Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den Zettel mit Charlies Nummer, den sie noch immer in der Jackentasche hatte. Auf der einen Seite klopfte ihr Herz laut beim Gedanken daran, ihr zu begegnen, andererseits führte es doch eh zu nichts. Sie hatte es längst gelernt. »Ich weiß es einfach nicht. Vielleicht«, sie wandte sich an Leni, »sollte ich mir lieber ein so treues Tier wie dich anschaffen.«

Als hätte die Hündin sie verstanden, sah sie zu ihr.

»Und dann nimmst du das arme Tier mit in die Klinik?« Katja verdrehte die Augen.

»Ja, ja . . . Ich weiß.« Anna schüttelte lachend den Kopf. »Das kann ich keinem Lebewesen zumuten.«

»Also, was weißt du von Charlie?« Katja blieb hartnäckig. Wie Anna ihre Schwester kannte.

Anna seufzte. Es hatte ohnehin keinen Sinn. »Dass sie frisch nach Essen gezogen ist, vorher in Tübingen gelebt hat und Charlie heißt. Und gern wandert.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief ein. Die frische Luft, die kühl in ihre Lunge strömte, tat gut. In der Natur gelang es ihr immer am besten, einen klaren Kopf zu bekommen. »Ich werde Charlie einfach aus meinem Gedächtnis streichen. Das kann doch nichts werden.« Es war definitiv die richtige Entscheidung. »Ich werde mich nie wieder verlieben. Weder in Charlie noch in irgendwen sonst. Ich will keine Beziehung mehr. Und damit ist das Thema beendet.«

Doch warum nur fühlte sich dieser Entschluss dann so falsch an?

4

Anna sah auf ihre Armbanduhr. Punkt zehn Uhr. Sie hatte auf keinen Fall zu diesem wichtigen Termin mit ihrem Chef zu spät kommen wollen. An diesem Morgen würde sich entscheiden, wie ihre berufliche Zukunft aussehen würde.

Sie klopfte an die Tür und betrat das Chefsekretariat. Bald würde sie das Tumorzentrum aufbauen und leiten, und ein Traum würde in Erfüllung gehen.

»Hallo Anna, Professor Storm erwartet dich schon.« Svenja Kuhlmann, die Chefsekretärin, lächelte ihr zu und deutete auf die verschlossene Tür zum Büro ihres Chefs. Das war seltsam, denn normalerweise schloss er die Tür nur, wenn er in einem Gespräch war. »Du kannst ruhig reingehen«, sagte Svenja, die Annas Zögern bemerkt haben musste.

Dumpfe Stimmen drangen aus dem Büro, die sogleich verstummten, als Anna die Klinke herunterdrückte.

Sofort fiel ihr Blick auf die Frau, die vor dem Schreibtisch saß und sich in diesem Moment zu ihr umdrehte. Hinter Annas Schläfen begann es, heftig zu pochen. Das konnte unmöglich wahr sein. Sie musste sich täuschen. Was machte sie denn hier? Ausgerechnet in der Klinik. In ihrer Klinik.

Sie starrte die Frau an. Sie konnte nicht anders. Was hatte das zu bedeuten? Alles begann vor ihren Augen zu verschwimmen. Das Schicksal musste ihr böse mitspielen.

Und dann fing Anna ihren Blick auf.

Für einen Atemzug schien die Luft zwischen ihnen zu vibrieren. Das dunkle Braun ihrer Augen hielt Anna gefangen.

Kein Zweifel. Es war Charlie.

Anna wischte ihre feuchten Hände an ihrer weißen Stoffhose ab. Sie schluckte gegen die Mundtrockenheit an.

»Schön, dass Sie da sind«, durchbrach der Chef die Stille. »Nehmen Sie doch Platz.«

Die Worte drangen wie zu Watte zu Anna durch. Sie versuchte, sich auf Professor Storm zu konzentrieren, und rückte mit zitternden Händen einen Stuhl zurecht.

Gleich würde sie aufwachen und alles war nur ein Traum. Es konnte nicht anders sein.

Doch nichts dergleichen geschah.

Charlie sah ebenso bleich aus, wie Anna sich fühlte, und umklammerte die Armlehnen ihres Stuhls.

Professor Storm schien davon jedoch nichts zu bemerken. »Darf ich Ihnen Frau Doktor Charlotte Loewe vorstellen?« Er räusperte sich. Galant deutete er auf Charlie und dann auf Anna. »Und das ist Frau Doktor Anna Deniger.«

»Freut mich.« Charlie nickte Anna unverbindlich zu. Sie hatte sich offensichtlich entschieden zu verschweigen, dass sie sich bereits kannten.

»Wie Sie ja wissen, planen wir, ein großes Neuroonkologisches Tumorzentrum an unserer Klinik aufzubauen.« Professor Storm verschränkte die Hände und legte sie auf der Tischplatte ab. Sein Blick wanderte abwechselnd zwischen Anna und Charlie hin und her. »Das ist eine sehr große und verantwortungsvolle Aufgabe.« Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. »Es müssen Kooperationen zwischen verschiedenen Abteilungen geschaffen werden, neue Prozesse müssen etabliert und alte Strukturen verändert werden. Es liegt sicherlich eine mehrmonatige Arbeit vor uns. Aber dann werden wir landesweit eine gefragte Einrichtung auf diesem Gebiet werden. Grundsätzlich ist schließlich die gesamte Expertise im Bereich der Neuroonkologie in der Klinik vertreten.«

Noch immer verstand Anna nicht, was Charlie damit zu tun hatte. Warum saß sie hier? Und warum hatte ihr Chef Anna nicht vorher eingeweiht? War sie eine Art Projektmanagerin von einer externen Firma?

Als hätte Professor Storm Annas Gedanken gelesen, fuhr er fort: »Vielleicht fragen Sie sich, warum Sie nun beide hier sitzen.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fixierte Anna. »Frau Loewe ist eine erfahrene Neurologin und Wissenschaftlerin, die ab sofort unser Team als Oberärztin verstärken wird.« Nun lächelte er Charlie zu. »Aufgrund ihres hervorragenden Know-hows ist sie genau die Richtige, um die Leitung des Tumorzentrums zu übernehmen.«

Anna schnappte nach Luft. »Wie bitte?« Hatte sie das richtig gehört? Charlie wurde neue Oberärztin an ihrer Klinik? Und sollte dann auch noch ihre direkte Vorgesetzte werden, um das Tumorzentrum aufzubauen? Das, was eigentlich ihr zustand? War das ein schlechter Witz? »Verstehe ich das richtig?« Anna hatte das Gefühl, dass ihr Stuhl schwanken würde. »Frau Loewe wird Leiterin des Tumorzentrums?« Mit ihren Fingern massierte Anna die Kuhle über ihrem Schlüsselbein. »Und was ist mit mir?«

Als wäre Anna gar nicht mehr anwesend, wandte sich Professor Storm an Charlie und sagte: »Frau Deniger ist eine sehr erfahrene Neuroonkologin und arbeitet schon seit Jahren auf der Station und in der Tumorambulanz. Deswegen wird sie Ihnen sicherlich mit ihrer großen Erfahrung und dem gewohnten Engagement zur Seite stehen und helfen, wo sie nur kann.«

Anna versuchte, diese neuen Informationen zu verarbeiten. Doch in ihrem Kopf ergab das alles keinen Sinn. Es sollte ihr Tumorzentrum werden. Ihre Karriere. Ihr Traum. Und jetzt servierte ihr Chef ihr ausgerechnet Charlie als Leitung und wollte dann auch noch, dass sie zusammenarbeiteten? So hatte sie sich das Wiedersehen nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht.

Sie sah zu Charlie, doch Charlie wich genau in diesem Moment ihrem Blick verstohlen aus. Charlies Gesicht wirkte noch blasser.

»Nun gut, vielen Dank.« Professor Storm wandte sich wieder an die beiden Frauen. »Wir werden uns sicherlich in den nächsten Tagen und Wochen noch öfter zusammensetzen, aber jetzt kommen Sie erst einmal bei uns an.« Er schob eine Mappe zu Charlie über den Schreibtisch. »Frau Loewe, Sie müssen nun zu der obligatorischen Einführungsveranstaltung für neue Mitarbeiter. Hier steht alles Wichtige drin. Und anschließend würde ich Sie bitten, sich bei Frau Deniger zu melden, damit sie Ihnen die Klinik zeigen kann.«

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Ausgerechnet sie sollte Charlie alles zeigen?

»Ich kann doch auf Sie zählen, Frau Deniger?«

Zähneknirschend nickte Anna. Was sollte sie auch anderes tun, wenn sie nicht gleich ihre Kündigung einreichen wollte?

Charlie stand auf und Anna folgte ihr mechanisch.

»Ich hatte ja keine Ahnung«, sagte Charlie, nachdem sie vor dem Sekretariat standen und die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

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