»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu.

»Das sehe ich.« Es fiel Charlie sichtlich schwer, nicht loszulachen. Sie presste ihre Lippen aufeinander. »Ich könnte dir ein paar Tipps geben. Ordnung ist mein zweiter Vorname.« Als Anna weitere Dinge hervorbugsierte, prustete Charlie schließlich doch los.

»Nicht nötig.« Triumphierend hielt Anna ihr Handy in Charlies Richtung. »Siehst du, da ist es!«

Sie rückte um den Tisch herum und platzierte ihren Stuhl so nah neben Charlie, dass ihre Oberarme sich berührten. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in Annas Körper aus. Der süße Duft von Pfirsich stieg ihr in die Nase. Sie atmete ihn tief ein. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so unbeschwert gefühlt.

Schnell öffnete sie die Galerie und zeigte Charlie das erste Foto. »Das ist zum Beispiel der Blick auf den Baldeneysee«, erklärte sie um Konzentration bemüht.

Charlie nippte an ihrem Kaffee. »Davon habe ich schon gehört.« Sie stellte die Tasse wieder auf den Tisch. »Ist das dein Hund?«

»Nein, leider nicht. Das ist Leni, die Hündin meiner Schwester. Mir fehlt die Zeit für ein eigenes Haustier.«

Charlie nickte. »So geht es mir auch. Ich hätte gern einen Hund, aber ich finde, wenn man einem Tier nicht die Aufmerksamkeit schenken kann, die es verdient hat, sollte man es lieber lassen.«

Anna wischte weiter und erklärte Charlie ein bisschen was zu ein paar anderen Fotos. »Wie du siehst, gibt es wirklich tolle Ecken hier.«

»Vielleicht können wir da ja mal zusammen wandern gehen.« Für den Bruchteil einer Sekunde streiften Charlies Finger Annas Schulter. Sie hinterließen ein Brennen auf ihrer Haut, durch den Stoff hindurch. »Was hältst du davon?«

War das eine Einladung zu einem Date? Annas Puls raste. »Ja, gern.« In diesem Moment leuchtete ihr Handy, das sie weiterhin in der Hand hielt, auf.

Der Name, der auf dem Display erschien, ließ ihr Herz noch höherschlagen.

Dieses Mal vor Wut.

Vanessa.

Das hatte ihr gefehlt. Sie biss ihre Zähne so fest aufeinander, dass ihr Kiefer schmerzte. Was für ein Timing!

Anna legte das Gerät auf den Tisch. Sie würde Vanessa ignorieren. Es vibrierte erneut. Zum zweiten Mal tauchte der Name ihrer Ex auf dem Display auf. Sofort waren all die Erinnerungen wieder da.

Und der Grund, warum sie nicht hier mit Charlie sitzen und flirten sollte, wurde ihr schmerzlich bewusst. Wie hatte sie ihren Schwur, sich besser vor einem gebrochenen Herzen zu schützen, in null Komma nichts vergessen können?

»Entschuldige«, nuschelte Anna. In ihrer Brust zog es quälend. Schwungvoll feuerte sie das Handy zurück in ihre Tasche. Egal was Vanessa ihr zu sagen hatte, es interessierte sie nicht mehr. Es reichte, dass ihre Ex ihr schon wieder den Tag und dieses schöne Treffen ruiniert hatte.

»Alles okay?«, fragte Charlie.

»Ja, alles in Ordnung.« Anna verknotete ihre Finger miteinander. »Aber ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.« So schön es auch mit Charlie gewesen war, Anna war nicht bereit dafür. Nicht für einen Flirt und erst recht nicht für eine Beziehung. Sie wollte sich nicht gleich ins nächste Unglück stürzen.

»Schade.« Charlies Gesichtsausdruck spiegelte echtes Bedauern wider. »Ich würde mich wirklich freuen, dich wiederzusehen.« Mit einem Griff in ihre Tasche beförderte sie einen Notizblock samt Stift hervor und kritzelte etwas darauf. Sie stand auf und stellte sich vor Anna, die bereits dabei war, ihre Jacke anzuziehen. »Meine Nummer.« Ein bezauberndes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Pass gut darauf auf, dass du sie nicht in deinem Chaos verlierst.« Sie zwinkerte Anna zu. »Ich hoffe sehr, bald von dir zu hören.«

Anna stopfte den Zettel in ihre Jackentasche und hielt ihn mit ihrer Hand umklammert. »Hat mich sehr gefreut.« Es war keine Lüge.

Es war bloß der falsche Zeitpunkt.

2

»Gut, dass Sie da sind, Frau Doktor Deniger.« Der Ehemann einer ihrer Patientinnen fing Anna direkt auf dem Flur ab, kaum hatte sie die Station betreten.

»Was ist denn los?« Anna versuchte, ihre Haare zu ordnen, die vom Regen durchnässt waren. Das Wetter passte perfekt zu Allerheiligen.

»Meine Frau hat so starke Schmerzen und das Mittel, das sie vorhin von der Schwester bekommen hat, hat überhaupt nicht geholfen.« Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. »Können Sie nach ihr schauen?«

»Ich ziehe mich kurz um, dann komme ich sofort«, versprach Anna und suchte bereits nach dem Schlüssel ihres Arztzimmers. Als sie ihn erst nicht fand, musste sie schmunzeln und unweigerlich an Charlie denken. Sogleich vertrieb sie die Erinnerung wieder. Dafür war keine Zeit. Frau Hartung brauchte ihre Hilfe, das hatte oberste Priorität.

Nachdem sie sich ihren Kittel übergezogen hatte, eilte sie ins Schwesternzimmer, um die Unterlagen der Patientin zu suchen.

»Hallo, Anna. Hat es dich mal wieder mit dem Visitendienst am Feiertag erwischt?« Schwester Marlene sah von der Kurve, in die sie schrieb, auf.

Anna zuckte mit den Schultern. »Einer muss ja.«

»Aber dieser einer bist irgendwie immer du.« Marlene lachte.

Sie tauschten sich kurz über die wichtigsten Patientenangelegenheiten aus, aber nichts schien dringender zu sein als das Schmerzproblem von Frau Hartung, weswegen Anna ein starkes Schmerzmittel aufzog und damit ins Zimmer ging.

»Guten Morgen, Frau Hartung.« Anna bemühte sich um einen optimistischen Gesichtsausdruck, auch wenn sie genauso wie das Ehepaar wusste, dass die Patientin bald sterben würde.

Nichts war für die Patienten schlimmer, als durch eine betroffene Miene fortwährend an das eigene Schicksal denken zu müssen. Das hatte Anna in all den Jahren, in denen sie sterbende Patienten begleitet hatte, gelernt.

»Ich habe gehört, Sie haben starke Schmerzen.«

Frau Hartung lag zusammengekauert auf dem Bett, das Gesicht aschfahl wie die Bettdecke. Sie nickte mit zusammengekniffenen Augen.

»Der Kopf?«, fragte Anna. Frau Hartung hatte einen bösartigen Hirntumor im Endstadium, der ihr andauernde Kopfschmerzen bereitete.

Frau Hartung nickte erneut.

Anna rückte sich einen Stuhl neben das Bett. »Ich habe Ihnen ein Schmerzmittel mitgebracht.« Sie deutete auf die Spritze, ehe sie den Arm der Patientin ergriff, in dem der venöse Zugang verweilte. Sie setzte die Spritze an. »Ich werde Ihnen jetzt etwas davon geben, solange es nötig ist. Und ich bleibe so lange bei Ihnen, bis es besser wird.«

Ein erleichterter Seufzer entwich dem Ehemann von Frau Hartung.

Langsam injizierte Anna das Schmerzmittel und streichelte Frau Hartung dabei über den Arm. »Mögen Sie sonst noch was? Einen kühlen Lappen? Oder ein bisschen Aromaöl?«

Dieses Mal schüttelte Frau Hartung den Kopf. Die zusammengekniffenen Augen entspannten sich bereits ein wenig.

Anna drehte sich zu Herrn Hartung. »Wollen Sie vielleicht etwas frühstücken gehen? Ich bin ja jetzt bei Ihrer Frau und passe auf.«

Sie wusste, dass Herr Hartung nachts bei seiner Frau blieb und mit im Zimmer schlief. Und so wie sie ihn in den letzten Wochen kennengelernt hatte, hatte er sich an diesem Morgen ausschließlich um seine Frau gekümmert und gesorgt. Ganz bestimmt hatte er noch nicht an sich gedacht.

»Sie können ruhig gehen. Es nützt Ihrer Frau nichts, wenn Sie selbst am Ende zusammenklappen.«

»Hör auf die Frau Doktor«, kam es mit leiser Stimme von Frau Hartung. Ein zaghaftes Lächeln lag auf ihren Lippen.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.« Die...
»Aber das ist noch nicht alles.« Katjas Gesicht bekam einen ernsten Ausdruck. Sie suchte mit den...
Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den...
»Du tauchst hier einfach auf und nimmst mir meinen Job weg?« Anna ballte ihre Hände fest zu...
Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte...
Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
Anna zuckte mit den Schultern. »Mittlerweile glaube ich da nicht mehr daran.« Es klang fast...
Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....