Aber wie hatte Susanne gesagt? Ihr Nachname war Samariter? Sie atmete tief durch. Ja, das war wohl so. Sie konnte einfach nicht anders.

»Ist gut«, sagte sie. »Wie üblich. Um eins.«

3

Schön ist es hier schon.

Als Melanie in den Ort hineinfuhr, fühlte sie sich in der Zeit zurückversetzt. Auch wenn das hier Bayern war, aber es erinnerte sie an ihre Kindheit, wenn sie die Ferien auf dem Bauernhof ihrer Großeltern in Niedersachsen verbracht hatte. Jetzt lebte sie schon so lange in Berlin und verbrachte höchstens die Wochenenden in der Natur, dass es ihr ganz merkwürdig vorkam, an einem Wochentag solche Bilder genießen zu können.

Bunt angestrichene alte Fachwerkhäuser mit spitzen roten Dächern begrüßten sie, manche mit geschwungenen Giebeln, hochaufgerichtete Kirchtürme, Kopfsteinpflaster, ein mittelalterlicher, malerischer Marktplatz. Eine richtige Oase für die Augen.

Die Fahrt hierher war anstrengend gewesen, wie üblich Baustelle an Baustelle, und nach den sechs Stunden, die sie dafür gebraucht hatte, fühlte sie sich erschöpft. Glücklicherweise war es nicht sehr schwierig gewesen, noch von Berlin aus ein Zimmer auf einem Hof in diesem Dorf hier zu buchen. Es war Mitte Juni, und die Sommerferien würden erst in ein paar Wochen beginnen.

Auf der Fahrt hatte es zum Teil geregnet, sogar ein Gewitter war in der Ferne aufgezogen, aber zum Glück hinter Melanie, nicht vor ihr. Hier jedoch herrschte nun schönstes Sommerwetter. Das Thermometer im Auto zeigte fünfundzwanzig Grad Außentemperatur an, am früheren Nachmittag war die Temperatur sogar bis auf achtundzwanzig Grad gestiegen.

Auch wenn die Fahrt anstrengend gewesen war, machte sich deshalb fast so etwas wie Urlaubsstimmung in Melanie breit. Aber sie durfte nicht vergessen, dass sie zum Arbeiten hier war.

Selbst jeder Bauernhof, der Zimmer vermietete, hatte heutzutage eine Webseite, und so hatte Melanie schon die Adresse des Hofs in ihr Navi eingegeben, bevor sie losgefahren war. Für die Autobahn hätte sie das zwar nicht gebraucht, aber jetzt erwies es sich als äußerst praktisch.

Die Navi-Stimme leitete sie durch schmale Gassen auf eine Anhöhe hinauf. Nachdem sie oben angekommen war, eröffnete sich vor ihr der schon auf der Webseite versprochene Panoramablick über das ganze Naabtal mit dem Fluss in der Mitte. Als Wasserliebhaberin hatte Melanie sich vor allem von der Aussicht angezogen gefühlt, dass nicht nur der Fluss, sondern auch die Oberpfälzer Seenplatte hier direkt vor der Haustür lag.

Doch leider war das ja mehr eine theoretische Möglichkeit. Denn sie hatte hier einen Job zu erledigen. Danach musste sie nach Berlin zurück. Freizeitaktivitäten waren höchstens mal für den Abend vorstellbar, wenn sie sonst nichts mehr tun konnte. Dennoch nahm sie sich vor, wenigstens einmal auf einem der vielen Seen in ein Boot zu steigen. Und wenn es nur ein Tretboot war.

»Frau Tieck?« Eine warme Frauenstimme mit bayrischem Akzent sprach sie an, während Melanie noch neben ihrem Wagen stand und sich gar nicht von dem Flusspanorama, das unter ihr lag, lösen konnte.

Sie lächelte und drehte sich zu der Stimme um. »Ja. Frau Brandl?«

Eine stämmige Frau Ende dreißig kam auf sie zu und nickte freundlich. »Grüß Gott und herzlich willkommen.«

Grüß Gott, dachte Melanie. Ja, stimmt, ich bin in Bayern. »Guten Tag«, sagte sie.

»Wir haben schon auf Sie gewartet«, begrüßte Frau Brandl sie freudig und streckte ihr die Hand entgegen. »Haben Sie Gepäck? Dann kann mein Mann es Ihnen hineintragen.«

Melanie schüttelte die Hand und öffnete dann ihren Kofferraum. »Nur diese Reisetasche«, sagte sie und nahm die Tasche heraus. »Die braucht niemand für mich zu tragen.« Sie lachte. »Das schaffe ich noch allein.«

»Dann zeige ich Ihnen gleich Ihr Zimmer.« Frau Brandl streckte einen Arm in Richtung des alten Bauernhauses aus. »Die Pension ist im Herrenhaus.«


Das war also einmal ein ganzer Bauernhof. Nachdenklich stocherte Melanie mit einem halbverkohlten Stock in der Asche herum. Überall lagen kleinere oder größere Haufen davon, unterbrochen von halb oder ganz verkohlten Balken und Brettern, manchmal einzeln, manchmal zu regelrechten Scheiterhaufen aufgeschichtet.

An einer Stelle hatte sich wohl während des Brandes der Balkon vom Haus gelöst, war auf den Boden gefallen, wobei der Großteil des Feuers aufgehört hatte zu lodern, während das Haus dahinter fast vollständig abgebrannt war. So sah der Balkon nun aus, als hätte ihn jemand dort auf dem Hof vergessen, und er müsste noch irgendwo an einem anderen Haus angebracht werden, weil er fast vollständig intakt war.

Scheunen, Haus und Nebengebäude schienen zum größten Teil aus Holz bestanden zu haben. Es war kaum mehr etwas davon übrig. Selbst die Mauerreste schienen kurz vor dem Zusammenbrechen zu sein. Neben Asche und verkohlten Holzresten gab es jedoch auch noch schlackenartige Rückstände, von denen Melanie nicht wusste, was sie zuvor dargestellt haben konnten. Das würde wahrscheinlich die Feuerwehr wissen, die sie erst einmal dazu befragen musste.

Hinter einem der hügelartigen Scheiterhaufen knackte es, als hätte jemand auf einen Ast getreten. Aber eigentlich knackte es hier überall. Obwohl die Feuerwehr offensichtlich sorgfältig gelöscht hatte, rauchte es unter manchen Schutthaufen, als würde darunter immer noch ein Feuer schwelen.

Plötzlich schien sich einer dieser Schutthaufen in Bewegung zu setzen. Wahrscheinlich war es nur ein Schatten, den sie da nur aus dem Augenwinkel gesehen hatte, dachte Melanie kurz darauf, weil sich sonst nichts weiter tat. Vielleicht ein Vogel, der kurz die Strahlen der Sonne unterbrochen hatte, um dann seinen Weg in eine andere Richtung fortzusetzen.

Für die Vögel, die vielleicht täglich hier vorbeigekommen waren, irgendwo einen Platz hatten, an dem sie sich ausruhten, einen Balken an einer Scheune oder so etwas, war das hier jetzt sicherlich auch ein Schock. Zumindest aber mussten sie sich einen neuen Platz suchen. Vielleicht hatte dieser Vogel hier nur die Lage gecheckt.

Dann jedoch sah sie, dass es kein Vogel gewesen war, denn eine Gestalt schälte sich aus dem Schatten einer noch halb stehengebliebenen Mauer heraus. Die Gestalt einer Frau.

Es sah aus, als wäre es eine junge Frau, ein paar Jahre jünger als Melanie, vielleicht Anfang zwanzig, und sie hatte ziemlich lange Haare, die sie an der Seite zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, sodass sie ihr über die Schulter nach vorn fielen. Das glänzende Mittelbraun hob sich von einer eierschalenfarbenen Bluse ab, die sie zu einem locker glockig fallenden, ins Orange gehenden leichten Sommerrock mit einer Art hellerem Pünktchenmuster trug, der so lang war, dass er ihre Knie bedeckte. Dazu passend trug sie Schuhe, die zwar recht bequem aussahen, aber trotzdem einen kleinen Absatz hatten. Hinten waren sie offen und wurden nur durch eine schmale Schlinge über der Ferse verankert.

Es hatte etwas Trachtenmäßiges, war aber keine Tracht. Wohl eher die abgewandelte Tracht fürs Büro. Die große, braune Tasche, die an ihrer geraden Schulter hing, als wäre sie dafür gemacht, war genau das, was Sekretärinnen immer in ihrer Schreibtischschublade verstauten, wenn sie morgens zur Arbeit kamen.

Melanie war eher der Rucksacktyp. Sie hatte Frauenhandtaschen noch nie etwas abgewinnen können. Auch trug sie ihre Haare lieber kurz. Das fand sie praktischer. Ihrer nördlichen Herkunft entsprechend war sie blond, und sie zog Hosen Röcken vor.

Hanna Berghoff: Öffne dein Herz

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