Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen von der IT-Abteilung erhalten hatte. Zu ihrem Erstaunen funktionierte direkt alles problemlos.

Es war an der Zeit, sich an ihrem neuen Arbeitsplatz und vor allem im Labor etwas genauer umzusehen. Bei ihrer Führung vorhin mit Anna war das kaum möglich gewesen.

Anna hatte regelrecht gequält gewirkt, nachdem sie den Wissenschaftstrakt betreten hatten. Deswegen hatte Charlie den Aufenthalt dort nicht unnötig verlängern wollen. Die nächsten Monate würde sie hier noch genug Zeit verbringen.

Schon wieder Anna.

Charlie schüttelte über sich selbst den Kopf.

Wie war das möglich? Welchen Streich spielte das Schicksal ihr? Endlich traf sie nach so langer Zeit eine faszinierende Frau und das gleich am ersten Tag in der fremden Stadt und dann bestand keinerlei Hoffnung, dass sie sich näherkommen konnten.

Aber vielleicht war es auch besser so. Für mehr als eine kurze Bekanntschaft war sie eh nicht zu gebrauchen.

Charlie griff nach dem Ordner, den Professor Storm ihr gegeben hatte. Er enthielt Organigramme der Klinik und der einzelnen Abteilungen, dazu noch weitere Pläne wie Raumübersichten und viele Blätter mit Zahlen. Alles ordentlich abgeheftet, genau nach Charlies Geschmack.

Es würde sicherlich ein paar Überstunden bedeuten, wenn sie das alles heute noch durcharbeiten wollte. Aber weil sie so schnell wie möglich mit ihrer Arbeit beginnen wollte, hatte sie keine andere Wahl.

Sie nahm das oberste Blatt in die Hand. Es war eine Übersicht der Mitarbeiter der Neurologie. Sofort fiel ihr Blick auf Annas Namen.

Wie konnte es auch anders sein?

Mit ihrem Zeigefinger fuhr sie über die Buchstaben.

Charlie musste über sich selbst schmunzeln. Seit wann war sie so auf eine Frau fixiert?

Ein Klopfen an der Tür ließ ihr keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. »Herein«, forderte Charlie den Besucher auf.

Eine junge Frau trat in ihr Büro. »Hallo, ich bin Sabrina Harder, eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen. Ich habe Sie gerade in Ihr Zimmer gehen sehen. Darf ich kurz stören?«

Charlie verdrehte innerlich die Augen über diese überflüssige Frage. Sabrina störte ja bereits. Doch das sagte sie nicht, stattdessen antwortete sie: »Natürlich, was kann ich für Sie tun?«

»Wir wollten uns gerade zusammensetzen und eine kleine Kaffeepause machen und dachten, Sie hätten vielleicht Lust, sich zu uns zu gesellen.«

»Gern«, stimmte Charlie dem Vorschlag zu, auch wenn sie ahnte, dass die Neugierde über die neue Oberärztin der Auslöser für dieses Kaffeekränzchen war. Aber es war gewiss nicht verkehrt, alle Mitarbeiter aus dem Labor kennenzulernen, wenn sie mit ihnen eine neue Arbeitsgruppe aufbauen wollte.

»Und Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Hirntumoren, habe ich gehört?«, fragte Sabrina auch direkt auf dem Weg in die kleine Küche.

Charlie nickte. »Genau, das ist mein Schwerpunkt.«

»Wollen Sie das hier weitermachen? Die neuroonkologische Forschung ist ja zuletzt eher stiefmütterlich behandelt worden.« Sabrina stieß eine Tür auf. »Wir sind auf jeden Fall für alles offen.« Sie lächelte einschmeichelnd.

Wenn Charlie etwas nicht leiden konnte, waren es Leute, die sich anbiederten. »Davon gehe ich aus.«

In der Küche saß bereits eine Handvoll Mitarbeiter um den Tisch. Als sie den Raum betraten, verstummten sämtliche Gespräche und alle Augen waren auf Charlie gerichtet.

»Vielen Dank für die spontane Einladung.« Charlie strich ihren Kittel glatt. »Vorstellen muss ich mich ja wahrscheinlich nicht mehr. Meinen Namen haben Sie mit Sicherheit schon herausgefunden.«

Alle nickten.

»Möchten Sie einen Kaffee?« Eine andere Kollegin kam auf sie zu. »Hier können Sie sich jeder Zeit bedienen, es ist eigentlich fast immer etwas da. Milch und Zucker stehen meistens auf dem Tisch. Tassen sind hier im Schrank.« Sie holte einen Becher heraus und goss Charlie Kaffee ein, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Danke.« Charlie nahm die Tasse entgegen. Eigentlich hatte sie heute bereits mehr als genug Koffein zu sich genommen, aber sie wollte nicht unhöflich sein. Sie setzte sich auf einen der freien Stühle. Noch immer herrschte Stille und Charlie wusste, dass es an ihr war, diese zu durchbrechen. »Ich habe schon gehört, dass Sie ein sehr motiviertes Team sind. Professor Storm hat Sie sehr gelobt.« Sie machte eine kurze Pause. »Umso mehr freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit. Ich weiß, dass das Erarbeiten neuer Schwerpunkte anfangs oft anstrengend ist, aber ich denke, das werden wir hinbekommen.« Sie suchte den Blick jedes einzelnen Mitarbeiters. »Ich hoffe, ich kann dabei voll und ganz auf Sie zählen.«

7

»Hallo Anna.«

Ehe Anna auf das Klopfen an ihrer Arztzimmertür reagieren konnte, war Maria bereits eingetreten. Die Oberärztin der Neurochirurgie hatte zwei Tassen Kaffee in der Hand.

»Ich darf doch?«, fragte Maria, während sie Anna eine der Tassen reichte. »Ich habe mir schon gedacht, dass du noch hier bist.« Sie sah demonstrativ auf die große Wanduhr, die verriet, dass es schon nach sieben Uhr abends war.

»Du bist ja auch noch hier«, spottete Anna. Sie schob ihren zweiten Schreibtischstuhl in Marias Richtung. »Setz dich doch.«

Maria folgte der Einladung. Sie schlüpfte aus ihren Schlappen, wackelte mit den Zehen und streckte die Beine ein wenig. »Was für ein Tag. Wie war es bei dir heute?«

»Ach . . . Eigentlich wie immer«, druckste Anna herum, obwohl sie wusste, dass Maria ihr sofort anmerken musste, dass das kein gewöhnlicher Tag gewesen war. Dafür kannten sie sich mittlerweile zu gut. Sie hielten oft nach Feierabend einen kleinen Plausch und hatten sich so über die Jahre angefreundet.

»Eigentlich?«, hakte Maria auch sogleich nach. »Wer war denn die attraktive Ärztin, mit der du heute Nachmittag über die Station gelaufen bist?«

»Ich habe gar nicht bemerkt, dass du uns gesehen hast.« Annas Wangen röteten sich gleich. Sie fühlte sich ertappt, selbst wenn es gar nichts zu verbergen gab.

»Nur kurz. Ich war auf dem Weg in den OP.«

Als Anna keine Anstalten machte weiterzusprechen, bohrte Maria weiter: »Und wer war das nun?«

»Das war Frau Fast-Professor Doktor Charlotte Loewe.« Anna lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie atmete tief durch. »Unsere neue Oberärztin. Und . . .« Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause. »Die neue Leiterin des Neuroonkologischen Tumorzentrums. Und damit auch bald meine und deine neue Vorgesetzte.« Auf Annas Stirn bildete sich eine tiefe Falte.

»Bitte was?« Maria öffnete leicht den Mund und starrte sie an. »Du hast gar nichts davon erzählt.«

»Tja, was soll ich sagen? Wir wussten bis heute Morgen auch nichts davon. Unser Chef hat uns überrascht.« Anna zuckte mit den Schultern.

»Und was ist mit dir? Solltest du nicht den Aufbau und die Leitung übernehmen?« Maria rieb sich über ihr Kinn. »Du bist doch prädestiniert dafür. Niemand kennt sich so gut in der Abteilung aus wie du.«

Anna überkreuzte die Arme vor ihrer Brust. »Das sieht Professor Storm wohl anders. Im Übrigen habe ich nicht so eine grandiose wissenschaftliche Karriere hingelegt wie Charlie.« Sie presste ihre Lippen aufeinander.

»Das tut mir wirklich leid.« Maria legte eine Hand auf Annas Unterarm. »Ist es denn schon endgültig entschieden?«

»Offiziell nicht.« Ein höhnisches Lachen entfuhr Anna. »Aber machen wir uns nichts vor. Professor Storm wollte mich nie für diesen Job. Mal wieder wird jemand anders mir vorgezogen.«

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
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Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
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Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast...
Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....