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»Den kann ich nur empfehlen.«

Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in der Hand. »Meinen Sie?« Ihre Stirn legte sich in Falten. »Das Layout wirkt nicht gerade einladend.«

Anna lächelte. »Der äußere Schein trügt. Es ist der Beste für die Gegend hier.«

Die Dunkelhaarige erwiderte das Lächeln. »Vielleicht sollte ich meine Vorurteile ablegen.« Sie blätterte in dem Buch und überflog eine Seite. »Die romantische Tour. In Herten-Westerholt«, las sie vor. »Wenn das nicht verlockend klingt.« Für einen kurzen Moment sah die schöne Fremde Anna in die Augen. Ihre Blicke hielten sich fest.

»Vom Alten Dorf zum Schloss«, entfuhr es Anna, noch immer in den dunklen Augen ihr gegenüber versunken.

»Sie kennen sich aus.«

»Ein bisschen. Ich wandere gern. Auch, wenn es hier sicherlich nicht so viele Wanderstrecken gibt wie im Gebirge.«

»Das ist wohl anzunehmen.«

»Sie kommen nicht von hier, oder?« Anna legte den Kopf ein wenig schief. Anhand des Dialekts erkannte sie nicht, wo die Unbekannte aufgewachsen war.

Die Brünette zuckte mit den Schultern. »Ich wohne erst seit ein paar Tagen in Essen. Der Umzug ist gerade geschafft.« Sie seufzte. »Ein neuer Job.«

»Dann werden Sie sich wundern, was das Ruhrgebiet zu bieten hat.«

»Damit könnten Sie recht haben.« Sie hob eine Augenbraue und sah Anna vielsagend an.

»Kann ich Ihnen weiterhelfen?« Mittlerweile war der Verkäufer des kleinen Outdoorladens auf sie aufmerksam geworden.

»Nein, wir kommen zurecht«, sagten beide gleichzeitig.

Die Fremde lachte und Anna bemerkte sofort die unwiderstehlichen Grübchen neben ihrem Mund. »Da sind wir wohl einer Meinung.«

»Scheint so.« Anna grinste. »Ich bin übrigens Anna.«

»Charlie. Auf Charlotte getauft, aber . . .«, sie hob abwehrend die Arme, »bitte nicht.« Sie zwinkerte Anna zu. »Freut mich, dich kennenzulernen.« Sie warf noch einmal einen kurzen Blick auf den Wanderführer. »Also gut, dann werde ich den nehmen. Auf deine Verantwortung.«

Abwehrend hob Anna die Hände. »Ich weiß nicht, ob ich diese Verantwortung übernehmen kann. Aber ich könnte unter Umständen noch ein paar Tipps beisteuern.«

»Wie wäre es in diesem Fall mit einem Kaffee? Sozusagen als Dank für die Beratung? Ich lade dich natürlich ein.«

»Warum nicht?« Dass sie ursprünglich einen neuen Fahrradhelm hatte kaufen wollen, ignorierte Anna in diesem Moment. Der alte würde noch ein paar Tage funktionieren. Die Aussicht, mit Charlie einen Kaffee zu trinken, war deutlich verlockender, als sich mit dem Anprobieren der Helme die Frisur zu ruinieren.

»Wo kommst du denn her?«, nahm Anna das Gespräch wieder auf, nachdem Charlie das Buch bezahlt und sie den Laden verlassen hatten.

»Zuletzt habe ich in Tübingen gewohnt.« Charlie wirkte nicht besonders auskunftsfreudig. »Kennst du denn ein gutes Café hier in der Nähe? Ich fürchte, da wird mir der Wanderführer keine gute Hilfe sein.«

Anna nickte. »Direkt die Straße rauf ist ein sehr nettes kleines Café.«

»So gut, wie du dich auskennst, lebst du wohl schon länger hier, oder?«

»Ich stamme aus Castrop-Rauxel«, sagte Anna. »Lebe aber schon ein paar Jahre in Essen.« Sie rieb ihre Hände, um sie aufzuwärmen.

»Was für ein Glück ich habe, dass ausgerechnet du mich angesprochen hast.« Charlie grinste.

»Und das, obwohl ich sonst nie fremde Frauen anspreche.« Anna zuckte mit den Schultern. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie überhaupt auf Charlie zugegangen war. Es war gar nicht ihre Art, aber irgendetwas hatte sie an ihr von Anfang an fasziniert.

»Ach nein?« Charlie hob eine Augenbraue. »Dann freut es mich umso mehr.«

Ein Vampir und ein Werwolf liefen an ihnen vorbei.

Charlie starrte die beiden Gestalten mit leicht geöffnetem Mund an, als würde sie ihrer eigenen Wahrnehmung in der einsetzenden Dämmerung nicht trauen. »Hast du das auch gesehen?«

Anna lachte. »Ja, du hast dir das nicht eingebildet. Hast du vergessen, dass heute Halloween ist?«

»Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.« Charlie prustete los. »Das ist kein Fest für mich.«

»Meins ist es auch nicht.« Anna blieb vor dem hell erleuchteten Café stehen. »Hier ist es.« Durch die Fenster konnte sie erkennen, dass es trotz der unüblichen Kaffeezeit gut besucht war. »Hoffentlich bleiben wir hier von Kostümen und Totenkopfdeko verschont.«

Charlie stieß die Tür auf. »Ansonsten verschwinden wir einfach wieder.«

»Hallo, Anna, dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.« Rita, die Besitzerin, kam hinter der Theke hervor und umarmte Anna. »Das letzte Mal warst du doch noch mit . . .«

»Ja, ist eine Weile her«, schnitt Anna ihr das Wort ab. Sie wollte sich nicht an den zurückliegenden Besuch erinnern. Und erst recht nicht an ihre Begleitung. »Hast du einen Tisch für uns?«

»Natürlich.«

Anna und Charlie folgten ihr, die ihnen einen kleinen Tisch in einer ruhigen Nische zuwies. »Ist der Platz okay?«

Anna nickte und hängte ihre Jacke über die Stuhllehne. Charlie schloss sich ihrem Beispiel an und setzte sich dann Anna gegenüber.

»Wisst ihr schon, was ihr wollt?« Rita zückte ihren Notizblock.

»Einen Kaffee und deinen legendären Apfelkuchen für mich.« Anna fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Mit einer Portion Sahne.«

»Das nehme ich auch«, sagte Charlie und legte die Karte, nach der sie gegriffen hatte, ungeöffnet wieder beiseite. Die Muskelansätze, die sich unter ihrem engen Longsleeve abzeichneten, fielen Anna sofort ins Auge, und sie musste sich dagegen wehren, nicht allzu auffällig darauf zu starren.

»Wovon träumst du?« Charlie hob eine Augenbraue und grinste sie an.

Das Blut schoss Anna ins Gesicht. »Ähm . . . nichts . . .«, stammelte sie. »Ich musste nur gerade an was denken.« Mit ihren Fingern fuhr sie über das geblümte Tischtuch und zeichnete kleine Kreise darauf.

»Woran denn?«, neckte Charlie sie weiter, als hätte sie Annas Gedanken gelesen. Ihre braunen Augen blitzten.

Nur schwer konnte sich Anna von Charlies Blick lösen. »Du bist also auch gern in der Natur«, sagte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

»Immer, wenn ich Zeit habe. Was leider viel zu selten ist.«

Rita stellte den Kuchen und den Kaffee auf den Tisch. Das Apfelaroma mischte sich mit Kaffeeduft. »Lasst es euch schmecken.«

»Kannst du denn hier etwas empfehlen, was ich unbedingt gesehen haben muss?«, griff Charlie das Thema wieder auf. Mit ihrer Gabel teilte sie das erste Stückchen Kuchen ab.

»Kommt drauf an, was dich am meisten interessiert. Eher sportliche Wandertouren? Radtouren? Industriekultur?«

»Was mich interessiert?«, wiederholte Charlie. Sie fixierte Anna. Ihre Stimme bekam einen tieferen Klang.

Anna schluckte. Ihr Herz schlug schneller. Flirtete Charlie mit ihr? »Also . . . ja . . .«, brachte sie mühsam hervor.

»Das kommt ganz darauf an. Auch auf die Begleitung zum Beispiel.« Charlies Finger fuhren über ihr Schlüsselbein. Anna fielen die schlanken Hände sofort auf.

»Ich kann dir ja mal ein paar Fotos zeigen.«

Charlie nickte. »Gern.«

Anna griff ihre Handtasche und begann, darin herumzukramen, froh über die Ablenkung. »Verdammt, wo ist das blöde Teil denn nun schon wieder?« Nach und nach legte sie diverse Gegenstände aus ihrer Tasche auf den Tisch. Taschentücher, einen Kugelschreiber, ein Notizbuch, Pflaster, einen Schlüssel. Nur ihr Handy fand sie einfach nicht.

»Vielleicht brauchst du ein besseres Ordnungssystem für deine Tasche.« Wieder war da dieses vergnügte Blitzen in Charlies Augen.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
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