Seit drei Tagen ging das so, und auch wenn sie nach außen hin den Anschein erweckte, dass sie das alles nicht berührte, hatte sie doch Angst, dass sie diese Fassade bald nicht mehr würde aufrechterhalten können. Die Umstände in diesem Gefängnis machten schon ganz von selbst mürbe, und diese zusätzlichen Belastungen verstärkten das noch.

Außer dem Comisario, Cristóbal und ihrer Gefängniswärterin hatte sie in den letzten drei Tagen niemanden gesehen. Wahrscheinlich erlaubten sie Sofie nicht, sie zu besuchen, denn Sylvia nahm an, dass sie das versucht hatte. Das schmerzte fast am meisten, denn seit fast zehn Jahren hatte sie die Verantwortung für Sofie übernommen, und die konnte sie jetzt nicht wahrnehmen.

Wie würde es Sofie gehen allein da draußen? Wie würden sie sie behandeln? Setzte Cristóbal sie vielleicht auch unter Druck? Sylvia wusste es nicht, und das beunruhigte sie fast mehr als ihre eigene Situation.

Sofie war noch so jung. Sie brauchte noch ein paar Jahre, bis sie den Ernst des Lebens erfassen konnte. Außerdem hatte sie davon schon genug erfahren. Sie hatte das Recht, sich noch ein paar Jahre auszuruhen, bevor es richtig losging.

Quietschend wurde die Zellentür geöffnet und nach außen hin aufgezogen. Manchmal fragte Sylvia sich, ob sie die Scharniere mit Absicht nicht ölten, damit dieser kreischende Laut erhalten blieb und die Nerven der Gefangenen noch mehr zum Zerreißen brachte.

Sie stand auf, weil sie nicht von unten zu einem der Männer hinaufschauen wollte, die sie erwartete. Jede kleine Geste zählte hier. Von einer Frau erwarteten sie Unterwerfung, und dem musste sie sich entgegenstellen.

Auch wenn sie sie eingesperrt hatten, aber ihre Würde würden sie ihr nicht abkaufen, ihre Ehre. Wenn sie verurteilt wurde, würde sie die offiziell verlieren, jetzt aber noch nicht.

Sie hörte Schritte auf dem Gang und stutzte. Das waren keine Männerschuhe, keine Polizeistiefel, wie der Comisario und Cristóbal sie trugen. Die Schritte waren nicht schwer, sondern leicht.

Hoch aufgerichtet mit nach hinten gezogenen Schultern stand sie da und blickte auf den Zelleneingang.

»Hallo . . . Sylvia«, traf sie da auf einmal eine Stimme, die sie schon sehr lange nicht mehr gehört hatte.

Gleichzeitig mit Maras Schatten schwebten sie und ihr Duft in den vergitterten Raum.

Sylvia wäre fast auf die Pritsche zurückgesunken, so sehr zitterten ihre Knie auf einmal.

»Mara«, flüsterte sie, nicht mehr fähig, ihre unbeeindruckte Fassade aufrechtzuerhalten. Dazu war die Erschütterung zu groß.

»Was machst du denn für Sachen?«, begrüßte Mara sie.

Sie wirkte ein wenig blass, als hätte sie schlecht geschlafen.

»Ich –« Mit einem Husten brach Sylvia ab, als ob sie gerade ein Erkältungsschub erfasst hätte. Oder der Staub in der Zelle, den sie bisher geflissentlich versucht hatte zu ignorieren.

»Schon gut«, sagte Mara. Sie wandte sich um und sah die Gefängniswärterin an, die immer noch in der offenen Zellentür stand. »Sie können mich jetzt mit meiner Mandantin alleinlassen«, fügte sie auf Spanisch in einem befehlenden Tonfall hinzu.

Widerstrebend und mit einem dunklen, missbilligenden Blick folgte die Wärterin der Aufforderung und schloss die Zellentür hinter Mara ab. Ihre Schritte verklangen hallend auf dem Gang.

»Du sprichst Spanisch?«, fragte Sylvia überrascht und auch, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.

Diese Situation war einfach zu unwirklich. Dafür hatte sie kein Muster, keine Idee, wie sie sich verhalten sollte. Ihr Kopf war leer, aber auf eine andere Art als die, die sie in den letzten Tagen gekannt hatte.

»Ein paar Sätze, von denen ich wusste, dass ich sie brauchen würde, habe ich mir auf dem Flug beigebracht.« Maras Mundwinkel zuckten. »Mehr kann ich nicht.«

»Und damit hast du den Comisario überzeugt, mich besuchen zu dürfen?« Immer noch wusste Sylvia nicht, ob sie auf die Pritsche niedersinken sollte, auch wenn sie das gern getan hätte. Maras Gegenwart verwirrte sie vollkommen.

»Das hat ein spanischstämmiger Kollege aus Deutschland für mich getan«, erklärte Mara. »Dadurch hatte ich ein Dokument, mit dem sie mich hereingelassen haben. Den Kommissar habe ich gar nicht gesehen.«

Sylvia schluckte. Dann räusperte sie sich. »Wie . . . Wie kommst du hierher?«

»Mit dem Flugzeug, wie ich schon sagte«, erwiderte Mara trocken.

»Und wie . . .«, noch einmal schluckte Sylvia, »wie hast du mich gefunden?«

Mara schüttelte den Kopf. »Habe ich nicht. Sofie hat mich angerufen.«

»Sofie?« Nun knickten Sylvias Beine endgültig weg, und sie sank auf die Pritsche hinunter. »Warum hat sie das getan?«

»Weil sie verzweifelt war, nehme ich an.« Mara war klein und zierlich, doch da Sylvia saß, konnte sie nun auf sie hinunterschauen. »Bist du nicht auch verzweifelt«, schnell sah sie sich um, ob jemand sie hören konnte, ». . . Judith?«

Getroffen zuckte Sylvia zusammen. »Den Namen habe ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Das nehme ich an«, nickte Mara. »Hast du deine Approbation hier unter dem Namen Sylvia neu erworben?«

Langsam schüttelte Sylvia den Kopf. »Nein. Es ist der Name einer Toten. Einer toten Ärztin. Sie hat ihn mir quasi . . . vermacht.«

»Inklusive ihrer Approbation.« Mara nickte erneut. »Wie praktisch. Ich verstehe.«

Mit verwundetem Blick sah Sylvia zu ihr auf. »Es tut mir leid, Mara. Alles tut mir so leid. Was damals geschehen ist –«

»Du weißt, dass ich dir das nie vorgeworfen habe. Meinetwegen hättest du nicht gehen müssen.« Vorsichtig ließ Mara sich mit ein bisschen Entfernung neben Sylvia auf der Pritsche nieder, als wollte sie ihr nicht zu nahekommen.

Mit einer fast schmerzhaft erscheinenden Bewegung wandte Sylvia den Blick von ihr ab und starrte auf die kahle Wand, über der nur ein kleines vergittertes Fenster war. So hoch, dass man nicht hinaussehen konnte.

»Nein, deinetwegen nicht. Das war mir klar.« Sie lachte hohl auf. »Oder es wäre mir klar gewesen, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Aber ich konnte gar nicht mehr denken.«

»Auch nach einiger Zeit nicht?«, fragte Mara. »Du hättest mich auch Monate später noch anrufen können. Ich habe noch eine ganze Weile darauf gewartet. Habe dich gesucht . . .«

Sylvia antwortete nicht, weil die ganzen Schuldgefühle, die sie jahrelang so erfolgreich verdrängt hatte, zurückkehrten. Wie konnte sie Mara erklären, was in ihr vorgegangen war? Wie sehr sie sie vermisst hatte. Und dass sie sie trotzdem nicht angerufen hatte. Es war einfach unverständlich.

Unverständlich für jeden, inklusive ihr selbst. Sie stand auf, ging zur Wand und blickte zu dem kleinen weißen Fleck hoch, der das Fenster markierte. Das vergitterte Fenster, an das selbst sie mit ihrer Größe nicht herankam.

»Du weißt, wie sehr ich mich geschämt habe«, murmelte sie tonlos. »So sehr, dass ich angefangen habe zu trinken. Das wollte ich dir nicht zumuten.«

Sie sprach zur Wand. Oder zum Fenster. Oder zum Himmel, der da draußen war, von dem man hier drin jedoch nur ein dumpfes Abbild sah.

Mara nickte. »Ich weiß, dass du immer solche Ausreden hattest«, sagte sie. »Du hast dich schuldig gefühlt für etwas, wofür du nichts konntest.«

»Sie haben mir dafür die Approbation entzogen.« Sylvias Stimme klang dunkel und akzentuiert wie immer, aber von einer verschleierten Schicht gedämpft, fast wie das Licht, das von draußen hereinkam. »Also muss ich doch wohl schuldig gewesen sein.«

Hanna Berghoff: Geflohen ins Paradies

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