie gesagt, wie du wirklich heißt, Antonia.«

Toni verdrehte die Augen. »Woher hast du das denn?«, fragte sie verdutzt.

»Es stimmt also?« Gerda legte einen Zettel vor Toni auf den Tresen. »Es kam gerade eben noch ein Auftrag rein und es wurde explizit nach dir gefragt, Antonia.« Diesmal sprach sie den Namen genüsslich gedehnt aus.

Toni musste nicht auf den Zettel sehen, um zu wissen, von wem der Auftrag kam. Es gab nur eine Person, die ihren vollen Namen kannte. Sie steckte den Zettel unbesehen in ihre Tasche und wandte sich zur Tür, als Gerdas leise Stimme sie zurückhielt.

»Läuft da was zwischen euch, Toni?«

»Wie kommst du denn auf die Idee?« Toni fuhr empört herum. »Ich kenne sie doch überhaupt nicht!«

Gerda hob beschwichtigend die Hände. »Ist ja schon gut. Mir ist nur aufgefallen, dass sie nach einer Kurierfahrt gleich deinen Namen kennt aber ich nach vier Jahren noch nicht.«

Toni, die bereits an der Tür stand, kam an den Tresen zurück und sah ihr fest in die Augen. »Ich nenne mich Toni, seit ich vier Jahre alt bin. Ich habe sogar schon beim Standesamt nachgefragt, um meinen Namen offiziell ändern zu lassen, doch der Aufwand ist viel zu groß, von den Kosten ganz zu schweigen. Bisher hat auch noch keiner Toni infrage gestellt.«

»Das erklärt aber nicht, warum sie deinen richtigen Namen kennt.«

»Sie hat mich danach gefragt, so einfach ist das.« Toni zog ihre Schultern nach oben. »Ich habe ihr zwar gesagt, dass ich Toni bevorzuge, aber sie fand Antonia wohl schöner.« Um Gerda zu signalisieren, dass sie definitiv nicht weiter über diese Sache reden wollte, ging sie demonstrativ zur Tür.

»Dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende!«, rief Gerda gespielt streng hinter ihr her.

Toni warf ihr nur noch einen vielsagenden Blick zu, dann verließ sie das Büro.

So einfach war das, hatte sie Gerda gesagt, aber sie wusste genau, dass das so nicht stimmte. Fiona war nicht die erste Frau gewesen, die nach ihrem richtigen Namen gefragt hatte. Aber sie war die erste, der Toni ihn tatsächlich genannt hatte. Zu ihrer eigenen großen Überraschung, denn bisher hatte sie ihren verhassten Namen immer unter Verschluss gehalten.

Doch Fionas hypnotischem Blick hatte sie nicht widerstehen können.

»Ich muss schon sagen, ich bin etwas überrascht.«

Die Blondine hielt Toni die Mappe entgegen und musterte sie mit ihren schwarzgeschminkten Augen.

»Und warum sind Sie überrascht?« Toni packte die Mappe in ihre Tasche und warf sie sich schwungvoll über die Schulter.

Die kühle Sekretärin lehnte sich mit den Armen auf der Theke auf und bedeutete Toni mit dem Zeigefinger, näher zu kommen. »Sie sind die erste Kurierfahrerin, die namentlich von Frau Eisler für einen weiteren Auftrag angefragt wurde. Da frage ich mich natürlich, wie Sie das angestellt haben, Antonia.«

Die Art, wie die Blondine ihren Namen aussprach, ließ Toni innerlich zusammenzucken. Doch äußerlich blieb sie völlig gelassen, denn diese Genugtuung wollte sie der falschen Blonden nicht gönnen.

Aus dem Augenwinkel heraus konnte Toni sehen, dass sich auch die Brünette neugierig zu ihnen herüberlehnte, als Toni sich über die Theke beugte und leise, aber noch laut genug flüsterte, dass beide Frauen sie verstehen konnten: »Was auch immer es war, ich werde es Ihnen nicht verraten. Und im Übrigen bevorzuge ich Toni.«

Damit drehte sie sich um und verließ das Gebäude.

Auf der Fahrt durch die Stadt gingen Toni die Worte der Empfangsdame durch den Kopf. Hatte sie wirklich so einen besonderen Eindruck bei Fiona hinterlassen? Offensichtlich, wenn sie keinen Kurierfahrer vor ihr namentlich angefordert hat.

Überhaupt, Fiona. Sie war . . . ja, was war sie? Geheimnisvoll auf alle Fälle. Attraktiv, auf ihre eigene Art. Ihre grünen Augen, wenn sie sie nicht hinter ihrer altmodischen, geradezu riesigen Brille versteckte, hatten eine solch leuchtende, intensive Farbe, dass allein beim Gedanken daran Tonis Herz einen Zahn zulegte.

Wie berauscht hatte sie sich gefühlt, als Fiona sie von Kopf bis Fuß gemustert hatte. Die Intensität dieser Blicke hatte etwas in Toni ausgelöst, das sie so noch nie zuvor gespürt hatte, und das sie seither auch nicht mehr losgelassen hatte. Und genauso intensiv und beinahe ein wenig verstörend war das Gefühl der Wärme gewesen, das die kurze Berührung Fionas in ihr ausgelöst hatte. Ganz zu schweigen von der dunklen Leere, als sie die Verbindung mit ihr wieder gelöst hatte.

Jetzt, am frühen Nachmittag, konnte Toni die Villa und den großen Garten im Tageslicht genauer betrachten, als sie ihr Motorrad abgestellt und sich den Helm vom Kopf gezogen hatte.

Das herrschaftliche Haus hatte seine besten Zeiten hinter sich, überall bröckelte sichtbar der Putz von den Wänden. Und der Garten . . . Toni seufzte leise auf. Als ›naturbelassen‹ konnte man den traurigen Wildwuchs vielleicht bezeichnen, der selbst jetzt, im grauen Winter, nicht zu übersehen war.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

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»Sie können hier in der Halle warten.« Damit warf die Frau die schwere Eingangstür hinter Toni zu,...
Nachdem sie den ganzen Raum in sich aufgenommen hatte, blieben ihre Blicke wieder an der Frau...
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Auf dem kleinen Tisch in der Eingangshalle stellte Toni die Pakete ab. Über ihre Schulter hinweg...
»Sie wären erstaunt, wie viel man auch jetzt schon pflanzen kann. Winterharte Gehölze, aber auch...
»Na ja, warte mal ab, bevor du mir gratulierst, denn noch weiß ich nicht, ob sie in irgendeiner...