Vorsichtig blickte die große Frau sich um, als sie aus dem Hotelzimmer trat. Die ausladenden Polster ihrer Jacke betonten ihre breiten Schultern noch.

Ein Geräusch! Schnell huschte sie ins Zimmer zurück.

Die Angestellten des Hotels, die zu dieser späten – oder eher schon frühen – Stunde noch im Dienst waren, begaben sich auf dem Gang dorthin, wo ihre Aufgaben es verlangten. Das Geräusch ihrer Schritte verklang auf den tiefen Schlingen des Teppichs.

Erneut öffnete die Tür sich, und der dunkle, lockige Kopf schob sich wieder heraus. Diesmal wurde der forschende Blick weder von einer herannahenden Gestalt noch von einem Laut aufgehalten. Mit geschmeidigen Bewegungen huschte die Frau durch den nun stillen Korridor, von dem die Türen des exklusiven Hotels wie Eingänge zu der Intimsphäre einzelner Menschen abgingen.

Sie nahm nicht den Lift, sondern die Treppe, als sie fast lautlos in die Hotelhalle hinunterschlich. Bis dort war alles gutgegangen, aber als sie die Halle durchquerte, um zum Ausgang zu gelangen, erhaschte der Nachtportier, der weiter hinten in seiner Loge gewesen war, einen Blick von ihr. Eifrig kam er herausgeschossen.

»Taxi, Madame?«

Sie wandte den Blick ab, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte, schüttelte den Kopf und murmelte unterdrückt: »Nein, danke.« Ihre Stimme wäre schwer wiederzuerkennen gewesen.

»Aber es regnet!« Besorgt kam er ihr nach, während sie den Ausgang schon fast erreicht hatte.

Diesmal antwortete sie nicht. Schnell stieß sie die Drehtür auf und schlüpfte hinaus wie ein Fisch, der in sein eigenes Element zurückkehrt.

Er versuchte, ihr noch hinterherzulaufen, sah sie aber nicht mehr, als er die Drehtür draußen vor dem Hotel verließ und halb geschützt unter dem Vordach stand.

Unverrichteter Dinge drehte er die Tür, die gleichzeitig Eingang und Ausgang markierte, weiter und begab sich wieder in die trockene Halle zurück, während er sich leicht schüttelte, um die wenigen Regentropfen, die ihn getroffen hatten, loszuwerden.

1

Mord! Mord im Hotel!«, schrien am frühen Morgen die Schlagzeilen.

»Haben Sie das gelesen, Frau Doktor?« Aufgeregt kam eine Krankenschwester zu Dr. Sylvia-Katharina Stein herein. »Das ist ja schrecklich!«

Die dunklen Augen hoben sich von Sylvias Schreibtisch und streiften die junge blonde Frau nur uninteressiert. »Irgendjemand, den Sie kannten?«

Heftig schüttelte die grünäugige Antonella Lübbert den Kopf. Ihre rotblonden Haare verteilten sich glänzend und gleichmäßig auf den Schultern ihres weißen Kittels wie ein erdbeerfarbener Wasserfall. »Im Sheraton? Da kenne ich niemand.« Sie lachte leicht. »Ist nicht meine Preisklasse.«

»Dann sollten wir uns nicht darum kümmern«, bemerkte Sylvia nüchtern. »Das geht uns nichts an.« Ihre Augen senkten sich wieder auf die Röntgenbilder, die sie eben schon betrachtet hatte.

»Aber es ist eine rätselhafte Geschichte!« Aufgeregt trat Antonella zu ihr. »Kurz nachdem es passiert sein muss, hat eine Frau das Hotel verlassen. Der Nachtportier hat sie gesehen. Kannte sie aber nicht. War kein Gast des Hotels, sagte er.«

Leicht genervt lehnte Sylvia sich in ihrem Stuhl zurück und sah Antonella an. »Kennen Sie den Nachtportier?«

Antonella schüttelte den Kopf. »Nein. Woher?«

Sylvias Augenbrauen zogen sich missbilligend zusammen. »Was interessiert Sie dann so an dieser Geschichte?«

»Denken Sie, dass sie ihn umgebracht hat?«, fragte Antonella mit gerunzelter Stirn, offensichtlich entzückt von dem Thema und keinesfalls gewillt, es so schnell aufzugeben.

Gleichgültig zuckte Frau Dr. Stein die Schultern. »Woher soll ich das wissen? Aber die Polizei wird es schon herausfinden.«

»Sind Sie denn gar nicht neugierig?« Obwohl sie es eigentlich hätte besser wissen müssen, schien Antonella schwer enttäuscht vom mangelnden Interesse ihrer Chefin. Sie hatte offensichtlich gehofft, dass sie mit Sylvia die eine oder andere Theorie wälzen konnte. Mörderjagd auf Miss-Marple-Art.

»Neugierig worauf?«, fragte Sylvia betont gleichgültig und widmete sich wieder den Röntgenbildern.

»Na, er soll ja . . .«, verschwörerisch blinzelnd beugte Antonella sich vor, »ein – wie man so sagt – Mann von Welt gewesen sein.«

Sylvias Mundwinkel zuckten. »Und was soll das bedeuten?« Sie warf nur einen kurzen Blick von unten zu Antonella hoch, dessen ablehnenden Hinweis Antonella jedoch vollständig ignorierte.

»Sie wissen schon . . .« Mit einem blinzelnden Zwinkern oder einem zwinkernden Blinzeln – je nachdem, worauf man mehr achtete – lehnte sie immer noch halb über Sylvias Schreibtisch. »Frauen.«

Obwohl Sylvia leicht zusammenzuckte, versuchte sie das zu verbergen. »Das ist doch nichts Besonderes«, bemerkte sie abweisend. »Jedenfalls nichts«, sie hob die Augenbrauen und schenkte Antonella nun einen stechenden Blick, »das uns von der Arbeit abhalten sollte.«

Mit schmollend verzogenen Lippen richtete Antonella sich auf. »Ich geh ja schon«, bemerkte sie widerstrebend. »Soll ich die nächste Patientin reinschicken?«

Fast hätte Sylvia erneut die Augen gerollt. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

Mit einem beleidigten Schwenken ihrer Hüften begab Antonella sich nach draußen.

Als sie endlich die Tür hinter sich schloss, lehnte Sylvia sich mit einem leisen Ausatmen in ihren Stuhl zurück. Die Anspannung fiel für einen Augenblick von ihr ab. Sie würde nur ein paar Sekunden Zeit haben, bis die Patientin hereinkam, die Antonella angekündigt hatte. Das musste reichen, um sich zu fangen.

Doch bevor die Tür sich erneut öffnete, klingelte schon das Telefon. Sie nahm ab. »Was ist denn?«, fragte sie etwas barsch.

»Ihre Schwester.« Antonellas Stimme klang immer noch beleidigt. Ein bisschen Klatsch und Tratsch hätte Sylvia ihr schon an diesem heißen Morgen gönnen können.

Aber hier in Santiago war es ja immer heiß. In Sylvias Praxis lief eine Klimaanlage. Anders wäre es kaum auszuhalten gewesen. »Stellen Sie durch«, sagte sie.

»Warum muss ich über Antonella gehen?«, erklang eine wesentlich jüngere Stimme vorwurfsvoll aus dem Telefonhörer. »Warum nimmst du dein Handy nicht ab?«

Schnell warf Sylvia einen Blick zu ihrer Handtasche hinüber. »Ich glaube, es ist gar nicht an«, sagte sie. »Vielleicht habe ich es nicht aufgeladen.«

»Vielleicht.« Sofies Stimme klang mindestens so beleidigt, wie Antonella zuvor das Zimmer verlassen hatte. »Mit Absicht«, behauptete sie.

»Eine Patientin wartet.« Sylvia ging gar nicht auf ihre Teenagervorwürfe ein. »Ist etwas Wichtiges?«

»Immer wartet irgendeine Patientin oder ein Patient«, ergoss sich Sofies Stimme dennoch unzufrieden über sie. »Und was ist mit mir?«

Tief atmete Sylvia durch. »Was ist mit dir?«, fragte sie dann mit ruhiger Stimme. »Ist irgendetwas?«

»Das weißt du ganz genau!« Empört hob sich Sofies Stimme, sodass sie nun sehr kindlich klang. »Hast du mein Handy?«

Diesmal zuckte Sylvia sichtlich zusammen, weil niemand im Zimmer war und Sofie sie auch nicht sehen konnte. Doch ihre Stimme klang genauso ruhig wie zuvor, als sie antwortete: »Ja, ich habe dein Handy.«

»Gut.« Sofie atmete hörbar aus. »Warum hast du es nicht zu Hause gelassen?«

»Habe ich vergessen«, sagte Sylvia. »Aber du kannst es dir in der Praxis abholen, wenn du von der Uni kommst.«

Das passte Sofie überhaupt nicht, sie wollte ihr Handy jetzt haben, jetzt, in diesem Augenblick, das war Sylvia vollkommen klar, aber sie konnte es nicht ändern. Und nachdem es schließlich Sofie gewesen war, die wieder einmal – Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken und brach ihre Überlegungen ab.

»Dann muss Joaquín mir seins geben«, beschloss Sofie in diesem Moment. Sicherlich hätte sie am liebsten von Sylvia verlangt, dass sie ihr Sofies Handy in die Uni bringen sollte, aber aus Erfahrung hatte sie gleichzeitig gewusst, dass dieses Ansinnen aussichtslos war.

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

Vorsichtig blickte die große Frau sich um, als sie aus dem Hotelzimmer trat. Die ausladenden...
»Kannst du nicht mal eine einzige Stunde ohne Handy auskommen?«, fragte Sylvia seufzend. »Davon...
Sie zuckte die Schultern. »Was soll ich dazu sagen?« Gleichzeitig erhob sie sich. »Ein Glas Wein?«...
»Ich verstehe nur Bahnhof«, mischte Sofie sich unzufrieden ein. Ihr Blick wanderte zwischen...
»Sie waren dort. Man hat Sie gesehen«, wiederholte er mit kalter Stimme. »Und Ihr Handy beweist,...
Schon wieder diese unbekannte ausländische Nummer. Irritiert schüttelte sie den Kopf. Sollte sie...
Seit drei Tagen ging das so, und auch wenn sie nach außen hin den Anschein erweckte, dass sie das...
»Nicht deshalb.« Auch Mara stand wieder auf. »Du weißt ganz genau, dass das nicht der Grund war....
Erneut lachte Sylvia hohl auf. »Das wird nicht so einfach sein. Der Polizeipräfekt hat es...