Da hatte immer schon ein breiter Graben zwischen moralischem Anspruch und der Praxis gelegen. Nur hatte das niemand zugeben wollen. Und wenn eine Frau schwanger wurde, die dann nicht das Glück hatte, vom Kindesvater auch geheiratet zu werden, hatte sie den Schwarzen Peter. Deshalb hatte es früher schon aus dem Grund mehr Jungfrauen gegeben als heute, wenn auch nicht so viele, wie behauptet wurde.

Doch obwohl viele im Dorf Jana vielleicht tatsächlich noch für eine Jungfrau hielten, weil sie dem Junior so widerstand, entsprach das auch bei ihr schon lange nicht mehr den Tatsachen. Wenn auch nicht so, wie die meisten es wahrscheinlich erwartet hätten.

Als attraktives Mädchen, das sie nun einmal gewesen war, waren schon in der Schulzeit immer viele Verehrer um Jana herumgeschwirrt. Für die sie sich nicht interessiert hatte. Was das Vorrecht eines schönen Mädchens war. Sie hatte die Wahl.

Dann jedoch im letzten Schuljahr war Ritva gekommen. Ritvas Mutter war Finnin, und deshalb war Ritva so blond, wie man nur sein konnte. Die Haare hingen ihr golden strahlend bis auf den Rücken hinunter. Ihr Vater war irgendeine Art Ingenieur, der für eine gewisse Zeit hier beim Brückenbau zu tun gehabt hatte. Von vornherein war klargewesen, dass Ritva nicht bleiben würde. Nur so lange, bis die Brücke fertig war, die ihr Vater mitbaute.

Vielleicht hatte auch das zu Janas Interesse an Ritva beigetragen. Oder einfach die Tatsache, dass Ritvas Anblick, als sie zum ersten Mal in die Klasse kam, Jana glattweg umgehauen hatte.

Ihr Herz schlug schneller, ihr brach fast der Schweiß aus, und als Ritvas blaue Augen zu ihr herüberschwenkten, hatte sie sogar Schwindel erfasst. Als ob sie das bemerkt hätte, hatte Ritva leicht gelächelt.

Dieses Lächeln hatte Jana dann endgültig fast vom Stuhl kippen lassen. Noch nie zuvor hatte sie so etwas gespürt. Dieses heiße Brennen in ihren Wangen, diese unkontrollierbaren Wellen, die ihren ganzen Körper zu überfluten schienen, dieses nur noch atemlos rasende Herz, das ihr fast aus der Brust sprang.

Sie wusste absolut nicht, wie ihr geschah, doch Ritva schien es zu wissen, denn sie lächelte noch mehr, als sie sich auf den leeren Platz neben Jana setzte und sie damit fast aus dem Klassenzimmer trieb.

Aber sie konnte natürlich nicht gehen. Sie musste sitzen bleiben. Die Beherrschung, die ihr das abverlangte, war übermenschlich, unmenschlich sogar, wenn man es auf einer Skala der Tortur betrachtete, die man einem Menschen überhaupt zufügen konnte.

Und trotzdem war es ein herrliches Gefühl. Ein berauschendes Gefühl. Ein Gefühl, als wäre sie plötzlich aus dem Ei geschlüpft wie ein Küken, das zum ersten Mal seine Flügel spreizen konnte, oder aus einem Kokon, in dem ein Schmetterling versteckt gewesen war, der sich jetzt in die Lüfte erhob.

Ritva war im Gegensatz zu Jana keine Jungfrau mehr. Sie hatte schon Erfahrung. Und schnell merkte Jana, dass Ritvas skandinavisches Erbe ihr eine Freiheit und Unbeschwertheit verlieh, die in einem bayrischen Dorf eher ungewöhnlich waren. Da Janas Lehrerin sie dann auch noch darum bat, Ritva doch bitte auf den Stand der Klasse zu bringen, saßen sie nicht nur in der Schule nebeneinander, sondern verbrachten auch ab dem ersten Tag jeden Nachmittag miteinander, um Hausaufgaben zu machen. Und das hatte Folgen.

Ob sie sich ganz von allein getraut hätte, Ritva anzusprechen, wusste Jana nicht, aber darüber musste sie sich auch keine Gedanken machen, denn Ritva hatte damit absolut keine Probleme. Nicht nur, dass sie allein schon dadurch, dass sie nebeneinander saßen, in gewisser Weise dazu gezwungen waren, miteinander zu sprechen, Ritva ließ auch sehr schnell keinen Zweifel daran, dass sie darüber hinaus Interesse an Jana hatte. Obwohl sie beide fünfzehn Jahre alt waren, hatte Jana das Gefühl, Ritva wäre viel älter als sie.

Ritvas Eltern hatten für die Zeit, in der Ritvas Vater an der Brücke arbeitete, ein umgebautes altes Bauernhaus im nächsten Dorf gemietet. Da das Haus, in dem Jana und ihre Mutter wohnten, sehr viel näher an der Schule lag, ergab es sich fast von selbst, dass Ritva und sie dort zusammen Hausaufgaben machten. Nach der Schule gingen sie gemeinsam nach Hause wie Schwestern, und Janas Mutter freute sich, nun zwei Kinder zu haben, die sie bekochen konnte. Ritva war von der deftigen bayrischen Küche begeistert und bedankte sich immer wieder überschwänglich dafür, sodass Janas Mutter oft ungläubig lachte, denn so etwas war sie nicht gewöhnt.

Janas Vater war bereits gestorben, als sie acht Jahre alt gewesen war. Ihre Mutter hatte nie wieder geheiratet. Obwohl Jana sehr an ihrem Vater gehangen hatte, hatte sie sich langsam daran gewöhnt, mit ihrer Mutter allein zu sein. Ihre Mutter arbeitete als Bürokraft in einem Teppichbodenmarkt und kam zum Mittagessen immer nach Hause. Danach ging sie wieder zur Arbeit. So waren Ritva und Jana nachmittags allein.

Am dritten Tag hatte Ritva Jana dann mitten bei den Mathe-Hausaufgaben geküsst. Mathe war sowieso nicht so Ritvas Ding, während Jana immer gern mit Zahlen herumspielte. Das machte ihr Spaß und da fühlte sie sich sicher.

Gar nicht sicher fühlte sie sich jedoch bei diesem Kuss, der so überraschend für sie kam. Zuerst wusste sie überhaupt nicht, was sie tun sollte. Die heißen Wellen kehrten zurück, nachdem sie zuvor versucht hatte, ihr Herz nicht so laut klopfen zu lassen, dass Ritva es hören konnte. Sie hatte sich auf die Matheaufgabe konzentriert, um sich davon abzulenken.

Ritva konzentrierte sich nur ungern auf Mathe, und so hatten ihre Augen ständig an Janas Lippen gehangen, während sie ihr etwas erklärte. Irgendwann hatte sie diesen Lippen wohl nicht mehr widerstehen können. Oder vielleicht wollte sie sich auch einfach nur nicht mehr mit Mathe beschäftigen. Das hatte Jana nie herausgefunden.

Die Erfahrung, die Ritva Jana voraushatte, hatte Jana gar keine Chance gelassen, darüber nachzudenken, was dann an diesem Nachmittag geschah. Und außerdem war sie zum Denken sowieso nicht mehr in der Lage gewesen. Sie hätte keine Matheaufgabe mehr lösen können, selbst wenn sie das gewollt hätte.

Das kam ihr jedoch überhaupt nicht in den Sinn. Ritvas Lippen und Ritvas Hände waren alles, woran sie noch dachte. An diesem Nachmittag wurden keine Hausaufgaben mehr gemacht, und erst als sie ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kommen hörten, zogen sie sich wieder an.

Jana musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, wie hastig das vonstattengegangen war. Denn erst nachdem sich der Hausschlüssel ihrer Mutter im Schloss gedreht hatte, hatten sie mitbekommen, dass es schon so spät war. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Hätte man Jana gefragt, hätte sie wahrscheinlich gesagt, es wären nur ein paar Minuten gewesen statt der Stunden, die sie in Wirklichkeit mit ihren Zärtlichkeiten verbracht hatten.

Dieses erste Mal würde sie nie vergessen. Beinah spürte sie Ritvas Lippen wieder auf ihren, und sie wäre sich fast selbst mit der Zungenspitze darübergefahren, weil es auf einmal so kribbelte.

»Guten Abend, Frau Tieck«, hörte sie Zenzis Stimme wie durch eine Nebelwand.

Die plötzlich aufriss, als Jana bewusst wurde, dass sie diesen Namen heute schon einmal gehört hatte.

Hanna Berghoff: Öffne dein Herz

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