»Kannst du nicht mal eine einzige Stunde ohne Handy auskommen?«, fragte Sylvia seufzend. »Davon geht doch die Welt nicht unter.«

»Das verstehst du nicht«, behauptete Sofie. »Ich brauche unbedingt ein Handy. Jetzt.«

Sylvia wusste ganz genau, dass jegliche Nachfrage, warum Sofie genau jetzt unbedingt ein Handy brauchte, nur sinnlose Antworten ergeben würde, und sie hatte dafür jetzt auch gar keine Zeit. »Joaquín wird sicherlich begeistert sein«, bemerkte sie trocken.

»Oh ja.« Sofies Stimme klang gar nicht trocken, sondern mehr als fröhlich. Selbstzufrieden. »Er ist jedes Mal begeistert, wenn er etwas für mich tun kann. Er steht total auf mich.«

»Und du auf ihn?«, fragte Sylvia.

Darauf bekam sie keine Antwort. Aber sie wusste, dass Sofie einen angeblich festen Freund hatte, der einen anderen Namen trug. Cristóbal. Ehrlich gesagt mochte Sylvia Cristóbal nicht, sie fand ihn ziemlich eingebildet, aber in diesem Moment tat er ihr leid.

Anscheinend war er nicht da, um Sofie sein Handy zu leihen – oder vielleicht hatte er auch genug Rückgrat gehabt, es ihr zu verweigern –, und so spielte Sofie jetzt diesen Joaquín gegen ihn aus. Während sie auch noch andere Eisen im Feuer hatte. Wie der Verlust ihres Handys bewies.

»Bis später«, sagte Sylvia und legte auf. Es hatte jetzt gar keinen Sinn, noch weiter mit Sofie zu reden.

Und sie hatte eine Patientin, die schon viel zu lange auf sie wartete.

2

Mit müden Händen fuhr Sylvia sich über das Gesicht. Es war ein langer Tag gewesen. Aber nun war sie endlich zu Hause.

Tief durchatmend stand sie auf der Terrasse ihres Hauses und blickte auf die Stadt hinunter. Die kleine Villa stand etwas erhöht auf einem Hügel und erlaubte einen schönen Ausblick. Sie hatte Glück gehabt, sagte dieses Panorama unter ihr. Sie hatte ein Haus, es ging ihr gut, ihre Praxis konnte gar nicht alle Patienten aufnehmen, die vorbeikamen, weil sie den Ruf hatte, eine gute Ärztin zu sein. Die Leute vertrauten ihr, erhofften sich Hilfe von ihr, bewunderten ihren weißen Kittel und hatten Respekt davor.

Allerdings erwarteten sie manchmal auch ein bisschen zu viel. Als wäre sie wirklich eine Göttin in Weiß. Doch das war sie nicht. Sie war nur ein Mensch, der sein Bestes tat, um anderen zu helfen. Manchmal war aber selbst das Beste nicht gut genug, und dann verzweifelte sie fast an ihrem Beruf. Wie damals, als sie das Kind nicht hatte retten können . . .

Schnell wandte sie sich um, ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein und nahm ein Glas aus dem Schrank, goss sich einen Schluck von dem fruchtig-herben Rotwein ein, der hier in Chile an den Hängen wuchs, von denen man so einen guten Blick ins Tal hinunter hatte, und befeuchtete ihre Kehle mit dem köstlichen Tropfen.

Erst seit sie in Chile war, hatte sie sich an Wein gewöhnt. Früher war sie dem Alkohol ziemlich abhold gewesen. Sie fand, das ließ sich nicht mit ihrem Verantwortungsbewusstsein als Ärztin vereinbaren.

Schließlich konnte es immer einmal sein, dass sie zu einem Notfall gerufen wurde. Und wenn sie dann zu viel Alkohol im Blut hatte? Dann konnte sie einem Menschen vielleicht nicht helfen, der darauf angewiesen war.

Doch auch in völlig nüchternem Zustand konnte man vielleicht nicht helfen. Das hatte sie schmerzlich erkennen müssen. Danach war ihr der Alkohol ein Trost gewesen, obwohl sie das nie für möglich gehalten hätte. Ein falscher Trost, wie sie nach einiger Zeit ebenfalls erkennen musste, denn Alkohol löste Probleme nicht.

Doch er konnte ein wenig entspannen nach einem harten Tag, und das nahm sie jetzt für sich in Anspruch. Mit dem Glas in der Hand setzte sie sich auf die Terrasse und beobachtete den Sonnenuntergang. Geräusche schwirrten durch die Luft wie Staub, allgegenwärtig und doch nicht identifizierbar.

Die Nachbarn im Viertel genossen ihren Feierabend, und selbst von unten aus der Stadt klang Musik herauf. Musik war in Südamerika ebenso allgegenwärtig wie die Sonne und der Staub. Die Menschen hier hatten ein ganz anderes Lebensgefühl, als sie es aus Europa gekannt hatte.

Sie hatte Jahre gebraucht, um sich daran zu gewöhnen. Dennoch war dieses Lebensgefühl nicht ihr Lebensgefühl. Das würde es nie sein. Was sie hin und wieder bedauerte.

Sofie hatte sich da wesentlich besser angepasst. Aber sie war ja auch viel jünger. Sie sprach Spanisch wie eine Einheimische, während Sylvia noch immer einen deutlich hörbaren Akzent ihr eigen nannte.

Doch hier in Chile war ein deutscher Akzent nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Es gab viele Einheimische mit deutschen Namen hier, mit deutschen Vorfahren, wie beispielsweise auch ihre blonde Sprechstundenhilfe Antonella Lübbert. Sie sprach kein Wort Deutsch mehr wie die meisten Deutsch-Chilenen, aber der Name war geblieben. Und das Aussehen, da häufig nur innerhalb der deutschen Gemeinschaft geheiratet wurde.

Ein deutscher Name wurde hier oft sogar als Qualitätsmerkmal betrachtet. Ärzte trugen deutsche Namen, Anwälte, viele Geschäfte. Und das, obwohl die deutsche Gemeinschaft nicht wirklich groß war. Aber die alten deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Ordnung genossen hier großes Ansehen, auch wenn die spanisch-stämmigen Chilenen manchmal darüber lachten.

Diese Tugenden, die in der deutschen Gemeinschaft hoch-gehalten wurden, führten dazu, dass viele Deutsch-Chilenen mehr Wert auf Bildung und Ausbildung legten als ihre anderen Landsleute. Und deshalb dann auch im Leben mehr Erfolg hatten. Auf jeden Fall in finanzieller Hinsicht.

Das wurde aber nicht als schlecht angesehen. Neid auf etwas, das andere hatten, man selbst jedoch nicht besaß, gab es in Chile so gut wie gar nicht. Ein großer Unterschied zu Deutschland, obwohl die meisten Chilenen weit ärmer waren als die meisten Deutschen in Deutschland.

Das war mit ein Grund, warum Sylvia sich hier in Chile mittlerweile im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr wohlfühlte. Sie arbeitete viel, und doch gab es weniger Stress, weniger Druck von außen.

Den einzigen Druck machte sie sich selbst. Weil sie immer perfekt sein wollte. Die beste Ärztin, die es gab. Nicht um dafür belohnt zu werden, sondern einfach, weil das ihr Berufsethos war.

»¿Está bien, doctor?«, rief jemand von unten herauf.

Das war auch etwas, das hier völlig normal war. Niemand ging an einem anderen vorbei, ohne ihn zu grüßen oder sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Selbst in einer großen Stadt wie Santiago wurden alle wie Nachbarn oder Familie behandelt.

»Muy bien, gracias«, gab sie lächelnd zurück. »¿Y usted, Señor Agustín?« Es war eine völlig banale Unterhaltung, und doch unterstützte sie sie dabei, sich noch mehr zu entspannen.

»Muy bien, muy bien.« Der ältere Mann winkte ab, kam aber zu ihr ans Grundstück heran, blickte sie kurz fragend an und öffnete dann ihr Gartentor, als sie zustimmend nickte. Mit gemächlichen Schritten schlenderte er auf die Terrasse zu. »Haben Sie das gehört von dem Mord im Hotel?«

Da das heute mehrmals Gesprächsthema gewesen war, zuckte sie nicht mehr zusammen, sondern nickte nur. »Ja, habe ich gehört.«

»Und was sagen Sie dazu?«

Das gehörte auch dazu, Ärztin zu sein. Man gehörte sozusagen automatisch zu den Honoratioren der Gemeinde, und auf die Meinung eines Honoratioren wurde immer Wert gelegt.

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

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