Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte. »Ich schreibe noch ein paar Briefe fertig und dann mache ich auch Feierabend.« Sie setzte sich auf den Stuhl und lächelte Charlie mit letzter Kraft an. »Bis morgen.«

Vanessa hatte ihr einmal mehr vor Augen geführt, dass es niemals eine gute Idee war, eine Beziehung mit einer Kollegin einzugehen. Wenn es in der Beziehung mal Probleme gab, konnte man sich nicht aus dem Weg gehen, und wenn es dann auch noch Verwicklungen in der Klinik gab, wurde es nur noch schlimmer.

Und genau deswegen hatte sie sich geschworen, sich nie wieder so verletzlich zu machen. Und vor allem niemals wieder eine Beziehung mit einer Kollegin zu führen.

10

Es dauerte fast sieben Freizeichen lang, bis Charlies Großmutter endlich abhob. »Das ist ja schön, dass du mal wieder anrufst.«

Oma Ilse klang so erfreut, dass Charlie direkt ein schlechtes Gewissen bekam. Eindeutig zu lange hatte sie sich nicht mehr bei ihr gemeldet. Mit dem Umzug nach Essen hatte sie so viel um die Ohren gehabt, dass es einfach untergegangen war.

»Wie geht es dir, mein Kind?«

»Gut, danke. Und dir?« Charlie verschwieg, dass es ihr seit dem Nachmittag und der Begegnung mit Matthias Bürger nicht gutging. Sie fühlte sich ein bisschen so, als hätte sie Blei in ihren Knochen. Und Kopfschmerzen hatte sie auch. Vielleicht brütete sie eine Erkältung aus. Über den viel wahrscheinlicheren Grund wollte sie nicht nachdenken. Nicht jetzt.

»Ach, ich kann nicht klagen«, holte ihre Großmutter sie wieder in die Gegenwart zurück. »Nur der Hof und die Tiere . . .« Sie seufzte. »Die halten mich ganz schön auf Trab.«

Charlie musste an den Bauernhof ihrer Großeltern denken. Ihre halbe Kindheit hatte sie dort verbracht. Und es waren immer die schönsten Tage gewesen. Unbeschwert, fernab jeglicher Sorgen. »Ich wünschte, ich könnte dich besser unterstützen.« Auch wenn es nur noch wenige Kühe, Hühner und Kaninchen gab, so war doch viel zu tun. Dazu kamen die Beete, die ihre Oma pflegte.

»Unsinn. Du hast einen wundervollen Beruf und dein eigenes Leben. Was willst du denn hier in der Pampa?« Oma Ilse lachte so herzlich, dass es Charlie warm ums Herz wurde. Durch den Telefonhörer konnte sie förmlich die Lachfältchen rund um die Augen ihrer Oma sehen. »Jetzt habe ich das so viele Jahre schon allein geschafft, dann werde ich das auch weiterhin schaffen. Und jetzt erzähl mal«, lenkte sie ab, »wie ist es denn eigentlich in der neuen Stadt? Und an der neuen Klinik?«

»Och . . .« Sollte Charlie ihrer Großmutter von Anna erzählen? Sie konnte sie bestimmt verstehen. Ihre Oma hatte sie immer verstanden, all ihre Entscheidungen. Sie holte tief Luft und sagte stattdessen: »Es ist gut. Ich habe sehr nette Kollegen und eine schöne Wohnung.« Es hatte keinen Sinn, über Anna zu sprechen. Warum auch? Sie wollte nichts von ihr. Es war eindeutig besser so. Ein gebrochenes Herz konnte sie nicht gebrauchen. »Schade nur, dass du mich nicht besuchen kommen kannst.«

»Du weißt doch, wie das mit den Tieren ist. Die kann ich einfach nicht allein lassen.«

»Aber ich könnte dich mal wieder besuchen.« Eigentlich war das einer der Gründe gewesen, warum Charlie ihre Oma angerufen hatte. Sie wollte sich für einen Besuch ankündigen. »Am übernächsten Wochenende habe ich frei. Und . . .« Sie stockte. Sie konnte es nicht aussprechen.

»Ich weiß, mein Kind. Ich weiß.« Die Stimme ihrer Oma klang so sanft, dass Charlie direkt allen Kummer vergaß. »Ich würde mich freuen.«

»Ich mich auch.« Es war gut, wenn sie an diesen Tagen nicht allein sein würde. Und wo ging das besser als bei ihrer Großmutter auf dem Hof, mit dem sie so unbeschwerte Erinnerungen verband? »Bis dann.«

11

»Und Ausatmen in den herabschauenden Hund.«

Anna bemühte sich, Katjas Anweisungen zu folgen. Aber immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Das hatte ihr während der Stunde schon einige böse Blicke von ihrer Schwester eingebracht. Katja merkte immer sofort, wenn sie nicht bei der Sache war.

Anna streckte ihre Arme und ihre Beine durch, bis ihre Fersen den Boden berührten.

Was war am Nachmittag nur mit Charlie los gewesen? Sie hatte sich so seltsam verhalten. Und dann war sie direkt nach der Visite bei Matthias Bürger einfach verschwunden. Es hatte fast wie eine Flucht gewirkt. Kein Wort mehr über mögliche Diagnosen oder Therapieansätze. Dabei hätte Anna der fachliche Austausch wirklich interessiert.

Mittlerweile lag Anna auf der Matte, ihre Beine nach links, den Oberkörper nach rechts verdreht.

War es wirklich nur die Müdigkeit, wie Charlie behauptet hatte? Hatte es etwas mit Matthias zu tun? Oder lag es an ihr? Wollte Charlie so schnell sie nur konnte von Anna weg? Aber warum war sie dann noch mal vorbeigekommen? Ausgerechnet, als Vanessa da gewesen war?

»Mit der nächsten Ausatmung lasst die Beine sanft nach vorn gleiten und komm entspannt in Rückenlage.« Katjas Stimme riss Anna abermals aus ihren Grübeleien.

Sie folgte der Aufforderung, streckte Arme und Beine seitlich von sich, die Handflächen nach oben, und versuchte sich fallen zu lassen, auch wenn sie wusste, dass diese Endentspannung alles andere als entspannend für sie werden würde. Die Totenstellung bot ihr viel zu viel Zeit, den Tag noch einmal zu reflektieren.

Ein Seufzer entfuhr ihr in die absolute Stille.

»Kommt langsam wieder zurück. Vertieft euren Atem. Bewegt langsam eure Finger und Handgelenke, die Füße und Fußgelenke«, beendete Katja die Stunde.

Es war geschafft. Anna kam zurück in den Sitz. Normalerweise liebte sie den wöchentlichen Yoga-Kurs, aber heute hatte sie ihn nicht wirklich genießen können.

»Was war denn los mit dir?« Katja legte Anna eine Hand auf die Schulter. Als Anna sich umsah, stellte sie fest, dass sie die Letzte war, die noch auf ihrer Matte saß.

»Ach, irgendwie war heute nicht so mein Tag.« Anna stand auf, rollte ihre Matte zusammen und befestigte den dazu gehörigen Gurt darum. »Mein Kopf hat sich einfach nicht ausschalten lassen.«

»Gehen wir gleich noch was trinken? Dann kannst du mir alles in Ruhe erzählen.«

Anna nickte. »Ich dusch nur noch schnell.«

Es war beinahe ein festes Ritual, dass sie nach dem Kurs mit ihrer Schwester in das kleine Café nebenan ging. Vielleicht würde es helfen, über alles zu reden. Katja war immer eine gute Ratgeberin.

Keine halbe Stunde später hatten sie gemeinsam die Sporthalle verlassen und saßen sich in dem Café gegenüber.

»Wie geht es euch?«, fragte Anna mit Blick auf Katjas Bauch.

»Sehr gut geht es uns. Die Frauenärztin ist sehr zufrieden. Bisher werde ich von Übelkeit verschont. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt.« Katja strich über die minimale Wölbung.

»Und Leni?«

»Kann es sein, dass du ablenken willst? Es ehrt dich ja sehr, dass du am Wohlergehen meiner Hündin interessiert bist, aber deswegen sitzen wir nicht hier.« Katja schüttelte leicht missbilligend den Kopf. »Und jetzt spann mich nicht länger auf die Folter. Was ist passiert?« Sie sah Anna herausfordernd an. »Nur ein stressiger Arbeitstag bringt dich nicht so aus der Fassung.«

Anna nahm einen großen Schluck Wasser. »Du wirst es mir nicht glauben«, begann sie schließlich. Sie hatte noch keine Zeit gehabt, Katja von der überraschenden Wiederbegegnung mit Charlie zu berichten. »Montag ist eine neue Kollegin bei uns aufgeschlagen.«

Katja legte den Kopf ein wenig schief. »Eine attraktive Kollegin, die zufällig auf Frauen steht?« Sie grinste. »Dann könnte es jetzt interessant werden.«

»Nicht schlecht.« Anna zwinkerte Katja zu. »Aber die neue Kollegin ist keine Unbekannte.« Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause.

»Wer ist es?« Katja runzelte die Stirn.

Anna verschränkte die Hände. Dann holte sie tief Luft, bevor sie die Bombe platzen ließ. »Es ist Charlie.«

ENDE DER FORTSETZUNG

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
»Aber das ist noch nicht alles.« Katjas Gesicht bekam einen ernsten Ausdruck. Sie suchte mit den...
Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den...
»Du tauchst hier einfach auf und nimmst mir meinen Job weg?« Anna ballte ihre Hände fest zu...
Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte...
Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast...
Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....