»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte euch schlechter treffen können. Optisch zumindest.« Sie sah Anna herausfordernd an und grinste breit. »Sie ist doch genau dein Typ.«

»Vergiss es.« Anna richtete sich kerzengerade auf und drehte sich mit ihrem Stuhl zur Seite, um Marias Blick auszuweichen. »Die ist überhaupt gar nicht mein Typ.« Sie griff nach einem Kugelschreiber und umklammerte ihn so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Kein bisschen.«

»Gut, vielleicht bin ich da jetzt keine Expertin und bisher warst du ja auch eher mit deiner Arbeit verheiratet, aber –«

»Nichts aber!«, schnitt Anna Maria viel zu harsch das Wort ab. Sie wollte nicht länger über Charlie reden. Es reichte, dass Charlie das ganze Wochenende und den heutigen Tag ihre Gedanken dominiert hatte. Sie kniff die Augen zusammen.

»Entschuldige.« Wie zur Verteidigung hob Maria beide Hände in die Luft. »Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich dachte nur, dass du eine Frau an deiner Seite gebrauchen könntest. Und zwar eine bessere als Vanessa.« Sie sah noch einmal zur Uhr. »Damit du einen Grund hast, nach Hause zu gehen. Wir sollten beide nicht ständig in der Klinik versauern.«

»Du hast ja recht.« Anna ließ den Stift fallen. Sie wusste, dass sie ungerecht gewesen war. »Ich habe etwas überreagiert. Ich bin wohl einfach etwas empfindlich im Moment. Zu allem Überfluss hat sich Vanessa auch mal wieder bei mir gemeldet. Sie will ein paar Sachen abholen.«

»Sei froh, dass du sie los bist.«

Anna nickte. »Wenn ich ihr nur seitdem nicht ständig in der Klinik über den Weg laufen müsste und nicht andauernd das Gefühl hätte, dass jeder hier Bescheid wüsste.«

»Jetzt übertreib mal nicht. Das geht doch niemanden was an, was zwischen euch passiert ist.«

Es klopfte abermals an der Tür.

»Ja bitte?«, fragte Anna.

»Gut, dass du noch da bist.« Eine Krankenschwester schaute um die Ecke. »Es gibt ein Problem mit Herrn Kugler.«

Anna stand ohne groß darüber nachzudenken auf und griff nach ihrem Kittel. »Was ist denn los?«

»Du hast doch längst Feierabend, lass das doch den Dienstarzt machen.« Maria verdrehte leicht die Augen.

»Unsinn, ich kenne Herrn Kugler doch viel besser.«

Maria lächelte und Anna wusste, dass sie genau das Gleiche getan hätte.

Während Anna bereits dabei war, der Krankenschwester zu folgen, sagte sie zu Maria: »Wir sehen uns morgen. Schönen Abend noch.«

8

Anna stieß die Tür zum Labortrakt auf. Schon das dritte Mal in dieser Woche. So oft war sie sonst nicht einmal in einem Monat hier. Und Schuld daran war diese eine Frau, die ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.

Bereits aus der Ferne erkannte sie, dass Charlie auf dem Flur stand. Sie war in ein Gespräch mit einer der Laborantinnen vertieft, die Anna nur vom Sehen kannte. Charlie schien sich gut zu unterhalten und wirkte ganz in ihrem Element, so entspannt und gelassen wie vor einer Woche, als sie zusammen in dem kleinen Café gewesen waren.

Gern hätte Anna sie etwas beobachtet, doch genau in diesem Moment drehte Charlie sich um und entdeckte sie.

»Ist es schon wieder so spät?« Charlie winkte ihr lächelnd zu.

»Ja, wir können los.« Es war fast ein kleines Ritual geworden, dass Anna Charlie für die nachmittägliche Visite der Neuaufnahmen abholte. Dem Chef war nichts Besseres eingefallen, als dass Charlie Anna in der ersten Woche die ganze Zeit bei der Arbeit begleiten sollte, um die Klinik und die Abläufe kennenzulernen.

Glücklicherweise trieb sich Charlie meist jedoch lieber im Labor oder in ihrem Büro herum, um Pläne der Klinik und der Strukturen zu wälzen. So gab sie Anna – bewusst oder unbewusst – die Möglichkeit, Distanz zu wahren und gar nicht erst in Versuchung zu geraten.

»Ich komme sofort«, rief Charlie ihr über den Flur zu und verschwand kurz darauf in ihrem Arztzimmer. Mit ihrem Kittel bekleidet kam sie wenige Sekunden später zurück. »Es tut mir leid, ich habe mal wieder die Zeit aus den Augen verloren.« Sie lächelte zwar dabei, aber es war ihr anzusehen, dass sie sich diese Routine lieber erspart hätte. »Im Labor verfliegen die Stunden einfach so. Wenn ich mich erst einmal in etwas vertieft habe, vergesse ich alles andere um mich herum.« Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern.

Sie ging dicht neben Anna her. So dicht, dass ihre Arme sich beinahe berührten. Viel zu dicht für Annas Geschmack. Wie sollte sie so dieses ständige Kribbeln in Charlies Nähe loswerden?

»Kein Problem«, murmelte Anna. Es macht Spaß, dich immer in dieser Höhle abholen zu müssen, fügte sie in Gedanken sarkastisch hinzu. Eigentlich hatten sie einen Treffpunkt außerhalb der Labore vereinbart, aber Charlie erschien fast nie pünktlich. »Etwas Bewegung schadet mir nicht.«

Der Sarkasmus von eben war wie weggeblasen. Stattdessen versuchte sie jetzt, Charlie quasi noch zu verteidigen. Was war denn nur los mit ihr? Vorgesetzte hin oder her, eigentlich sollte sie Charlie mal ernsthaft zur Disziplin rufen. Warum konnte sie das nicht? Als ob du das nicht wüsstest, meldete sich der Sarkasmus zurück.

»Du hättest doch auch anrufen können«, sagte Charlie schließlich, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergingen.

»Ich sitze ohnehin zu viel an meinem Schreibtisch.« Anna richtete ihr Namensschild und blieb stehen. Außerdem, wenn sie ehrlich zu sich wahr, erschienen die Labore seit ein paar Tagen gar nicht mehr so abstoßend. Der Grund dafür stand direkt neben ihr.

Mittlerweile waren sie auf der Station angekommen. »Heute haben wir einen interessanten Patienten aufgenommen. Ich bin sehr auf deine Meinung gespannt«, lenkte Anna das Gespräch und ihre Gedanken zurück auf sicheres Terrain.

»Okay.« Charlie nickte. Durchaus interessiert sah sie Anna an. Kleine Fältchen bildeten sich auf ihrer Stirn.

»Herr Bürger ist vierunddreißig und war wegen seit einigen Wochen bestehenden Kopfschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen beim Hausarzt«, referierte Anna die Patientengeschichte. »Dieser hat eine Kernspintomografie des Kopfes veranlasst. Das ist das, was ich bisher von Herrn Irmer erfahren habe.« Der Assistenzarzt hatte den Patienten am Vormittag aufgenommen, musste aber nun in die Notfallaufnahme, sodass er die beiden Oberärztinnen nicht wie am Vortag zur Visite begleiten konnte. »Am besten siehst du dir die Bilder erst einmal selbst an. Das ist nämlich das wirklich Spannende.«

Charlie folgte Anna in ihr Arztzimmer, wo sie die Aufnahmen bereits auf dem Bildschirm hatte. »Ich habe selbst nur kurz einen Blick draufgeworfen, aber ich bin nicht so richtig schlau daraus geworden.«

Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete Charlie aufmerksam das schwarz-weiße Bild. Sie griff nach der Maus, um durch die Aufnahmen zu scrollen. »Wirklich etwas ungewöhnlich.« Noch immer stand sie.

Auch Anna stand und beugte sich ein wenig näher in Richtung des Bildschirms, um besser sehen zu können. »Dass es ein Tumor ist, ist unzweifelhaft.« Automatisch griff sie nach der Maus, um das aktuelle Bild etwas zu vergrößern. Sie stieß mit Charlies Hand zusammen, die auf der Maus verharrte.

Als ihre Finger sich berührten, zuckte Charlie erschrocken zurück. »Ja«, sagte sie schnell. »Ein Tumor.« Sie drehte sich weg. »Aber das MRT allein hilft bei der Einordnung nicht wirklich weiter. Allein vom Bild her kämen verschiedene Tumorarten in Betracht.« Sie räusperte sich. »Gehen wir zu Herrn Bürger?« Sie wirkte auf einmal fast ein wenig steif.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
»Aber das ist noch nicht alles.« Katjas Gesicht bekam einen ernsten Ausdruck. Sie suchte mit den...
Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den...
»Du tauchst hier einfach auf und nimmst mir meinen Job weg?« Anna ballte ihre Hände fest zu...
Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte...
Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast...
Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....