»Okay.« Herr Hartung gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin bald wieder bei dir.«

Die nächste halbe Stunde blieb Anna am Bett von Frau Hartung sitzen, hielt ihre Hand und titrierte das Schmerzmittel, bis sich die Patientin so weit entspannt hatte, dass sie einschlief.

»Vielen Dank. Ich wüsste wirklich nicht, was wir ohne Sie machen sollten«, sagte Herr Hartung, der gerade wieder zurückgekommen war. Er tauschte den Platz mit Anna.

»Sagen Sie Bescheid, wenn noch etwas ist. Ansonsten bin ich leider erst am Montag wieder in der Klinik.« Anna drückte kurz seine Hand. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Ehepaar in zwei Tagen wirklich wiedersehen würde. Frau Hartung hatte in den letzten Stunden rapide abgebaut.

Bevor sie den Rest ihres Visitendienstes abarbeitete, brauchte Anna erst einmal einen starken Kaffee. Sie goss sich einen Schluck aus der Kanne, die im Schwesternzimmer auf dem Tisch stand, ein, und setzte sich. Der Temperatur und der Farbe nach zu urteilen war das Gebräu bereits mehrere Stunden alt. Aber besser als nichts.

Sie pustete in ihre Tasse, bis die dunkelbraune Flüssigkeit kleine Wellen schlug.

Manchmal waren die Patientenschicksale schwer zu ertragen, selbst wenn sie wusste, dass sie mit ihrer Arbeit das Leid der Patienten linderte und ihnen ein Stück Lebensqualität schenkte, dafür sorgte, dass sie in Frieden starben. Wie Frau Hartung.

Anna nippte an ihrem Kaffee. Er schmeckte bitter.

Was blieb, war die Trauer der Angehörigen. Ihre Not war häufig noch schwieriger auszuhalten. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie es für Herrn Hartung werden würde, wenn alles, was in den letzten Monaten sein Lebensinhalt gewesen war, wegbrach, wenn er das verlor, was er am meisten liebte.

Das Klingeln ihres Telefons ließ Anna zusammenzucken. Sie fischte es aus ihrer Kitteltasche und warf einen Blick auf das Display. Eine Handynummer leuchtete auf. Wer rief sie an einem Feiertag an?

»Wusste ich doch, dass ich dich in der Klinik erwische.« Ihre Schwester lachte ins Telefon. »Können wir uns später treffen? Ich muss unbedingt mit dir sprechen.«

»Ist was passiert?« Sofort richtete sich Anna auf ihrem Stuhl auf.

»Nichts Schlimmes. Keine Sorge. Begleitest du mich nachher auf einem Spaziergang mit Leni? Das Wetter soll etwas besser werden. Zumindest trocken.«

Nachdem sie die genauen Details besprochen hatten, legte Anna auf. Sie traf sich regelmäßig mit ihrer Schwester, das war nichts Besonderes. Aber heute schien es etwas Wichtiges zu geben.

»Ist eigentlich was an den Gerüchten dran, dass wir hier bald ein offizielles Neuroonkologisches Tumorzentrum werden sollen?« Marlene setzte sich zu Anna an den Tisch. »Das habe ich jetzt schon aus ein paar Ecken läuten gehört.«

»Ja, das ist anscheinend der Plan von Professor Storm.« Anna nickte. »Viel mehr weiß ich aber auch noch nicht.«

»Na, er wird dir doch bestimmt die Leitung anbieten, oder nicht?« Marlene griff nach einem der Schokoriegel, die auf dem Tisch verteilt lagen. »Immerhin bist du prädestiniert für diesen Job. Niemand kennt sich so gut aus und ist so engagiert wie du.«

Anna atmete tief durch. Am Montag hatte sie einen Termin beim Chef und seinen Andeutungen hatte sie entnommen, dass es um das Tumorzentrum gehen würde. Ansonsten hatte er sich bislang äußerst bedeckt gehalten. »Wir werden es sehen. Bisher hat er jedenfalls noch nichts gesagt.«

»Er wäre ja völlig blöd, wenn er das nicht tun würde.«

Insgeheim spekulierte Anna in der Tat auf diese Position. Und sie wusste, dass Marlene recht hatte. Sie wäre die Richtige für diesen Job. Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Du weißt ja, wie er ist. Immer für eine Überraschung gut.«

Pläne hatte Anna bereits geschmiedet. Sie würde den Palliativbereich ausbauen, der bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Dabei war das ein elementarer Baustein einer Tumorbehandlung. Aber sie wusste auch, dass es dem Chef ein Dorn im Auge war, dass sie sich wissenschaftlich seiner Meinung nach zu wenig engagierte.

Mit einem Zug trank sie den restlichen Kaffee aus. »Jetzt muss ich aber mal weiterarbeiten, meine Schwester will mich gleich treffen und hat eine wichtige Neuigkeit, sagt sie.«

»Eine kurze Frage noch.« Marlene erhob sich ebenfalls. »Wo hast du denn die Unterlagen von Frau Hartung hingelegt?«

Anna kratzte sich am Kinn. »Sind sie nicht wieder im Visitenwagen?«

Marlene schüttelte den Kopf. »Nein, sonst würde ich nicht fragen.« Sie suchte den Stützpunkt ab.

»Wo habe ich sie denn hingelegt?« Anna überlegte angestrengt und spielte in Gedanken noch mal durch, wo sie mit den Unterlagen zuletzt gewesen war.

»Ich habe sie.« Marlene griff nach der Akte, die in einem Schrank auf dem Tresor für die betäubungsmittelpflichtigen Medikamente lag.

Anna zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Wie ist sie denn dort hingekommen?«

Marlene seufzte gespielt theatralisch. »Manchmal wundere ich mich ernsthaft, wie du gleichzeitig so konfus sein kannst und trotzdem so strukturiert arbeitest.«

3

»Hey, meine Kleine.« Leni sprang bellend an Annas Beinen hoch. »Du bist aber ganz schön stürmisch heute.« Anna lachte. Sie beugte sich zu der Hündin hinunter und wuschelte ihr durchs weiche Fell.

Erst jetzt gab Leni Anna frei, sodass ihre Schwester sie begrüßen konnte.

»Nur zehn Minuten zu spät heute.« Katja schmunzelte. »Was ist los bei dir?«

Anna zog eine Grimasse. »Ich komme immerhin direkt aus der Klinik. Dafür bin ich ziemlich pünktlich.«

»Stimmt, für deine Verhältnisse bist du nahezu früh«, neckte ihre Schwester Anna weiter. »Wie war es auf der Arbeit?«

»Lass uns nicht davon reden. Mich interessiert viel mehr, warum du mich so unbedingt sehen wolltest.« Anna knuffte Katja in die Seite.

Leni zerrte aufgeregt an ihrer Leine, sodass Katja keine andere Wahl hatte, als loszulaufen.

Anna hakte sich bei ihr unter. »Also spann mich nicht zu lange auf die Folter.«

Katja zwirbelte eine Strähne ihres Pferdeschwanzes zwischen ihren Fingerspitzen. »Wir hatten das eigentlich gar nicht geplant«, setzte sie an, brach dann aber ab. Sie spitzte die Lippen und ließ einen Stoß Luft entweichen.

»Was meinst du?« Anna sah ihre Schwester von der Seite an. »Habt ihr doch das sündhaft teure Haus gekauft, von dem du mir erzählt hast?«

Katja schüttelte den Kopf. »Nein, das haben wir abgesagt. Das können wir uns nicht leisten.«

»Was dann?« Anna betrachtete ihre Schwester, die ihrem Blick auswich. »So schlimm?«

»Nein.« Erst jetzt suchte Katja den Blickkontakt zu Anna. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Überhaupt nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Ich bin schwanger.«

»Schwanger?«, wiederholte Anna. »Oh, wie toll!« Ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus. Sie umarmte Katja überschwänglich. »Das sind ja großartige Neuigkeiten.« Unwillkürlich fiel ihr Blick auf Katjas Bauch, dem natürlich noch nichts anzusehen war. »Wie weit bist du denn? Wann hast du es erfahren? Und was sagt Michael?«

Katjas Wangen röteten sich. »Es ist noch ganz frisch. Sechste Woche. Und Michael freut sich riesig.« Ihre Stimme überschlug sich fast vor Glück.

»Ich werde Tante.« Anna legte ihren Arm um Katja und drückte sie abermals. »Wie toll!« Ihre kleine Schwester bekam ein Baby. Dabei erinnerte sich Anna noch lebhaft daran, wie Katja geboren worden war und wie sie sich um ihre zehn Jahre jüngere Schwester gekümmert hatte. Jetzt wurde Katja selbst Mutter. Und zwar eine großartige. Das war sicher.

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
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Anna zuckte mit den Schultern. Wollte sie Charlie wiedersehen? Ihre Hand klammerte sich um den...
»Du tauchst hier einfach auf und nimmst mir meinen Job weg?« Anna ballte ihre Hände fest zu...
Erfreulicher Anfang? Anna ballte die Hände in ihren Kitteltaschen zu Fäusten. »Sehr schön hier«,...
Nachdem der Computer endlich hochgefahren war, tippte sie die Passwörter ein, die sie am Morgen...
»Warte doch erst mal ab«, versuchte Maria, Anna ein wenig zu beruhigen. »Und immerhin, es hätte...
Anna schloss seufzend das Röntgenprogramm. Sie wurde nicht schlau aus Charlie. Auf der einen Seite...
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Anna nickte schwach, das Schwindelgefühl ignorierend, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte....