Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten.

»Sehr schön hier«, kommentierte Charlie weiter, während sie ihren Blick interessiert den Flur entlangschweifen ließ.

Im Grunde sah es nicht anders aus als in anderen Krankenhäusern auch. Besonders die bunten Bilder an den Wänden hatten es Charlie jedoch angetan.

»Die sind von den Patienten. Zwei Mal in der Woche gibt es eine Kreativtherapie für die Palliativpatienten, die in der Komplextherapie sind«, erklärte Anna.

»Ach Anna, gut, dass du gerade hier bist.« Dennis Irmer, einer der Stationsärzte, kam auf sie zu. »Kannst du mal einen Blick hierauf werfen? Ich habe mir für Herrn Wagner ein neues Konzept überlegt, wenn du damit einverstanden bist.« Er hielt Anna eine Kurve hin und sie studierte die Anordnungen genau.

Mit einem Nicken gab sie Dennis die Unterlagen zurück. »Das sieht sehr vernünftig aus.«

»Du scheinst hier aber ganz schön gefragt zu sein«, meinte Charlie mit einem Augenzwinkern, nachdem Dennis außer Hörweite war. Sie legte wie selbstverständlich eine Hand auf Annas Schulter. »Ich kann das gut verstehen.«

Die Wärme breitete sich über ihr Schulterblatt in Annas ganzen Körper aus. Charlies Nähe fühlte sich so vertraut an. Doch so plötzlich, wie Charlie sie berührt hatte, so abrupt zog sie die Hand auch wieder zurück.

Anna schluckte gegen die Trockenheit in ihrem Hals an. »Wahrscheinlich bin ich einfach zu oft und zu lange hier.« Sie war stets präsent und für alle Fragen offen. Und meistens galt das auch noch längst nach Dienstschluss. Deswegen kamen immer alle zu ihr. »Wollen wir weiter?«

Nachdem sie die Vorstellungsrunde auf dieser und allen weiteren Stationen beendet hatten, wollte Anna eigentlich nur noch ihre Ruhe haben und einen Kaffee trinken. Doch bevor sie etwas sagen konnte, fragte Charlie: »Zeigst du mir jetzt die Labore?«

Innerlich seufzte Anna. Diese dunklen, stickigen Räume mit den manchmal doch recht merkwürdigen Mitarbeitern hatte sie die ganze Zeit wohl unbewusst vermieden. Sie hatte so gut es ging einen großen Bogen um die Labore gemacht. »Okay, dann müssen wir hier entlang.« Sie setzte sich wieder in Bewegung und blieb vor dem Fahrstuhl stehen. »Forschung scheint dir wirklich wichtig zu sein.«

»Ja, das ist meine absolute Leidenschaft.« Charlies Gesicht bekam einen fast verträumten Ausdruck. »Ich brauche auch nicht mehr allzu viele Veröffentlichungen, bis ich mich habilitieren kann. Das ist mein nächstes großes Ziel.« Die Fahrstuhltür öffnete sich und Charlie stieg zuerst ein. »Neben dem Aufbau des Neuroonkologischen Tumorzentrum.«

Natürlich, was sonst?

Anna drückte den Knopf für das Erdgeschoss so fest, dass ihr Zeigefinger schmerzte. Sie lehnte sich an die kühle Fahrstuhlwand und schloss für einige Sekunden die Augen.

»Ist alles in Ordnung?« Charlie legte erneut eine Hand auf Annas Schulter. »Geht es dir nicht gut?« Sie klang ernstlich besorgt.

Anna schüttelte leicht den Kopf. »Nein, es ist alles bestens. Ich musste nur gerade an etwas denken«, log sie. Noch immer lag Charlies Hand auf ihrem Rücken und Anna wünschte sich, dass es ewig so bleiben würde.

Warum nur konnte Charlie nicht eine Frau sein, die mit Medizin gar nichts zu tun hatte und die sie außerhalb der Klinik wiedergetroffen hätte? Oder, wenn das schon nicht möglich war, wenigstens eine dumme Kuh, die es ihr leicht machte, auf Abstand zu gehen? Warum musste sie stattdessen so eine attraktive, charmante und intelligente Frau sein, die Annas Herz schneller schlagen ließ?

Glücklicherweise ertönte in diesem Moment der Gong, der verkündete, dass sie angekommen waren. Die Fahrstuhltür öffnete sich quietschend.

Anna nutzte die Zeit, in der Charlie die Laborräume ziemlich genau unter die Lupe nahm, um ein paar Telefonate zu machen.

»Was hältst du von einem Kaffee?«, fragte Charlie, als sie endlich fertig war. Sie lächelte. Es war das gleiche bezaubernde Lächeln, mit dem sie Anna bereits vor dem Bücherregal um den Finger gewickelt hatte.

Annas erster Impuls war abzulehnen, um endlich aus Charlies gefährlicher Nähe zu kommen, sie entschloss sich jedoch dann für eine Zustimmung. Es wäre auch eine gute Gelegenheit, ein klärendes Gespräch zu führen.

»Eine hervorragende Idee.« Anna lächelte ebenfalls. »Die hätte glatt von mir sein können.«

»Ist das so?« Charlie hob eine Augenbraue und grinste. »Wo sollen wir denn hingehen?«

Anna überlegte kurz, entschied sich dann für die Cafeteria. Neutrales Terrain. Das war am besten. Schließlich mussten sie es schaffen, irgendwie miteinander auszukommen. Professionell.

»Ganz so schön wie in dem kleinen Café ist es hier leider nicht, und so einen grandiosen Apfelkuchen habe ich auch nicht gesehen, aber immerhin die gleiche nette Gesellschaft«, sagte Charlie, nachdem sie es sich mit ihren dampfenden Tassen an einem der Fensterplätze in der Personalkantine gemütlich gemacht hatten. Sie saß Anna gegenüber. »Vielen Dank für deine Führung.«

Sie waren fast allein, die meisten hatten ihr Mittagessen längst beendet und für eine Kaffeepause gab es normalerweise keine Zeit. Nur zwei Chirurgen, die es wohl nicht eher aus dem OP geschafft hatten, saßen einige Tische weiter.

Anna pustete in ihre Tasse. Der Milchkaffee schlug kleine Wellen. »Das habe ich doch gern getan«, erwiderte sie mechanisch, obwohl es nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Sie hielt das heiße Gefäß fest umklammert, als könnte es ihr Halt bieten. »Ich . . .«, begann sie, die Augen auf die Tischplatte geheftet. Sie musste es einfach loswerden. »Ich . . .«, setzte sie erneut an, aber es fiel ihr schwer, die Worte auszusprechen.

»Was ist los?« Charlie sah sie erwartungsvoll an. »Du kannst es mir ruhig sagen.« Sie legte den Kopf ein wenig schief und beugte sich leicht in Annas Richtung. »Hat es was mit unserer ersten Begegnung zu tun?«, riet sie.

Anna holte tief Luft und nickte. Jetzt oder nie. »Ja.« Sie hatte das Gefühl, als würde ihre Zunge an ihrem Gaumen kleben. »Ich hätte dich wirklich gern näher kennengelernt. Unter anderen Umständen. Aber so . . .«

Charlie richtete sich auf. Sie rieb über ihre Schläfen. »Ich verstehe, was du meinst.« Ihre Augen suchten Annas. »So hat es einfach keine Zukunft. Das ist keine gute Basis.« Sie stand auf, ihre Tasse in der Hand. »Du hast recht. Ich nehme den Kaffee einfach mit. Bis später.«

Und dann verschwand sie. Einfach so.

War es das, was Anna wollte?

6

Charlie schaltete den PC an ihrem neuen Schreibtisch ein. Der erste Arbeitstag war fast geschafft – und so ganz anders verlaufen, als erwartet.

Sie wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und seufzte. Ausgerechnet Anna musste ihre neue Kollegin sein. Und nicht einfach nur eine Kollegin. Natürlich hatte Charlie gespürt, dass Anna sich Hoffnungen auf diesen Job gemacht hatte, dass sie davon ausgegangen war, das Tumorzentrum aufzubauen und zu leiten. Und dann setzte der Chef ihr Charlie vor die Nase.

Wer hätte das geahnt, als sie sich kennengelernt hatten?

Ihr Blick glitt aus dem Fenster.

Am Wochenende hatte Charlie oft an Anna gedacht, gehofft, dass sie sich melden würde.

Ein riesiger Baum verdunkelte das Zimmer. Seine Blätter segelten im Wind hin und her und erzeugten ein stetiges Rauschen. Hätte Anna nicht einfach in einer anderen Klinik arbeiten können? Oder wenigstens in einer anderen Abteilung?

Charlie wandte sich ihrem Schreibtisch zu. Es war sinnlos, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
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Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....