»Guten Abend«, antwortete Melanies Stimme, bevor sich die Nebel vor Janas Augen lichteten und sie sie richtig erkennen konnte.

Es waren nur die Erinnerungen an Ritva, die ihr Herz so einen kleinen Satz machen ließen, oder? Sie war noch nicht ganz wieder aus der Vergangenheit zurückgekehrt. Ihre Augen öffneten sich weiter als beabsichtigt, weil sie den Schleier der Erinnerung abstreifen wollte.

Da der Tisch, an dem Jana saß, der Eingangstür genau gegenüberlag, gab es nur eine kleine Verzögerung, bevor auch Melanie sie entdeckte, als ihr Blick von Zenzi zurückschwenkte. Sie schien kurz zu stutzen, dann nickte sie Jana knapp zu.

»Was möchten Sie trinken?«, fragte Zenzi im gleichen Moment freundlich und ging mit zwei Maßkrügen in den Händen, die für den Stammtisch bestimmt waren, auf Melanie zu.

Fast wie entsetzt starrte Melanie auf die überdimensionalen Krüge.

»Das müssen Sie nicht trinken.« Jana lachte und hob ihr eigenes Glas an. »Es gibt auch Wein.«

»Ich . . .« Melanie räusperte sich. »Ich mag Bier. Nur vielleicht in einem etwas kleineren Glas?« Sie blickte Zenzi leicht unsicher fragend an.

Sie ist süß, dachte Jana. Sie will es nicht sein, aber sie ist es.

»Ein Pils?«, fragte Zenzi, die die Maßkrüge mit einer solch selbstverständlichen Kraft stemmte, dass es aussah, als hielte sie nur leichte Hanteln. Sie brauchte kein Fitnessstudio, um zu trainieren. Das tat sie schon bei der täglichen Arbeit.

»Gern.« Melanie nickte. Ihr Blick wanderte wieder zu Jana hinüber.

Mutter wartet mit dem Essen auf mich, dachte Jana. Ich sollte gehen.

Dennoch blieb sie sitzen. Gleichzeitig fiel ihr auf, dass Melanies Haar fast so blond war wie Ritvas. Nicht ganz, und es war viel kürzer, beinah wie ein Igel.

Sie wusste, dass solche Haare wunderbar kitzeln konnten, wenn man darüberstrich. Ihre Brustwarzen richteten sich auf.

Doch nicht jetzt! Unwillkürlich hätte sie fast an sich hinuntergeschaut, aber im letzten Moment hielt sie sich zurück. Auf jeden Fall war sie froh, dass sie keine enganliegende Bluse trug.

Sie sah, dass Melanies Blick immer noch auf ihr ruhte, und fragte sich, ob sie etwas bemerkt hatte. Ein verdächtiges Kribbeln sammelte sich auf ihren Wangen. Sie würde jetzt doch wohl nicht rot werden? Bitte, bitte nicht.

Melanie schien immer noch zu zögern und sah sie nur an. Traute sie sich etwa nicht, zu Jana an den Tisch zu kommen? Oder wollte sie es nicht?

»Kennt ihr euch schon?«, fragte Zenzi da völlig unbeeindruckt von all dem, was gerade hier durch den Raum schwebte, und ließ ihren Blick zwischen Melanie und Jana hin- und herschwenken.

»Ähm . . . Nein . . . Ja . . .«, stammelte Melanie völlig überrumpelt, während Jana nur schluckte.

Zenzi war einfach gut darin, Gesichtsausdrücke von Menschen zu deuten. Das half ihr bei ihrer Arbeit hier in der Gaststube sehr. Vor allem, wenn sie mit Betrunkenen zu tun hatte, bei denen sie einschätzen musste, ob sie gleich das ganze Mobiliar zerschlagen würden oder sie sie dazu bringen konnte, friedlich nach Hause zu gehen.

»Dann setzen Sie sich doch einfach zu Jana«, schlug Zenzi ganz locker vor, während sie das Bier weiter zum Stammtisch trug. »Ich bringe Ihnen dann gleich Ihr Pils.« Sie setzte die Maßkrüge mit einem dumpfen Geräusch auf dem Tisch ab.

Schulterzuckend verzog Jana das Gesicht und wies mit einer Hand auf einen der Stühle an ihrem Tisch, während sie Melanie ansah. Das musste genügen, denn zum Sprechen fühlte sie sich immer noch nicht in der Lage. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Komisch. Vorhin auf dem Bauernhof war das nicht so gewesen. Da hatte sie sich sogar recht sicher gefühlt. Sicher genug, um ein bisschen mit Melanie herumzuspielen, fast mit ihr zu flirten. War es die Erinnerung an Ritva, die sie jetzt so verstummen ließ? Melanies blondes Haar hatte sie wohl an mehr erinnert, als an was sie erinnert werden wollte. Sie seufzte innerlich, aber nun hatte sie Melanie schon an ihren Tisch eingeladen, das konnte sie nicht mehr rückgängig machen.

Denn Melanie folgte der Einladung bereits, trat an ihren Tisch und legte eine Hand auf die Lehne des Holzstuhls. »Das ist ja merkwürdig, dass wir uns hier treffen«, sagte sie, zog den Stuhl zurück und setzte sich Jana gegenüber.

Nun musste Jana doch schmunzeln. »Nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Sie hier wohnen und Zenzi meine Cousine ist«, gab sie zurück.

Melanie nickte. »Da haben Sie wohl recht. Ich wusste nur nicht, dass Sie Ihre Abende auch hier verbringen.«

»Tue ich nicht.« Jana schüttelte den Kopf. »Ich hatte nur Lust auf ein Glas Silvaner, und zu Hause habe ich keinen Alkohol. Meine Mutter trinkt keinen, und wenn wir nicht gerade Gäste erwarten, gibt es nur alkoholfreie Getränke im Schrank.«

»Und das in einem Bierland wie Bayern?«, fragte Melanie etwas neckend.

»Das heißt ja nicht, dass wir alle ständig einen Maßkrug nach dem anderen leeren müssen«, verteidigte Jana sich und schaute kurz zum Stammtisch hinüber.

»Natürlich nicht.« Melanie wirkte immer noch etwas verlegen, wie auch zuvor schon, als sie so herumgestammelt hatte. Was gar nicht zu ihr passte.

Aber Jana erinnerte sich, auch auf dem Bauernhof hatte Melanie da schon so ihre Momente gehabt. Und Jana wusste auch ganz genau, warum. Sie hatte die Spannung zwischen ihnen beiden gespürt.

Stand Melanie auf Frauen, oder war es nur ihre Aufgabe hier, die sie Jana vielleicht sogar misstrauisch betrachten ließ? Dachte sie, sie hätte den Bauernhof in Brand gesteckt?

Was sonst konnte eine Versicherungsdetektivin hier wollen? Sie untersuchte, ob Babetts Anspruch, die Versicherung ausgezahlt zu bekommen, gerechtfertigt war.

Nach allem, was Nicky erzählt hatte, war Jana da selbst etwas misstrauisch. Aber das würde sie Melanie bestimmt nicht sagen.

»Es gibt Leberknödelsuppe zum Nachtessen heute für unsere Pensionsgäste«, verkündete Zenzi in diesem Moment, während sie einen Bierdeckel vor Melanie auf den Tisch legte und ein Pilsglas daraufstellte. »Oder möchten Sie etwas anderes? Sie sind ja nicht von hier.« Fragend blickte sie Melanie an.

Für einen Moment schien Melanie etwas verdutzt.

Jana konnte sich nicht zurückhalten, weil bei Melanies leicht überfordertem Anblick regelrechtes Vergnügen in ihr aufstieg und die zuvor etwas nachdenkliche Stimmung vertrieb. Fast schon lachend sagte sie: »Haben Sie schon einmal Leberknödel gegessen?«

»Nein.« Melanie schüttelte den Kopf. »Noch nie.«

»Aber Sie sind nicht eine von diesen . . .«, Zenzis Stirn runzelte sich heftig, während sie über das Wort nachdachte, »Veschanen aus der Stadt, oder?«, erkundigte sie sich besorgt. »Tut mir leid. Ich habe gar nicht gefragt.« Sie zuckte die Schultern. »Ist bei uns nicht so üblich.«

Diesmal schlich sich ein Schmunzeln auf Melanies Gesicht, als sie erneut verneinte. »Ich bin keine Veganerin. Nur Leberknödel kenne ich nicht. Das ist doch sehr . . . süddeutsch.«

»Ja, gewiss.« Zenzi nickte. »Deshalb können Sie auch etwas anderes aus unserer Karte haben, wenn Sie möchten.« Sie wollte schon zur Theke hinübergehen, um eine Karte zu holen.

»Nein, nein.« Schnell hob Melanie eine Hand, um sie aufzuhalten. »Sie müssen jetzt nichts Spezielles für mich machen. Ich probiere gern die Leberknödelsuppe. Man soll immer offen für Neues sein.« Ihre Mundwinkel zuckten.

Hanna Berghoff: Öffne dein Herz

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