Ja, es waren kranke Menschen. Ja, es waren Menschen, die Hilfe brauchten. Und Judith war eine hervorragende Ärztin. Sie konnte ihnen oft helfen. Aber sie war doch nicht die Einzige. Und manchmal konnte sie eben auch nicht helfen. Selbst wenn sie mit dem Kopf durch die Wand ging.

Aber das wollte sie nie einsehen. Sie war dazu da, um anderen zu helfen. Das stellte sie immer über ihr eigenes Wohlergehen. Auch über das der Frau, die sie angeblich liebte und mit der sie zusammenlebte. Mara.

Angeblich. Das war der entscheidende Punkt. Judith hatte es nie ausgesprochen. Sie hatte nie gesagt, dass sie Mara liebte. Mara hatte es ihr gesagt, aber Judith umgekehrt nie.

Das wird schon noch kommen, hatte Mara gedacht. Aber auch nach Jahren noch war es das nicht. Und dann war Judith auf einmal weggewesen.

Mara hatte sehr darunter gelitten, hatte lange Zeit gebraucht, sich davon zu erholen. Aber zum Schluss war sie darauf gekommen, dass das wohl der eindeutige Beweis dafür war, dass Judith sie eben nicht liebte. Dass sie es nie getan hatte. Es war ein Beweis, kein Indiz. Das hatte sie akzeptiert und versucht, damit abzuschließen.

Aber in den ganzen vergangenen Jahren hatte es keine Frau geschafft, ihr Herz zu erobern. Darin wohnte immer noch die große Frau mit den breiten Schultern, die in einem Abendkleid ebenso gut aussah wie in einem Ärztekittel. Die alle Blicke auf sich zog und das gar nicht bemerkte, weil sie in Gedanken schon wieder den nächsten Patienten oder die nächste Patientin vor Augen hatte und wie sie sie gesundmachen konnte. Das war alles, woran ihr etwas lag.

Mara sah Judiths Gesicht vor sich, wie sie sie heute in der Zelle angesehen hatte. Auch in diesem Zustand zog sie wahrscheinlich noch immer viele Blicke auf sich, aber es waren andere Blicke. Mitleidige Blicke. Oder auch hasserfüllte.

Mara fragte sich, was dieser junge Mann, dieser Cristó, gegen Judith hatte. Wenn er sogar mit ihrer Schwester verlobt war. So hatte es sich jedenfalls angehört. Hätte er da nicht eigentlich auf der Seite der Familie stehen müssen, in die er hineinheiraten wollte?

Vielleicht war das aber auch nur ein Wunschtraum von Sofie. Sie war jetzt eine junge Frau, nicht mehr das Kind, als das Mara sie zuletzt gekannt hatte. Dennoch war sie eine noch sehr junge Frau, ein Teenager. Dem Gesetz nach war sie zwar erwachsen, aber dem Kopf nach? Ihrer Lebenserfahrung nach? Noch lange nicht.

Judiths Gesicht stand vor ihr im Raum, als wäre sie da. Diese dunklen Augen, dieses dunkle Haar, diese ganze attraktive Erscheinung.

Mara hatte sie nicht mehr vermisst, seit sie sich damit abgefunden hatte, dass sie sie nie mehr wiedersehen würde.

Aber nun hatte sie sie wiedergesehen.

Die Erschöpfung bewahrte sie davor, endlos darüber nachzudenken, was das jetzt für eine Bedeutung für ihr Leben hatte.

Sie hatte keine Wahl. Sie musste die Augen schließen.

Und dann schlief sie ein.

7

»Das ist Señor Tibón, Mara«, stellte Sofie mit einer nachlässigen Handbewegung vor, als Mara am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam. Sie hatte länger geschlafen, als sie wollte. Der Zeitunterschied von sechs Stunden machte sich doch bemerkbar. »Und das ist Señora Arnold.« Sofie wies auf Mara. »Sie kommt aus Deutschland.«

Sie hatte zum Schluss Spanisch gesprochen, aber die paar Brocken konnte Mara auch verstehen. Etwas fragend schaute sie den Mann mit den buschigen Augenbrauen an, der bei Sofie auf der Terrasse saß.

»Buenos días«, sagte sie auf Spanisch, aber viel mehr würde sie außer ihren fürs Gefängnis auswendig gelernten Sätzen wohl nicht zusammenbekommen.

Offenbar spielte sich hier alles draußen ab. Sofie frühstückte und dieser chilenische ältere Herr trank einen Kaffee. »Buenos días Señora«, begrüßte er sie.

Dann fügte er noch etwas auf Spanisch hinzu, das Mara sich aber nicht erschließen konnte.

»Es tut mir leid«, sagte sie auf Englisch. »Aber ich spreche kein Spanisch.«

Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. »Das macht nichts«, erwiderte er ebenfalls auf Englisch. »Ich habe mich nur erkundigt, wie es der Frau Doktor geht. Die Señorita«, er ließ seinen Blick kurz zu Sofie hinüberschweifen, »sagte, dass Sie gestern bei ihr im Gefängnis waren.«

»Ja.« Mara sah sich nach einem Stuhl um, da sprang er schon auf und holte einen, den er ihr zuvorkommend an den Tisch stellte. »Danke«, sagte sie.

Nicht dass Sofie, die eigentlich im Moment hier die Hausherrin war, sich eher darum hätte kümmern sollen.

»Keine Ursache«, erwiderte er höflich und wartete, bis sie sich an den Tisch gesetzt hatte, bevor er sich ebenfalls wieder setzte.

Was für Manieren, dachte Mara. Dabei war der Mann doch ein ganzes Stück älter als sie und hätte für sich selbst eine solche Behandlung einfordern können.

Jetzt forderte er aber nichts, sondern sah sie nur an.

»Dr. Stein geht es gut«, gab sie Auskunft. »Den Umständen entsprechend.«

Er holte tief Luft. »Also nicht so gut«, schloss er aus ihrer Antwort. »Ist auch nicht anders zu erwarten in unseren Gefängnissen hier. Kein Aufenthalt für eine Dame aus Europa. Zumal, wenn sie unschuldig ist.«

Mara hob die Augenbrauen. »Sie denken, sie ist unschuldig?«, fragte sie. Suchend sah sie sich nach etwas zu essen um, denn sie hatte das letzte Mal auf dem Flug gegessen.

Er schob ihr einen Brotkorb und eine Schale hin. »Cazuela«, sagte er.

Im Brotkorb lagen eine Art Brötchen, die Schale enthielt eine Art Eintopf, mit großen Brocken Fleisch und Gemüse darin. Das nannte sich vermutlich Cazuela, auch wenn Mara das nicht genau wusste.

Jetzt endlich schien sich Sofie ihrer Hausherrinnenpflichten zu besinnen. »Lieber Honig?«, fragte sie. »Gibt es auch.« Sie schob Mara ein Glas über den Tisch. »Die Cazuela ist noch von gestern. Sehr gut.«

»Aber nicht unbedingt was zum Frühstück«, lachte Mara. »Jedenfalls nicht für mich.« Sie nahm sich ein Brötchen und das Glas Honig.

»Sind Sie eine Verwandte der Doctora?«, fragte Agustín.

Mara wusste nicht genau, was sie auf diese Frage antworten sollte. Vielleicht war es besser, sich als Verwandte auszugeben als als ehemalige Geliebte oder Liebhaberin? Lebensgefährtin? Sie wusste nicht genau, wie engstirnig die Leute in Chile in Bezug auf solche Dinge waren.

»Ja«, sagte sie. »Ich bin ihre Cousine.«

Sofie hob erstaunt die Augenbrauen, aber Mara warf ihr einen warnenden Blick zu, und Sofie blieb still.

Eine Verwandte hatte immer das Recht, sich zu kümmern. Das verstand man auf der ganzen Welt. Deshalb hatte Mara sich spontan dafür entschieden, dass sie als Cousine unauffälliger war.

Obwohl sie nicht gern log. Aber das hier war eine Notlüge. Die ganze Sache war schwierig genug, ohne dass man sie noch unnötig komplizierte.

»Sie ist Anwältin«, erklärte Sofie, auch auf Englisch. »Deshalb habe ich sie geholt.«

»Ach?« Interessiert hob nun Agustín die Augenbrauen. »Sie wollen die Doctora verteidigen?«

Bedauernd schüttelte Mara den Kopf. »Leider kann ich das nicht. Das muss ein hiesiger Anwalt tun. Ich bin hier nicht zugelassen und kann auch kein Spanisch.« Sie lachte etwas. »Hätte ich das gewusst, hätte ich vor Jahren einen Kurs belegt.«

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

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»Das denke ich ja auch«, sagte Sofie. Sie rang die Hände. »Aber Cristó ist so davon überzeugt .....
Ja, es waren kranke Menschen. Ja, es waren Menschen, die Hilfe brauchten. Und Judith war eine...
Er lächelte leicht. »Wer kann so etwas schon wissen?« »Das ist wahr.« Mara nickte. »Mit so etwas...

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