»Du tauchst hier einfach auf und nimmst mir meinen Job weg?« Anna ballte ihre Hände fest zu Fäusten.

»Du kannst mir glauben, dass das nicht meine Absicht war.« Charlie senkte den Blick. »Ich hatte zwar wirklich gehofft, dich wiederzusehen. Aber ganz bestimmt nicht unter diesen Umständen.«

»Wie du meinst.« Anna atmete tief durch. »Dann bis später.«

Sie ging einfach los, ohne weiter auf Charlie zu achten. Sie musste erst einmal weg.

Irgendwie musste sie diesen Tag überstehen.

5

Bereits in dem Moment, als ihr Telefon klingelte, hatte Anna ein ungutes Gefühl. Das bestätigte sich sofort, nachdem sie es aus der Kitteltasche gefischt hatte. Loewe leuchtete unverkennbar im Display auf.

Anna atmete einmal tief durch, dann nahm sie ab. »Hallo«, meldete sie sich knapp.

Ein Räuspern war am anderen Ende der Leitung zu vernehmen, gefolgt von einer kurzen Pause. »Ich bin es«, sagte Charlie unnötigerweise. Ihre Stimme war leise, fast ein wenig schüchtern.

»Wo bist du? Dann hole ich dich ab.« Anna bemühte sich um einen gelassenen, aber freundlichen Tonfall.

»Ich glaube, an der Kantine.«

»Alles klar. Ich bin in spätestens fünf Minuten bei dir.« Anna legte auf. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Finger leicht zitterten. Den ganzen Tag hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet. Gleich würde sie auf Charlie treffen. Und dann würde es nur sie beide geben. Sie allein.

Was sollte sie zu Charlie sagen? Sollte sie ihr Date – oder was auch immer es war – ansprechen? Sie hatte keine Ahnung, auch wenn sie sich die letzten Stunden auf kaum etwas anderes als diese Fragen hatte konzentrieren können.

Vor dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken im Schwesternzimmer blieb sie stehen und ordnete noch einmal ihre kurzen blonden Haare. Dann strich sie ihren Kittel glatt.

Auf dem Weg durchs Treppenhaus bemerkte sie, wie ihr Puls sich beschleunigte, was nicht nur an der körperlichen Anstrengung liegen konnte.

Von Weitem erspähte sie Charlie, die aufmerksam den Menüplan der Woche studierte. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. In der weißen Hose und dem Kittel, der ihre Taille betonte, sah sie ziemlich sexy aus.

Schluss damit, ermahnte sich Anna. Das waren absolut die falschen Gedanken, wenn sie Charlie neutral gegenübertreten wollte. Zudem durfte sie nicht vergessen, warum Charlie eigentlich hier war – nämlich weil sie Annas Traum verwirklichen durfte. Nicht Anna selbst.

Eine gewisse Wut kroch in ihr hoch.

Plötzlich drehte Charlie sich um und sah direkt zu ihr.

Für einen Moment verharrte Anna in ihrer Bewegung. Sie fühlte sich wie versteinert, unfähig, sich zu rühren und doch magisch von diesen dunklen Augen angezogen. Von diesen verbotenen dunklen Augen. Verdammt!

Charlie schien weniger Schwierigkeiten mit ihren Bewegungen zu haben und kam lächelnd auf sie zu. »Es tut mir leid, ich hatte ja keine Ahnung.« Sie wischte ihre Hände am Kittel ab. »Ich hätte dich gern unter anderen Umständen wiedergesehen.« Ihr Lächeln erstarb. Es wirkte, als hätte sie einen Schalter umgelegt, und ihr Gesichtsausdruck wurde völlig unergründlich. »Ich hatte wirklich gehofft, dass du dich melden würdest.«

»Ja, das wollte ich auch«, erwiderte Anna. Sie umfasste das kühle Metall des Reflexhammers in ihrer Kitteltasche. Vielleicht war es besser so, dass sie Charlie nicht angerufen hatte, auch wenn sie am Wochenende mehrfach kurz davor gewesen war. Es hätte alles noch viel komplizierter gemacht, als es ohnehin schon war. Sie atmete einmal tief durch. »Du bist also auch Neurologin«, sagte sie überflüssigerweise, um das Gespräch wieder aufzunehmen und in eine andere Richtung zu lenken.

Charlie nickte. »Da haben wir wohl neben der Leidenschaft fürs Wandern noch etwas gemeinsam.«

Anna überhörte diesen Satz. Sie wollte sich keine Gedanken über ihre Gemeinsamkeiten machen. Wohin sollte das führen? Also sagte sie: »Ich würde vorschlagen, wir fangen in der Ambulanz an und gehen dann zu den Stationen.« Sie lief los, ohne eine Antwort abzuwarten. »Möchtest du sonst noch was sehen? Die Notaufnahme? Die Radiologie? Hast du spezielle Wünsche?«, rettete sie sich in professionelle Distanz.

»Mich würden die Labore interessieren.« Charlie hielt problemlos mit Annas schnellen Schritten mit.

Für einen Moment musste Anna verwundert geguckt haben, denn sofort fügte Charlie hinzu: »Ich forsche viel. Und gern.«

Anna schluckte. Das war natürlich klar, dass der Chef eine ambitionierte Wissenschaftlerin einstellte. Als ihre designierte Vorgesetzte. Eine, die genau das war, was Anna nicht war und im Grunde auch nicht sein wollte. Nur die Forschung im Blick, nicht die Menschen. Sicher, Forschung war wichtig, aber die Menschen waren es auch.

Charlie brachte all das mit, was ihr Chef oft an Anna bemängelte. Ihre Forschungsaktivität sei für eine Uniklinik deutlich zu wenig, hatte er mehr als einmal verlauten lassen.

»Ich nehme an, du forschst über Hirntumore?«

Charlie straffte die Schultern. »Genau.«

Mittlerweile waren sie an den Ambulanzräumen angekommen. Charlie stellte sich allen Mitarbeitern vor und sah sich interessiert in den Räumen um.

Anna hielt sich etwas im Hintergrund und beobachtete, wie souverän Charlie durch die Zimmer ging, als wäre sie nie woanders gewesen. Die geborene Vorgesetzte, dachte Anna sarkastisch.

»Die meisten Kollegen hier scheinen sehr nett zu sein«, sagte Charlie, als sie die Treppe zu den Stationen hochstiegen.

»Ja, das stimmt.« Anna lief neben Charlie her. Sie roch genauso gut, wie . . . Sie schluckte und verwarf den Gedanken, noch bevor sie ihn überhaupt zu Ende gedacht hatte.

Als sie oben angekommen waren, griffen sie beide gleichzeitig nach der Türklinke. Ihre Hände berührten sich für einen Augenblick. Hastig zuckte Anna zurück, als hätte sie sich schwere Verbrennungen zugezogen.

Verdammt! Warum löste allein diese Berührung so ein Kribbeln in ihr aus? Warum fühlte sie sich von Charlie angezogen?

Charlie hingegen schien gänzlich unbeeindruckt von dieser körperlichen Nähe und stieß die Tür auf.

»Hallo Anna.« Eine Krankenschwester lief lächelnd an ihnen vorbei und ließ Anna keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. »Ich habe dich schon vermisst.«

»Ich zeige unserer neuen Kollegin die Klinik. Darf ich vorstellen?« Sie deutete auf Charlie. »Charlotte Loewe.«

»Schön, dich kennenzulernen. ›Du‹ ist doch okay, oder?« Eine leichte Röte überzog das Gesicht der Krankenschwester. »Hier duzen sich alle. Ich bin Dorothea.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Charlie. Ihrem Gesichtsausdruck war nicht anzusehen, ob es wirklich in Ordnung für sie war oder sie sich einfach in diesem Moment zu überrumpelt fühlte, um zu widersprechen. Immerhin wäre sie bald die Chefin, wenn alles nach ihrem Plan laufen würde. Nur dass Dorothea davon noch nichts ahnte.

»Wenn du nachher Zeit hast, habe ich noch ein paar Dinge, die ich mit dir klären müsste«, wandte sich Dorothea wieder an Anna. »Kommst du noch mal rum?«

»Natürlich. Gibt es irgendetwas Wichtiges, was wir sofort klären sollten?«

»Nein, das kann alles warten. Ich weiß ja, dass ich mich auf dich verlassen kann.« Dorothea zwinkerte Anna zu. »Bis später.«

»Das ist also die Neuroonkologische Station«, erklärte Anna, als sie wieder allein auf dem weiten Flur standen. »Wir teilen uns die Station mit der Neurochirurgie, sodass wir besonders kurze Wege haben und unsere Patienten auch bei Operationen nicht umziehen müssen. Insgesamt gibt es sechsunddreißig Betten, wovon zwanzig uns gehören.«

»Das ist ja schon mal ein gutes Konzept. Das sind genau die Dinge, an denen wir in Zukunft arbeiten müssen. Interdisziplinarität und kurze Wege.« Charlie rieb sich übers Kinn. »Ein erfreulicher Anfang jedenfalls.«

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
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Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
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Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....