Sie zuckte die Schultern. »Was soll ich dazu sagen?« Gleichzeitig erhob sie sich. »Ein Glas Wein?«

Agustín Tibón lächelte leicht und nickte. »Ihr Wein ist der beste, Doctora.«

»Bitte nehmen Sie doch Platz.« Einladend wies Sylvia auf einen der Stühle auf der Terrasse.

Es wäre äußerst unhöflich gewesen, den Überraschungsbesuch ihres Nachbarn, der gleichzeitig auch der Besitzer der Eisenwarenhandlung war, nicht entsprechend zu würdigen. So etwas geschah jeden Tag. Man musste niemanden einladen, damit er auf ein Glas Wein vorbeikam. Das passierte ganz von selbst.

Rasch hatte sie ein zweites Glas gefüllt und reichte es ihm.

»Merkwürdige Geschichte«, sagte er, als er das Glas entgegennahm. »Finden Sie nicht auch?«

Wieder zuckte Sylvia die Achseln. »Ich weiß nichts darüber. Nicht mehr, als in der Zeitung stand. Er war Ausländer?«

Sie setzte sich zurück auf ihren Stuhl, der ein Stück entfernt von dem von Señor Tibón stand, und griff erneut nach ihrem Glas, das sie auf dem kleinen Tischchen in der Mitte abgestellt hatte, als sie hineingegangen war, um den Wein für ihren Nachbarn zu holen.

»Ja, ein Gringo«, sagte Agustín. »Oh, verzeihen Sie.« Er verneigte sich im Sitzen leicht vor ihr.

»Nichts zu verzeihen.« Sylvia schüttelte den Kopf. »Er war nicht von hier, weshalb er wohl im Hotel wohnte.«

»Ja . . . Im Hotel . . .« Sehr gedehnt sprach er das aus, bevor er einen Schluck von seinem Wein nahm und sich mit ausgestreckten Beinen zurücklehnte. »Und da hat er eine Dame empfangen.« Er machte ein leicht hohles Geräusch. »Nicht nur eine anscheinend.«

Dazu sagte Sylvia nichts. Sie nahm nur ebenfalls einen Schluck und schaute auf das Panorama hinunter.

»Und die letzte hat ihn wohl umgebracht«, fuhr Agustín fort. »Der Portier hat sie gesehen.«

Das Glas in Sylvias Hand begann zu zittern, und sie stellte es auf dem Tisch neben sich ab.

Mit Adlerblick – seine buschigen Brauen, die die dunklen Augen fast wie Reetdächer überschatteten, trugen zu diesem Eindruck bei – betrachtete Agustín das Gewimmel unter ihnen. »Eine große Frau mit breiten Schultern«, erklärte er dem Himmel und der Weite. »Keine Einheimische.«

Sylvia zitterte innerlich wie äußerlich, aber sie versuchte, sich zu beherrschen, brachte sich mühsam wieder zur Ruhe. Ob Angriff wohl die beste Verteidigung war? überlegte sie. Was, wenn sie jetzt einfach sagen würde: Groß und breite Schultern? So wie ich?

Aber das erschien ihr dann doch zu gefährlich. Also sagte sie nichts.

»Du hast dein Handy immer noch nicht aufgeladen, oder?« Aus dem Haus heraus drang Sofies Stimme auf die Terrasse.

»Ich –« Konsterniert drehte Sylvia sich halb um. »Ich habe noch nicht nachgeschaut. Hast du versucht, mich anzurufen?«

»Nein«, sagte Sofie. »Aber ich hätte darauf gewettet, dass du es immer noch nicht aufgeladen hast.«

Zumindest einer ihrer Mundwinkel zeigte nach unten. Sein Handy nicht aufzuladen, nicht erreichbar zu sein, das grenzte in ihren Augen offensichtlich an so etwas wie Hochverrat.

Hinter Sofie betrat nun auch Cristóbal die Terrasse. »Buenas tardes doctor«, begrüßte er Sylvia mit seiner Stimme, die immer wie Samt klang. Allerdings Samt, unter dem Eisenspäne lauerten.

»Buenas tardes Cristóbal«, gab Sylvia den Gruß nickend zurück. »Du hast Sofie von der Uni abgeholt?«

»Ja, ganz überraschend«, beantwortete Sofie anstelle von Cristóbal die Frage. Ihre Augen leuchteten, als sie ihn daraufhin ansah. »Ich hatte ihn gar nicht erwartet.«

»Señor Tibón«, stellte Sylvia mit einer Handbewegung auf Agustín hin vor. »Und das ist Cristóbal –« In diesem Moment fiel ihr auf, dass sie Cristóbals Nachnamen gar nicht kannte.

»Gutiérrez«, ergänzte Cristóbal da jedoch auch schon. »Cristóbal Gutiérrez Aguilar.« Er neigte leicht den Kopf in Agustíns Richtung. »Erfreut, Señor Tibón.«

Agustín Tibón schien sich noch nicht dafür entschieden zu haben, ob er über diese Begegnung erfreut sein sollte. Er betrachtete Cristóbal nur aufmerksam und nickte angedeutet unter seinen buschigen Augenbrauen.

»Komm, Cristó.« Mit einem befehlenden Unterton in der Stimme drehte Sofie sich um. »Ich glaube, wir stören hier nur. Lass uns in mein Zimmer gehen.« Sie machte zwei Schritte, merkte dann aber, dass Cristóbal ihr nicht folgte, und blieb stehen, blickte mit hochgezogenen Augenbrauen halb über ihre Schulter irritiert auf ihn, wie er immer noch dastand.

»Jetzt nicht, Süße«, gab Cristóbal fast zurechtweisend auf ihre Aufforderung hin zurück. »Ich bin nicht privat hier.«

Sofies hochgezogene Augenbrauen zogen sich noch zusätzlich zusammen.

Doch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Cristóbal schon fort: »Ist das Ihr Handy, Frau Doktor?« und präsentierte Sylvia das Gerät fast direkt vor ihrer Nase.

Sylvia stutzte. Wie kam Cristóbal an ihr Handy? Sie warf einen genaueren Blick darauf, aber es war ganz klar ihres, das erkannte sie an einem kleinen Sprung der Panzerglasfolie in der Ecke.

»Ja«, bestätigte sie. »Sieht so aus. Woher –?« Sie wollte nach dem Handy greifen, da zog Cristóbal es schon zurück und verweigerte ihr den Zugriff darauf.

»Ich muss Sie bitten, mich aufs Polizeipräsidium zu begleiten, Frau Doktor.« Er sah Sylvia mit einem Blick an, der keinen Widerspruch zu dulden schien.

Sylvia beherrschte sich, aber sie konnte sich doch nicht zurückhalten zu fragen: »Aufs Polizeipräsidium? Warum? Weil ich mein Handy irgendwo verloren habe?«

»Cristóbal . . .« Sofie trat wieder zu ihnen, mit fragendem Blick. »Was soll das? Was tust du da?«

»Du weißt, dass ich Polizist bin«, warf Cristóbal ihr kurz hin, als ob er ein lästiges kleines Kind stummschalten wollte. »Ich tue nur meine Arbeit.«

»Deine . . . Arbeit?« Das schien Sofie beinah zu erschüttern, obwohl sie sich sonst immer gern den Anschein gab, nicht so leicht zu erschüttern zu sein. »Deshalb hast du mich so überraschend von der Uni abgeholt?«

Er beantwortete die Frage nicht, sondern wandte sich wieder an Sylvia. »Ich soll Sie auf die Präfektur bringen, Señora Stein.«

Seine Stimme hatte den samtigen Klang ganz verloren. Es klirrten nur noch die Eisenspäne. Und er verzichtete auf die Anrede Frau Doktor. Was bedeutete, dass er Sylvia seinen Respekt verweigerte, sie auf eine tiefere Stufe versetzen wollte.

»Wärst du vielleicht so gütig, mir zu erklären, warum?«, fragte sie, stand jedoch gleichzeitig auf. Nun war sie genauso groß wie Cristóbal, was ihr ein besseres Gefühl verlieh.

»Das sagt Ihnen der Comisario auf der Präfektur, wenn wir da sind«, meinte Cristóbal abschätzig. Er streckte seinen Rücken durch, um von oben auf sie herunterblicken zu können. Auch wenn es nur ein Zentimeter war.

»Bist du nicht der Sohn von Valentina Aguilar Duarte?«, fragte da auf einmal unerwartet Agustín aus dem Hintergrund.

Nach einem kurzen Stutzen blickte Cristóbal über Sylvias Schulter zu ihm hin. »Aguilar de Gutiérrez«, korrigierte er hochmütig.

»Ja natürlich.« Agustín nickte. »Wenn dein Vater Gutiérrez heißt.« Auch er stand nun auf, sehr gemessen und unaufgeregt. Was der allgemeinen Stimmung auf der Terrasse entgegenlief. »Kannst du deiner Mutter einen Gruß von mir bestellen? Sie wird sich bestimmt an Agustín Tibón Mondaca erinnern. Wir haben uns früher einmal gekannt. Auch wenn es schon lange her ist.«

Dieses zu einem anderen Thema abschweifende Gespräch brachte Cristóbal ein wenig aus dem Konzept, wie man ihm deutlich anmerkte. Seine Augenbrauen bildeten fast ein spitzes, zusammengekniffenes Dach oberhalb seiner Nase.

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

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