»Sie waren dort. Man hat Sie gesehen«, wiederholte er mit kalter Stimme. »Und Ihr Handy beweist, dass Sie nicht nur im Hotel, sondern sogar im Zimmer des Ermordeten waren. Was glauben Sie, was ich tun sollte?« Diese Frage stellte er mit einem hämischen Unterton.

Neben der modernen Klimaanlage surrte auch noch ein altertümlicher, fast ehrwürdiger Ventilator mit großen schräggestellten dunklen Holzflügeln an der Decke. Wie zu kolonialen Zeiten. Fast so alt war er wohl auch, denn es klickte jedes Mal, wenn er eine Runde vollendet hatte. Klick . . . eins, zwei, drei, vier . . . klick . . . eins, zwei, drei, vier . . . klick . . . eins, zwei, drei, vier . . .

Wenn ich das noch einmal höre, werde ich wahnsinnig! dachte Sylvia. Der Comisario hätte sich sicher gefreut, wenn er gewusst hätte, wie verrückt sie das machte. Es wäre eine gute Foltermethode gewesen, um sie zum Sprechen zu bringen.

Die Luft wurde trotz Klimaanlage und Ventilator immer drückender. Alle Fenster und Türen waren geschlossen. Es kam kein Lüftchen von draußen herein, nicht die leiseste Brise. Die mühsam abgekühlte Luft stand im Raum wie eine Wand, hinter der man kaum mehr atmen konnte. Einzelne Staubkörnchen wirbelten in den wenigen Lichtstreifen, die das Dunkel des Zimmers erhellten, als würden sie wie Glühwürmchen spielen.

Sylvia folgte ihnen mit ihrem Blick, als ob sie das Schauspiel außerordentlich faszinierte, ihre Aufmerksamkeit fesselte, sodass sie sich mit nichts anderem mehr beschäftigen konnte. Das Klicken des Ventilators, das sich bereits in ihrem Kopf festgesetzt hatte, versuchte sie auszublenden. Sie musste sich davon lösen, wenn sie das hier überleben wollte.

»Sie wollen nicht antworten? Auch gut«, sagte der Comisario.

Es klang fast so etwas wie Zufriedenheit in seiner Stimme mit. Sie wehrte sich nicht mehr, bestritt nicht, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Er hatte sie schon halb besiegt.

»Ich muss Sie nicht verhaften, um Ihnen noch ein wenig . . . Bedenkzeit zu geben.« Er ergänzte das mit einem selbstgefälligen Grinsen. »Ich kann Sie ohne jede Begründung achtundvierzig Stunden hierbehalten. Oder auch länger.«

Achtundvierzig Stunden war wahrscheinlich richtig. Das länger war eine Drohung, die nicht unbedingt auf der Grundlage des Gesetzes stehen musste. Das hieß aber nicht, dass er sie nicht wahrmachen konnte, das war Sylvia sehr wohl klar.

Wieder sagte sie nichts, denn sie wusste nicht, ob ihre Nerven nicht mit ihr durchgegangen wären, wenn sie jetzt den Mund geöffnet hätte.

Fast als würde er ein lästiges Insekt verscheuchen, winkte der Comisario in Cristóbals Richtung. »Bringen Sie sie weg, Gutiérrez.«

Sofort trat Cristóbal vor und packte Sylvia am Arm, um sie von dem Stuhl hochzuziehen, auf dem sie gesessen hatte.

Ihre Augen bohrten sich stumm in sein Gesicht, und als stände er plötzlich unter hypnotischem Einfluss, ließ er sie im Zeitlupentempo wieder los, löste jeden einzelnen Finger, den er wie Stahlzwingen darum geschlossen hatte, einen nach dem anderen. Es sah so aus, als müsste er jedem Finger einzeln den Befehl dazu geben.

Sie stand gemessen auf, ohne dass er sie dazu zwang oder sie hochzerren konnte. Immer noch ohne ein Wort drehte sie sich um und ging zur Tür, die Cristóbal wie ein wohlerzogener Diener für sie aufzog.

Deshalb konnte sie wie eine Königin hinausschreiten.

Auch wenn sie sich nicht so fühlte.

4

Mara Arnold war gerade auf dem Weg in eine Verhandlung, als der Anruf kam. Da sie die Nummer nicht kannte, wies sie ihn ab und löste eine automatische Antwort aus.

Bin beschäftigt. Bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht.

Gleich würde wahrscheinlich ein kurzer Signalton verkünden, dass der Anrufer ihr mitgeteilt hatte, was er von ihr wollte. Dann konnte sie das lesen, sobald sie Zeit dafür hatte. Jetzt musste sie sich auf das konzentrieren, was in diesem Gerichtssaal direkt vor ihr lag.

Ihre Mandantin erwartete sie schon. »Jetzt werden wir es ihm richtig zeigen!«, verkündete sie aufgeregt.

Mara hob die Augenbrauen. »Warten wir’s ab. Sie wollen Gerechtigkeit, und ich auch, aber vor Gericht bekommen Sie nur ein Urteil. Das ist etwas anderes.«


Und so war es dann auch. Ihre Mandantin war nicht zufrieden, war enttäuscht, war wütend, weil sie nicht das erreicht hatte, was sie wollte. Aber Mara konnte es nicht ändern. Sie hatte alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die das Gesetz ihr bot.

Es ging um eine Eigentumswohnung, die ihre Mandantin gekauft hatte. Der Verkäufer hatte sie dabei über den Tisch gezogen, aber auch wenn jeder nicht juristisch ausgebildete Mensch erwartete, dass das Gesetz dafür da war, solche Ungerechtigkeiten zu beseitigen, das war es nicht. Es war nur dazu da, den Staat zu schützen, gewisse Prinzipien vielleicht, nicht unbedingt die Staatsbürger.

Dennoch hatte Mara einen Vergleich herausschlagen können, weil sie besser vorbereitet gewesen war als ihr Anwaltskollege, der die andere Seite vertrat. Der Verkäufer der Wohnung, eine große Baugesellschaft, hatte wohl gemeint, er hätte es mit irgendeiner Wald- und Wiesenanwältin vom Land zu tun, die nichts von ihrem Beruf verstand. Deshalb hatte der Anwalt nicht ein einziges wirkliches Argument gehabt. Und die, die er ihr so nebenbei hinwarf, hatte Mara schnell entkräften können.

Eigentlich hätte sie gewinnen müssen, aber der Richter hatte sie dafür gerügt, dass sie ohne Anwaltsrobe erschienen war. Normalerweise hatte sie ihre Robe immer dabei, aber heute war sie in der Reinigung, und die meisten Verhandlungen dieser Art liefen sowieso ohne Robe ab. Sie hatte sich nichts dabei gedacht.

Aber der Richter hatte sich pikiert gefühlt. Obwohl er noch nicht besonders alt war, schien er zu meinen, sie hätte ihm ihren Respekt verweigert, seine Stellung untergraben. Zuerst hatte er die Verhandlung ganz abbrechen wollen, aber dann hatte er sich herabgelassen, doch zu verhandeln. Hatte aber wohl gleichzeitig beschlossen, dass sie auf keinen Fall gewinnen durfte.

Mara war sich nicht sicher, ob es überhaupt um die Robe gegangen war oder ob er das nicht nur als Ausrede benutzt hatte. Denn er hatte sie einmal zum Essen eingeladen, und sie hatte abgelehnt. Er war ein unangenehmer, sehr von sich selbst eingenommener Mann, und selbst, wenn sie auf Männer gestanden hätte, hätte sie sich wohl nicht von ihm angezogen gefühlt. Unter den gegebenen Umständen aber war es ihr völlig logisch und belanglos erschienen, seine Einladung wenn auch freundlich abzulehnen.

Doch er hatte sich anscheinend sehr auf den Schlips getreten gefühlt, in seiner männlichen Ehre gekränkt. Dafür hatte er sich heute gerächt, indem er dem nicht vorbereiteten Gegenanwalt jede Art von Hilfe leistete, die er nur leisten konnte.

Sie überlegte, ob sie vielleicht noch etwas für ihre Mandantin tun könnte, wenn sie einen anderen Richter erwischte. Aber für heute war der Fall abgeschlossen.

Nachdem sie ihre Mandantin verabschiedet hatte, überprüfte sie auf dem Gang des Gerichts die Nachrichten, die während der Verhandlung eingegangen waren. Aber es waren gar keine Nachrichten da, nur eine Menge verpasster Anrufe. Immer von derselben unbekannten Nummer.

Einer ausländischen Nummer. Sie runzelte die Stirn. Was war das denn für eine Vorwahl? Keine deutsche. Und auch keine Ländervorwahl, die sie kannte.

Im selben Moment meldete ihr Handy sich erneut mit dem von ihr aus satirischen Gründen vor kurzem eingestellten Klingelton Üb immer Treu und Redlichkeit. Sie musste ihn wieder abstellen. Das war wirklich albern.

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

Vorsichtig blickte die große Frau sich um, als sie aus dem Hotelzimmer trat. Die ausladenden...
»Kannst du nicht mal eine einzige Stunde ohne Handy auskommen?«, fragte Sylvia seufzend. »Davon...
Sie zuckte die Schultern. »Was soll ich dazu sagen?« Gleichzeitig erhob sie sich. »Ein Glas Wein?«...
»Ich verstehe nur Bahnhof«, mischte Sofie sich unzufrieden ein. Ihr Blick wanderte zwischen...
»Sie waren dort. Man hat Sie gesehen«, wiederholte er mit kalter Stimme. »Und Ihr Handy beweist,...
Schon wieder diese unbekannte ausländische Nummer. Irritiert schüttelte sie den Kopf. Sollte sie...
Seit drei Tagen ging das so, und auch wenn sie nach außen hin den Anschein erweckte, dass sie das...
»Nicht deshalb.« Auch Mara stand wieder auf. »Du weißt ganz genau, dass das nicht der Grund war....
Erneut lachte Sylvia hohl auf. »Das wird nicht so einfach sein. Der Polizeipräfekt hat es...