»Ich verstehe nur Bahnhof«, mischte Sofie sich unzufrieden ein. Ihr Blick wanderte zwischen Cristóbal und Sylvia hin und her, mit einem kurzen Umweg über Agustín. »Kann mir jemand mal erklären, was hier los ist?« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Was willst du von meiner Schwester, Cristó? Warum soll sie mitkommen?«

Sofie war nicht so groß wie Sylvia, deshalb musste sie zu ihm hochschauen. Und dass er im Gegensatz zu seinem gescheiterten Versuch bei ihrer im wahrsten Sinne großen älteren Schwester auf sie hinunterschauen konnte, nutzte er weidlich aus, um den Statusunterschied zwischen ihm und ihr klarzumachen.

»Darüber darf ich nicht reden«, bemerkte er überheblich mit noch zusätzlich erhobenem Kinn. »Das ist eine laufende Polizeiuntersuchung.«

»Was für eine Untersuchung?«, fragte Agustín sofort.

Diesmal war Cristóbal absolut nicht auf der Hut – oder vielleicht wollte er auch einfach nur damit angeben, wie wichtig er war –, denn er antwortete: »Es geht um den Mord im Hotel.«

»Den Mord im Hotel?«, echote Sofie und sie wurde blass. Anders als zuvor, als ihr Blick sie nur leicht verwirrt gestreift hatte, sah sie Sylvia nun hilfesuchend an.

»Deine Schwester hat ihr Handy gerade selbst wiedererkannt«, ließ Cristóbal sich nun nicht mehr davon abhalten, seine offizielle Position herauszukehren. »Das wurde dort gefunden.«

Sylvia hatte das Gefühl, ihre Knie knickten ein. Haltsuchend griff sie nach der Lehne des Stuhls, auf dem sie zuvor gesessen hatte. »Dort?«, wisperte sie kaum hörbar. »Da habe ich es verloren?«

»Sie geben es zu?« Wie ein Pfeil, der scharf zischend in der Luft wendet, schoss Cristóbals Blick zu ihr herum. »Dass Sie dort waren?«

»Sylvia . . .«, flüsterte Sofie kraftlos.

Sylvia richtete ihren leicht zusammengesunkenen Rücken auf, ließ die Lehne des Stuhls los und sah Cristóbal nun fast auf dieselbe Art an wie Cristóbal zuvor sie. Von oben herab, obwohl sie gleich groß waren.

»Gehen wir auf die Präfektur«, sagte sie.

3

»Wie kam Ihr Handy in das Hotelzimmer des Toten?« Jeder einzelne Buchstabe in der Frage des Comisario schien voneinander abgesetzt. Als würde ein Maschinengewehr rattern.

Sylvia schwieg, als hätte sie ihn gar nicht gehört.

»Antworten Sie!«, herrschte er sie an.

Langsam hob sie den Kopf. »Ich habe nichts zu sagen.« Ihre dunkle Stimme klang ruhig und gleichmäßig.

»Aber Sie haben es zugegeben.« Seine Augen nahmen kurz Cristóbal in den Blick, der stramm wie ein Soldat hinter Sylvia in einer Ecke des Raumes stand. »Das steht im Protokoll.«

Fast wie unter Zwang schüttelte Sylvia den Kopf. »Ich habe dieses Protokoll nicht geschrieben.«

»Sie bestreiten also, das gesagt zu haben?«, fragte Cristóbals Vorgesetzter.

»Ich bestreite gar nichts«, entgegnete Sylvia äußerlich gelassen, auch wenn innerlich in ihr ein Sturm tobte. »Und ich gebe nichts zu. Ich mache keine Aussage.«

»Das wird Ihnen auch nicht viel nützen.« Mit einem entschlossenen Ausdruck im Gesicht beugte der Comisario sich vor. Seine dunklen Augen glühten gefährlich. »Man hat Sie gesehen. Der Portier hat Sie gesehen, als Sie das Hotel verließen. Direkt nachdem sie Señor Dubois umgebracht hatten.«

Ohne dass sie es verhindern konnte, zuckten Sylvias Schultern hoch. Doch sie fing sich schnell wieder. »Ich habe ihn nicht umgebracht«, sagte sie leise.

Ein böswilliges Glitzern ließ seine Augen aufleuchten. Die Klimaanlage blies kalte Luft in den kahlen Raum, und doch hatte man das Gefühl, alle schwitzten. Alle außer Sylvia, die kühl wie ein nordischer Eisblock erschien.

»Ihr Handy ist von ganz allein in sein Zimmer geflogen?«, fragte er hinterhältig. »Sie waren niemals da?« Doch bevor Sylvia überhaupt hätte antworten können, setzte er noch hinzu: »Das können Sie mir nicht erzählen, Frau Doktor. Die . . . Damen haben sich bei ihm die Klinke in die Hand gegeben, und Sie waren eine davon. Geben Sie es doch zu.«

»Ich kann nichts zugeben, was nicht stimmt.« Immer noch wirkte Sylvia trotz ihrer inneren Erschütterung kühl. Was sollte sie nur sagen? Ihr fiel einfach nichts ein. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf wäre leer wie eine ausgelaufene Badewanne.

»Dann geben Sie doch einfach zu, was stimmt«, schlug der Comisario ziemlich gehässig vor. »Señor Dubois hatte es leicht bei den Frauen. Sie sind ihm hinterhergelaufen. Dann hat er ihnen ihr Geld abgenommen und ist verschwunden. Heiratsschwindler, Betrüger, Bonvivant . . . Egal, wie Sie das nennen wollen, aber nett war er nicht. Oder nur so lange, bis er das Geld der jeweiligen Dame hatte.« Er lehnte sich zurück. »Wie viel hat er Ihnen abgenommen?«

»Nichts«, sagte Sylvia. »Ich . . .«, sie zögerte, »kannte ihn gar nicht.«

»Das Bett in seinem Zimmer sah benutzt aus.« Sich nun einen ganz entspannten Anschein gebend wippte der Comisario auf den beiden hinteren Beinen seines Stuhls vor und zurück. »Sehr . . . benutzt. Zerwühlt. Er hatte nicht nur allein darin gelegen. Da hatte gerade zuvor etwas stattgefunden.« Sein Blick wanderte an ihrem Körper hinunter. »Mit einer Frau.«

Bei aller Kühle, die sie ausstrahlte, wurde Sylvia nun doch heiß. Er hatte sie gerade mit seinen Blicken ausgezogen, sich vorgestellt, wie sie nackt mit François Dubois im Bett gelegen und Sex mit ihm gehabt hatte. Das war – neben allem anderen, was hier stattfand – ein sehr unangenehmer Gedanke.

Aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Sie musste unberührt erscheinen. Als ob das alles nichts mit ihr zu tun hätte. Als ob sie das alles nichts anginge.

Gleichgültig zuckte sie die Schultern. »Das mag sein. Aber ich war es nicht.«

Selbstverständlich glaubte er ihr nicht, und Cristóbal gab hinter ihr ebenfalls einen abschätzigen Laut von sich. Am liebsten hätte Sylvia diesem arroganten jungen Schnösel eine Ohrfeige verpasst. Aus erzieherischen Gründen.

Doch das konnte sie natürlich nicht tun. Und hätte sie noch nicht einmal getan, wenn er ihr Sohn gewesen wäre. Sofie hatte sie in den letzten Jahren manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht mit ihrem Eigensinn, und auch da hatte Sylvia sich zurückgehalten. Sie hatte es nie auch nur in Erwägung gezogen, jemanden zu schlagen, schon gar kein Kind.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte sie.

»Sie können gehen, wenn ich es Ihnen erlaube!« Der Comisario hängte nun ganz die patriarchalische Peitsche heraus.

Eine Frau hatte sich zu fügen. In dieser Gesellschaft war das eine allgemein anerkannte Tatsache, die kaum jemand infrage stellte. Und wahrscheinlich ärgerte es ihn zusätzlich, dass sie einen Doktortitel trug. Denn das war eine andere allgemein anerkannte Tatsache: dass Ärzte immer recht hatten. Dass sie fast unangreifbar waren.

Wenn der Arzt eine Frau war, standen diese beiden Auffassungen jedoch in krassem Gegensatz. Und das ließ ihn sich unwohl fühlen. Was er nur dadurch ein wenig verbessern konnte, dass er sie niedermachte.

Im Übrigen tat er das wahrscheinlich sowieso mit allen Verdächtigen. In Chile waren Menschenrechte nicht sehr verbreitet. Es hing alles von der Willkür der Mächtigen ab. Und auch ein kleiner Polizeikommissar konnte sich mächtig fühlen, wenn sein Gegenüber keine Wahl hatte.

Sie neigte leicht den Kopf. »Bin ich dann jetzt verhaftet?«, fragte sie.

Das brachte ihn erneut in die Bredouille. Denn offiziell musste man selbst in Chile für eine Verhaftung Beweise haben, nicht nur Indizien oder Vermutungen. Gegen diese Regel wurde zwar sehr oft verstoßen – insbesondere bei politischen Gefangenen –, aber sie war eine Ausländerin. Da konnte man nie wissen, ob in solchen Fällen nicht Amnesty International oder sonst eine dieser lästigen Organisationen eingriff und einen großen Wirbel veranstaltete.

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

Vorsichtig blickte die große Frau sich um, als sie aus dem Hotelzimmer trat. Die ausladenden...
»Kannst du nicht mal eine einzige Stunde ohne Handy auskommen?«, fragte Sylvia seufzend. »Davon...
Sie zuckte die Schultern. »Was soll ich dazu sagen?« Gleichzeitig erhob sie sich. »Ein Glas Wein?«...
»Ich verstehe nur Bahnhof«, mischte Sofie sich unzufrieden ein. Ihr Blick wanderte zwischen...
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Schon wieder diese unbekannte ausländische Nummer. Irritiert schüttelte sie den Kopf. Sollte sie...
Seit drei Tagen ging das so, und auch wenn sie nach außen hin den Anschein erweckte, dass sie das...
»Nicht deshalb.« Auch Mara stand wieder auf. »Du weißt ganz genau, dass das nicht der Grund war....
Erneut lachte Sylvia hohl auf. »Das wird nicht so einfach sein. Der Polizeipräfekt hat es...