1

»Schönes Wochenende gehabt, Melanie?«

Melanie zuckte die Schultern. »Wie immer.«

»Warst du wieder bei deiner Schaluppe in Waren-Müritz? War ja auch tolles Wetter dafür.« Christoph, ihr Partner in der Versicherungsdetektei, die sie gemeinsam betrieben, nickte und wies auf ihren Laptop. »Schon gesehen, was ich dir geschickt habe?«

Genervt hob Melanie die Augenbrauen. »Es ist Montagmorgen, Christoph. Ich bin gerade erst gekommen.«

»Ich weiß«. Er lächelte. Das war eine seiner großen Stärken. Er war ein absolut gelassener Typ. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Was manchmal Melanie aus der Ruhe brachte. Vor allem, wenn es sich um die Steuererklärung der Detektei handelte. »Liegt jedenfalls ganz auf deiner Linie. Du liebst doch die Natur.«

»Ich hole mir jetzt erstmal einen Kaffee.« Statt ihren Laptop zu öffnen, setzte Melanie sich gar nicht erst an ihren Schreibtisch, sondern ging in die kleine Kaffeeküche hinüber, in der sich ein Kühlschrank, eine Kaffeemaschine und eine Mikrowelle befanden. Auch wenn sie oft außer Haus waren, war diese kleine Küche mit allem ausgestattet, um sie für unaufwendige Mahlzeiten, Snacks oder Kaffeepausen zu nutzen, sofern sie nur im Büro arbeiteten.

»Da schließe ich mich an.« Christoph wartete, bis Melanie sich einen Cappuccino aus dem Kaffeevollautomaten herausgelassen hatte, und drückte dann selbst die Taste für einen Kaffee ohne Milch. »Die Meldung kam ganz früh heute Morgen rein. Da ist ein Bauernhof abgebrannt. Oder fast.«

»Ein ganzer Bauernhof?« Das ließ Melanies Augenbrauen noch einmal nach oben wandern. »Na, das ist ja mal was anderes.«

»Dachte ich mir, dass dich das interessiert.« Er schmunzelte.

»Weil meine Großeltern einen Bauernhof hatten, dem ich immer noch nachtrauere?« Melanie schmunzelte auch. »Das heißt, du überlässt mir jetzt in Zukunft alle Fälle, die etwas mit Bauernhöfen zu tun haben?«

»Davon haben wir ja nicht so viele«, sagte Christoph. »Ist seit Jahren das erste Mal. Es brennt schon mal eine Scheune ab oder so etwas. Ein Wasserschaden im Stall. Gewitter. Aber gleich ein ganzer Bauernhof, fast bis auf die Grundmauern? Das kann einem schon komisch vorkommen, oder nicht?«

»Das heißt, die Versicherung vermutet da irgendeine faule Sache?« Nun doch neugierig geworden nahm Melanie ihre übergroße Kaffeetasse und ging zu ihrem Schreibtisch zurück.

Er schüttelte den Kopf, während er ihr mit seiner eigenen, normal großen Tasse folgte. »Bei so einer großen Summe vermuten die gern sofort was, ist doch klar. Wenn sie sich um die Zahlung drücken können, ist ihnen das immer lieber. Deshalb haben wir den Auftrag bekommen, das zu überprüfen. Der Versicherung reicht die reine Aktenlage nicht. Jemand muss da hin, vor Ort. Und da haben sie wie üblich an uns gedacht.«

»Wie nett von ihnen.« Melanie rollte die Augen.

»Nicht dass wir den Auftrag nicht gebrauchen könnten«, erinnerte Christoph sie. »Die Auftragslage war ein bisschen mau in letzter Zeit.«

»Ja, schon gut.« Sie winkte ab. »Ist es weit?«, fragte sie seufzend, während sie sich setzte.

Er zuckte die Schultern. »Schau dir die Mail an. Da steht alles drin. Ist schon ziemlich auf dem Land, glaube ich. Logisch. Ist ja ein Bauernhof.« Er lachte leicht.

Fast gleichzeitig setzte Melanie ihre Kaffeetasse ab und klappte ihren Laptop auf. »Muss ich da etwa übernachten?«

»Wird dir wohl nichts anderes übrigbleiben«, erwiderte er, während er sich umdrehte, um Melanies Büro zu verlassen und in sein eigenes zu gehen, das auf der anderen Seite des Ganges lag. »Es ist in Bayern.«

»Bayern?« Melanie riss die Augen auf. »Sagtest du Bayern?«

»Sagte ich«, rief er aus seinem Zimmer zurück. Da die beiden Türen ihrer Büros offenstanden, konnten sie sich fast über den Gang hinweg unterhalten. »Du liebst doch die Natur.«

Sie konnte sein Lachen zwar nicht hören, aber spüren.

»Bayern«, grummelte sie. »Das hat mir gerade noch gefehlt.«

2

»Jana? Ist die Anzahlung von Herrn Brettschneider schon da?« Janas Kollegin Susanne stand in der Glastür von Janas Büro und sah sie fragend an.

»Heute Morgen war sie noch nicht da. Aber ich kann noch mal nachschauen.« Nickend wandte Jana sich ihrem PC-Bildschirm zu und überprüfte die Eingänge auf dem Konto des Autohauses Lehner, für das sie arbeitete. »Immer noch nicht«, sagte sie.

Susanne verzog das Gesicht. »Er sagt, er hat es überwiesen. Und er will den Wagen am liebsten sofort abholen.«

»Das muss Herr Lehner entscheiden«, sagte Jana.

Susanne holte tief Luft und seufzte. »Junior oder Senior?«

Jana schmunzelte. »Ist doch ein Freund vom Junior, der Brettschneider, oder?«

»Klar, wenn ich ihn fragen würde . . . Aber dann macht der Senior mir die Hölle heiß.« Offenbar fühlte Susanne sich zwischen allen Stühlen.

»Und der Junior macht dir die Hölle heiß, wenn du dem Brettschneider nicht den Wagen gibst . . .«, führte Jana das mitfühlend weiter aus. »Aber ich kann nur das auf dem Konto sehen, was wirklich da ist. Ich kann es nicht erfinden.« Bedauernd zuckte sie die Schultern.

»Frau Lell?« Das war die Stimme des Juniors aus dem Hintergrund. »Können Sie mal kommen?«

Susanne rollte die Augen zur Decke. »Jetzt hat der Brettschneider ihn bestimmt angerufen.«

»Sag ihm, wie es ist«, empfahl Jana. »Er muss das entscheiden. Und er muss hinterher seinem Vater gegenüber dafür geradestehen, nicht du.«

»Das sagst du so leicht.« Susanne seufzte erneut. »Du weißt doch, wie es immer ist.«

»Dann schieb es auf mich ab. Das Geld ist noch nicht auf dem Konto, also ist es meine Schuld.« Mit einem Lächeln wandte Jana sich wieder ihrer Arbeit zu.

»Manchmal denke ich, dein Nachname ist Samariter oder so.« Kopfschüttelnd drehte Susanne sich halb aus Janas Tür hinaus, um zum Junior zu gehen. »Aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Warum können die zwei sich bloß nicht einigen?« Sie seufzte noch einmal tief auf und ging zu dem Büro drei Türen weiter, das der Juniorchef der Firma Lehner innehatte.

Fast im selben Moment vibrierte Janas Handy in der Tasche. Sie betrachtete kurz die Rechnungen, die sie gerade überprüfte, dann griff sie auf den kleinen Seitenschrank, auf dem ihre Tasche stand, und zog es heraus. »Susanne hat mich ja sowieso gestört«, murmelte sie zu sich selbst.

»Oh Jana, ich habe einen Engel kennengelernt!«

»Schon wieder, Nicky?« Jetzt seufzte Jana fast genauso wie Susanne eben noch.

»Nie nimmst du mich ernst.« Nicky schmollte hörbar.

»Vielleicht kenne ich dich einfach schon zu lange. Und zu gut«, antwortete Jana, aber sie lachte. »Du bist doch wie meine kleine Schwester, das weißt du doch. Also erzähl. Was ist mit deinem Engel?«

»Jetzt kann ich nicht.« Nickys Stimme klang flüsternd. »Die Chefin schleicht hier rum, und ich darf eigentlich gar nicht telefonieren. Bin nur schnell auf die Toilette gegangen. Seh ich dich in der Mittagspause?«

Janas Augenbrauen wanderten überlegend nach oben. Sollte sie oder sollte sie nicht?

Nicky und sie sahen sich oft in der Mittagspause, das war nichts Besonderes, aber wollte sie, Jana, sich schon wieder eine dieser immer gleichen Geschichten anhören, die Nicky erzählte, wenn sie sich wieder einmal Hals über Kopf verliebt hatte?

Und die immer zu demselben Ergebnis führten nach ein paar Tagen oder Wochen? Nämlich dass sie sich dann Nickys Verzweiflung anhören musste, weil sie wieder einmal verlassen worden war? Weil sie sich wieder einmal eine Frau ausgesucht hatte, die gar nicht die Absicht hatte, sich länger auf eine Beziehung einzulassen?

Hanna Berghoff: Öffne dein Herz

1 »Schönes Wochenende gehabt, Melanie?« Melanie zuckte die Schultern. »Wie immer.« »Warst du...
Aber wie hatte Susanne gesagt? Ihr Nachname war Samariter? Sie atmete tief durch. Ja, das war wohl...
Nachdem die Frau noch auf den Boden geblickt hatte, als sie hinter den Mauerresten hervorgekommen...
»Sie putzen, aber benutzen es nicht?«, fragte Melanie erstaunt. Auf dem Dorf war alles möglich. Da...
Bei weitem nicht so elegant und geschmeidig wie Jana stapfte sie zu ihrem Wagen zurück. Was war...
»Da war sie wohl sehr sauer.« Obwohl Jana Babett nur vom Sehen und ein paar Worten beim Einkaufen...
Da hatte immer schon ein breiter Graben zwischen moralischem Anspruch und der Praxis gelegen. Nur...
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Melanie bildete sich nicht ein, eine große Frauenversteherin zu sein. Das war sie noch nie...
Wie hatte sie nur darauf kommen können? Schließlich war das hier nicht Berlin, wo die Blicke einer...
»Aber trotzdem gehört immer noch beiden der Hof?«, fragte Melanie leicht erstaunt. »Obwohl sich...