Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite vermied sie den Kontakt zu Anna, beschränkte ihn auf das absolut mögliche Minimum, auf der anderen Seite reagierte sie auf Annas zufällige Berührung so heftig.

»Kommst du?«, fragte Charlie. Sie hatte die Akte aus dem Schwesternzimmer geholt und trug sie unter dem Arm.

Nanu, woher die plötzliche Begeisterung für Patientenbesuche?

Anna schüttelte innerlich den Kopf. Woher ihre plötzlichen sich häufenden sarkastischen Gedanken?

»Hallo, Herr Bürger«, begrüßte Anna den Patienten, nachdem sie das Zimmer betreten hatten. »Ich bin Frau Doktor Deniger, Oberärztin hier auf der Station. Und das ist Frau Doktor Loewe, ebenfalls Oberärztin bei uns.«

»Oh, gleich zwei Oberärztinnen, die sich um mich kümmern. Ich muss wohl was Besonderes sein.« Der junge Mann lachte, doch seine Sorge um das, was mit ihm los war, war ihm deutlich anzusehen.

»Und Sie müssen die Ehefrau sein?«, wandte Anna sich an die braunhaarige Frau, die neben dem Bett saß und höchstens dreißig Jahre alt sein konnte.

Was für ein schlimmes Schicksal. Für beide, schoss es Anna durch den Kopf. Das war die Seite an ihrer Arbeit, die sie nicht mochte. Denn auch wenn sie nicht genau wusste, was Matthias Bürger fehlte, dass es nichts Gutes war, dessen war sie sich ganz sicher.

»Ganz genau.« Frau Bürger nickte.

Anna und Charlie rückten sich die beiden noch freien Stühle im Zimmer zurecht, wobei Charlie etwas im Hintergrund blieb und Anna direkt neben dem Bett Platz nahm.

Die nächsten zwanzig Minuten hörten sie sich die Krankengeschichte noch einmal ganz in Ruhe an und Anna untersuchte Matthias Bürger anschließend gründlich, um so vielleicht bereits ein paar mehr Hinweise zu bekommen.

Als sie fertig war, sagte sie: »Genaues kann ich Ihnen im Moment leider noch nicht sagen.« Sie stand auf. »Wir werden in den nächsten Tagen noch ein paar Untersuchungen machen müssen.«

Matthias Bürger nickte kaum merklich. »Haben Sie denn schon eine Ahnung?«

Anna räusperte sich. Es war ein schwieriger Moment. Sie wollte das Ehepaar nicht anlügen, aber sie wollte auch nichts sagen, was sich am Ende nicht bewahrheiten würde. »Leider ist es anhand des Bildes nicht möglich, genau zu sagen, was für eine Art Tumor es ist.« Sie setzte sich noch einmal neben das Bett und griff Matthias’ Hand. »Solange wir das nicht genau wissen, können wir leider auch nicht sagen, wie man ihn am besten behandelt.«

Frau Bürger schluckte hörbar. »Werden Sie meinen Mann heilen können?«

»Ich würde es Ihnen beiden gern versprechen . . .« Mehr sagte Anna nicht. Den Rest des Satzes ließ sie im Raum stehen, doch anhand des Blickes, den sich das Ehepaar zuwarf, wusste sie, dass die beiden sie verstanden hatten.

»Bis morgen«, verabschiedete sich Anna. »Ich hoffe, dann wissen wir schon etwas mehr.« Sie schenkte den beiden ein optimistisches Lächeln, zumindest versuchte sie es.

Charlie war so in Gedanken versunken, dass sie erst wenige Sekunden später registrierte, dass Anna bereits an der Tür stand. Schon während der Unterhaltung war Anna aufgefallen, dass Charlie unkonzentriert wirkte, ständig an ihrem Kittel herumnestelte und den Patienten fast gar nicht ansah.

Und nun, nachdem Anna sich verabschiedet hatte und Charlie das bemerkt hatte, sprang sie so abrupt auf, dass man fast den Eindruck bekommen konnte, dass sie das Zimmer kaum schnell genug verlassen konnte.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte Anna, als sie die Zimmertür geschlossen hatte. »Du siehst etwas blass aus.«

Charlie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur etwas müde.« Sie räusperte sich. »Die Nacht war wohl zu kurz.«

Was hatte Charlie die Nacht getrieben? Sofort schossen Bilder durch Annas Kopf. Bilder, die sie gar nichts angingen. Sie spürte einen Stich in der Brust. »Ach so.« Sie bemühte sich, neutral zu klingen.

»Hast du noch einen Moment Zeit?« Charlie lächelte Anna an. »Ich würde gern ein paar Dinge mit dir besprechen.«

»Ja, klar.« Charlie und ihr Verhalten blieben sonderbar. Anna konnte sich einfach keinen Reim daraus machen. »Worum geht es denn?«

»Um das Tumorzentrum.« Charlie lief los, ohne weiter auf Anna zu achten. »Am besten gehen wir in mein Zimmer, dort habe ich die ganzen Unterlagen.«

Als sie in Charlies Büro angekommen waren, reichte Charlie Anna ein paar Zettel, auf denen sie sich Notizen gemacht hatte. »Ich hoffe, ich kann auf deine Unterstützung setzen. Professor Storm ist sehr angetan von dir und deiner Expertise.«

»Ist er das?« Anna schnaubte abschätzig. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, was Charlie dann hier machte.

»Ich habe versucht, erst mal die aktuellen Gegebenheiten zu skizzieren«, erläuterte Charlie mit Blick auf die Blätter, die Anna in der Hand hielt, ohne weiter auf ihre Bemerkung einzugehen. »Dabei sind mir schon ein paar Dinge aufgefallen. Zum einen scheinen manche Prozesse noch nicht richtig optimiert zu sein, aber mit ein paar Verbesserungen der Schnittstellen ließen sich die Fallzahlen bestimmt deutlich steigern. Und zum anderen muss die wissenschaftliche Tätigkeit erheblich ausgebaut werden. In diesem Bereich besteht noch Nachholbedarf.«

Prozesse, Fallzahlen, Optimierung, Wissenschaft. Die Worte hallten in Annas Ohren nach.

Charlie klang beinahe wie Professor Storm, dem es auch ausschließlich um Wirtschaftlichkeit und Prestige ging. Jedenfalls hatte Anna diesen Eindruck.

»Und was ist mit einem Ausbau der Palliativmedizin? Oder vielleicht einer Art Tagesklinik, die neben den Chemos auch noch andere Therapien wie Physiotherapie oder vielleicht auch Mal- oder Musiktherapie anbietet? Ernährungsberatung und auch Therapien zur Stressbewältigung zur Stärkung des Immunsystems?«

Charlies Gesicht bekam einen Ausdruck, als würde sie Anna für ziemlich beschränkt halten. Es war klar, dass Charlie das Tumorzentrum ganz anders aufbauen würde, als Anna es getan hätte. Wieder einmal würden die Patienten als Menschen auf der Strecke bleiben und nur eine Fallnummer werden. Dabei hatte Anna sich so große Hoffnungen gemacht, dass sie etwas ändern könnte.

Sie hätte es besser wissen müssen. Charlie war nicht besser als Vanessa. Nur eine gefühllose Karrierefrau. Ihr erster Eindruck hatte sie getäuscht.

»Das ist sicherlich eine Idee, über die ich mal nachdenken werde.« In dem Tonfall, in dem Charlie das sagte, hätte sie Anna auch genauso gut sagen können, dass sie sie für eine völlige Idiotin hielt.

»Ich halte das für einen wichtigen Aspekt unserer Arbeit.« Anna legte die Zettel wieder auf Charlies Schreibtisch. »Und in diesem Bereich besteht mindestens genauso viel Nachholbedarf wie in der Labor-Wissenschaft.«

Charlie nickte. »Du hast recht. Das ist auch ein wichtiger Bereich.« Sie räusperte sich. »Ich würde auch gern versuchen, mehr modernere Therapien im Rahmen von Studien anzubieten. Das wäre doch vielleicht auch was für dich. Wenn ich richtig informiert bin, betreust du doch viele Medikamenten- und andere Therapiestudien hier, oder?«

»Das stimmt.« Anna kaute auf ihrer Unterlippe. »Aber seien wir doch mal ehrlich. Die Ergebnisse sind fast immer ernüchternd. Ob wir da jetzt noch so viel mehr Studien brauchen, die eh nichts ergeben, weiß ich nicht.«

»Das ist doch Unsinn.« Charlie verschränkte die Arme vor der Brust, ihre Augen verengten sich. »Irgendwann wird uns der Durchbruch in der Tumortherapie gelingen, davon bin ich überzeugt«, betonte sie mit fester Stimme.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

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