Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast resigniert.

»Wie kannst du nicht daran glauben?« Charlie schob alle Blätter aufeinander und legte sie in einen Ordner, ohne Anna dabei anzusehen. Plötzlich klang ihre Stimme belegt. Sie räusperte sich. »Ich . . .« Sie brach ab. »Vielleicht gehst du jetzt besser. Wir sollten uns ein anderes Mal weiter unterhalten.« Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Augen.

»Habe ich was Falsches gesagt?« Anna sah Charlie an, doch sie wich dem Blick aus.

»Vergiss es einfach. Nicht mein Tag heute.« Charlies Hände zitterten leicht. »Ich brauche nur etwas Ruhe.

9

»Anna?« Jemand tippte ihr auf die Schulter, als sie gerade die Tür zu ihrem Zimmer aufstoßen wollte. Der Stapel Akten auf ihrem Arm schwankte gefährlich.

Als sie sich umdrehte, blickte sie geradewegs in die Augen ihrer Ex. »Vanessa? Was machst du denn hier?« Es war eine dumme Frage, aber etwas Besseres fiel ihr in diesem Moment nicht ein. Ihre Kehle fühlte sich mit einem Mal ganz rau und trocken an. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

»Ich arbeite hier. Schon vergessen?« Vanessa öffnete die Tür und wies Anna mit einer Handbewegung galant den Weg, als würde es sich um ihr Büro und nicht um Annas handeln. »Gut siehst du aus.«

»Ja . . . ähm . . . danke.« Anna war völlig überfordert. Was wollte Vanessa plötzlich von ihr? Und warum machte sie ihr ein Kompliment? »Komm doch rein.« Sie legte die Akten auf dem Schreibtisch ab und schaltete das Licht ein. Draußen war es dunkel geworden.

»Willst du nicht Feierabend machen? Ich dachte, wir könnten noch was zusammen trinken gehen.« Vanessa war bereits umgezogen und trug eine enge Stoffhose mit einer eleganten Bluse, ganz so, wie Anna es gewohnt war.

»Was zusammen trinken gehen?« Anna schüttelte den Kopf. »Hast du vergessen, was passiert ist?« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Du hast mich für eine andere verlassen, mich monatelang betrogen. Warum sollten wir zusammen was trinken gehen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, platzte es aus ihr heraus.

»Mensch, ich dachte einfach, wir könnten noch ein paar Sachen besprechen. Zum Beispiel, wann ich die restlichen Dinge aus deiner Wohnung abholen kann.« Vanessa legte einen Arm um Annas Schultern.

»Fass mich nicht an!« Mit einer geschickten Bewegung entzog sich Anna aus der Umarmung und funkelte Vanessa an.

Vanessa seufzte theatralisch. »Entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich wollte einfach nur einen Kaffee trinken und reden.« Wie zur Bestätigung hob sie ihre Hände verteidigend in die Luft.

Anna atmete tief durch und zählte innerlich bis zehn, um sich zu beruhigen. Es war sinnlos, sich aufzuregen. Vanessa hatte sich nicht geändert, sie würde ohnehin nicht nachgeben. »Okay, noch mal von vorn«, sagte sie in einem möglichst sachlichen Tonfall. »Was soll ich für dich tun?«

»Manchmal denke ich, dass ich damals einen großen Fehler gemacht habe.« Vanessas blaue Augen suchten Annas.

Anna stützte sich auf die Lehne ihres Schreibtischstuhls und neigte sich ein wenig nach hinten, um etwas Abstand von Vanessa, die sich ihr entgegenbeugte, zu gewinnen. »Hat deine Richterin dich schon wieder verlassen?«

»Nein. Wir sind noch glücklich.« Vanessa setzte ein gekünsteltes Lächeln auf.

Annas Augenbrauen zogen sich düster zusammen. »Während du mit ihr also noch zusammen bist, machst du mich hier unverhohlen an? Du hast dich echt überhaupt nicht geändert.«

Vanessas gekünsteltes Lächeln wurde süßlich, auf Annas Argument ging sie überhaupt nicht ein. »Ich meine nur, wir waren doch eigentlich ein ziemlich gutes Paar.«

Natürlich, in der Anfangsphase, als sie frisch verliebt waren, war es wirklich gut gewesen. Für Anna war es, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen, den sie sich zuvor nicht mal zu träumen gewagt hatte. Etwas wie eine eigene Familie, eine liebevolle Beziehung. Aber dann . . . Sie zögerte. »Es gab sicherlich schöne Zeiten«, sagte sie schließlich diplomatisch, nachdem Vanessas Blick noch immer erwartungsvoll auf ihr ruhte.

»Ja, ich weiß.« Vanessa verdrehte die Augen. »Es hätte nicht passieren dürfen.«

»Nein, das hätte es nicht. Da hast du ausnahmsweise mal recht.«

Vanessa hatte immer nach etwas Höherem gestrebt, gesellschaftliche Anerkennung, etwas, das Anna ihr nicht hatte bieten können. Und dann hatte sie sich irgendwann die erstbeste erfolgreiche Karrierefrau geschnappt, um mit ihr ins Bett zu hüpfen.

Anna spürte die Wut in sich, wenn sie daran dachte. »Das war echt das Allerletzte.« Ihre Augenbrauen zogen sich eng zusammen. »Du hast mich unglaublich verletzt. Und ich bin ja anscheinend nicht die Einzige, die du hintergehst.«

Vanessa seufzte übertrieben laut. »Ich weiß. Ich mache Fehler.«

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Anna ballte ihre Hände zu Fäusten. »Du hast dich nie . . .« Sie machte eine Pause. »Ich betone: nie für dein Verhalten wenigstens bei mir entschuldigt.« Ihre Stimme klang eisig. Sie presste ihre Kiefer aufeinander.

»Das kannst du jetzt aber nicht sagen.« Vanessa wirkte etwas eingeschüchtert.

Anna klatschte mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ach nein? Ich kann mich nicht daran erinnern, wann du jemals zu mir gesagt hast, dass es dir leidtut. Und es auch nur ein bisschen so gemeint hättest.« Sie schnaufte. Es reichte. Das musste sie sich nicht antun. Sie hatte genug andere Sorgen im Moment. »Du hast dich noch nicht einmal in dieser Hinsicht geändert. Gut, dass wir getrennte Wege gehen.«

Vanessa starrte sie nur mit offenem Mund an. Doch nur wenige Sekunden später schien sie die Sprache wiedergefunden zu haben und richtete sich kerzengerade auf. »Ich habe deine neue Kollegin kennengelernt. Oder sollte ich besser sagen, deine neue Chefin?«, wechselte sie abrupt das Thema und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Eine attraktive Frau.« Sie rieb ihre Hände gegeneinander. »Und kein Wunder, dass dein Chef sie dir bevorzugt. Sie scheint ganz schön was auf dem Kasten zu haben. Sie wird das Tumorzentrum sicherlich mit Bravour aufbauen und leiten.«

Wie aufs Stichwort stand Charlie plötzlich im Türrahmen. »Oh, ich wollte nicht stören.« Ihr Blick wanderte zwischen Anna und Vanessa hin und her. Sie schien die aufgeheizte Stimmung zu bemerken.

»Ach, du störst keineswegs.« Vanessa wickelte eine Strähne ihrer langen blonden Haare um den Finger und legte den Kopf ein wenig schief. »Wir haben gerade noch über dich gesprochen. Komm doch rein.«

Das zuckersüße Lächeln, das sich auf Vanessas Gesicht ausbreitete, ließ Anna übel werden. Was bildete sich ihre Ex eigentlich ein?

»Ich hoffe, nur Gutes.« Eine leichte Röte überzog Charlies Wangen. »Aber ich muss nach Hause, ich wollte mich nur kurz von Anna verabschieden.« Ihre Augen suchten Annas.

Vanessa ging einen Schritt auf Charlie zu und verhinderte so jeden Blickkontakt. »Wenn du mal Hilfe brauchst, weißt du ja, wo du mich findest.« Wie zufällig streifte ihre Hand Charlies Unterarm. »Ich habe jede Menge Beziehungen hier.«

»Zu viele«, brummte Anna. »Ich denke, wir haben alles besprochen.«

Aus dem Augenwinkel konnte Anna sehen, wie Vanessa ihre Augen in Charlies Richtung verdrehte und murmelte: »Sie ist manchmal schwierig.« Dann blickte sie zu Anna. »Schade, aber du hast es nicht anders gewollt.«

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Charlie, kaum dass Vanessa außer Hörweite war.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
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Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den...
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Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte...
Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast...
Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....