»Aber das ist noch nicht alles.« Katjas Gesicht bekam einen ernsten Ausdruck. Sie suchte mit den Augen den Boden ab.

»Bekommst du Zwillinge?« Anna blieb stehen.

Katja runzelte die Stirn. »Ich hoffe nicht. Ein Kind sollte erst mal reichen.« Ihr Blick wurde ernst. »Was ich dir jetzt erzähle, wird dir nicht gefallen. Ich kenne deine Einstellung zu diesem Thema, aber ich habe mich entschieden und daran wirst du nichts ändern.«

»Du wirst das Kind doch nicht –«

»Nein, natürlich nicht«, schnitt Katja ihr das Wort ab. »Was denkst du denn?«

»Entschuldige.« Anna fummelte am Knopf ihrer Jacke herum. »Das denke ich natürlich nicht von dir.«

»Michael und ich werden nach Weihnachten heiraten.«

Anna starrte ihre Schwester an. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie fühlte sich mit einem Mal ganz schwindelig. »Ihr werdet was? Heiraten? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«

»Ja, das werden wir.« Katja wickelte Lenis Leine mehrfach um ihre Hand und wich dabei Annas Blick aus.

Anna schluckte gegen die Mundtrockenheit an. »Das willst du doch nicht wirklich.« Katja nahm sie gewiss sie auf den Arm. »Hast du alles vergessen?«

»Nur, weil du nach der Scheidung unserer Eltern denkst, die Ehe sei Teufelswerk, muss ich doch nicht mein Leben lang unverheiratet bleiben. Unser Kind soll unseren gemeinsamen Nachnamen bekommen. Das ist mir wichtig. Ich möchte, dass wir sofort als Familie erkannt werden.«

»Kannst du dich nicht mehr daran erinnern, wie das bei Mama und Papa war? Wie sie sich ständig gestritten haben? Wie sie sich regelrecht gehasst haben?« Es zog in Annas Magengegend, ihr wurde übel bei dem Gedanken an die Vergangenheit. »Papa hat uns einfach im Stich gelassen und Mama stand allein mit uns da. Hast du vergessen, wie er alles zerstört hat?«

Katja seufzte. »Ach Anna, aber die Hochzeit ändert doch nichts an meiner Beziehung zu Michael und vor allem ändert sie nichts daran, ob es gutgeht mit uns oder scheitert. Wenn wir uns eines Tages trennen sollten, dann spielt es doch keine Rolle, ob wir verheiratet sind oder nicht.«

Anna blickte gen Himmel, der wolkenverhangen war. Genauso trüb und grau wie ihre Stimmung in diesem Moment. Sie würde niemals heiraten. Katja preschte blindlings in ihr Unglück. Das galt es zu verhindern. »Eine Scheidung ist immer noch etwas anderes als eine Trennung ohne Scheidung. Scheidung zieht so viel Schlimmes nach sich. Überleg dir das noch mal.«

»Es gibt nichts mehr zu überlegen. Außerdem möchte ich mit dir nicht über eine Scheidung diskutieren, wenn wir noch nicht einmal verheiratet sind. Es wird nämlich gar nicht dazu kommen. Wir haben uns entschieden. Wir werden heiraten. Ob es dir passt oder nicht. Der Termin steht. Am siebenundzwanzigsten Dezember ist es so weit.« Katja legte eine Hand auf Annas Unterarm. »Und es gibt noch etwas.« Ihr Blick war sanft. »Ich wollte dich fragen, ob du meine Trauzeugin werden würdest.«

Anna hielt die Luft an. Sie sollte etwas bezeugen, an das sie nicht glaubte? Schließlich war sie felsenfest davon überzeugt, dass eine Heirat zwangsläufig zu einer Scheidung führen musste. Genau das hatte ihre Erfahrung sie gelehrt. Und es war für alle Beteiligten eine Katastrophe. »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.«

»Wie wäre es mit: Ja, gern?« Katja legte den Kopf ein wenig schief. »Ich würde mich sehr freuen. Du bist immerhin meine Schwester und gleichzeitig meine beste Freundin. Ich könnte mir niemand Besseren vorstellen.« Sie sah Anna mit dem gleichen treuen Hundeblick an wie Leni, die sich in diesem Moment warm an Annas Bein schmiegte, als wollte sie Anna ebenfalls überzeugen.

Es war eine Zwickmühle. Sie wollte ihre Schwester nicht enttäuschen, aber gleichzeitig wollte sie auch nicht, dass Katja durch die Ehe enttäuscht wurde.

»Bitte. Sag ja.«

»Weil du es bist«, gab Anna schließlich nach. Es ehrte sie, dass Katja sie als Trauzeugin ausgewählt hatte. »Aber erwarte keine schwülstigen Reden über die Liebe und die Ehe von mir.«

Katja lachte und umarmte Anna fest. »Danke. Und nein, ich erwarte nichts von dir. Aber jetzt lass uns das Thema wechseln. Gibt es bei dir was Neues in Sachen Liebe?« Sie spazierten weiter und Leni gab die Richtung vor.

»Das kann man wohl so sagen«, rutschte es Anna heraus, ohne dass sie es verhindern konnte.

Sofort schob sich Charlies lächelndes Gesicht vor ihre Augen. Die ganze letzte Nacht hatte sie kaum schlafen können, weil sie ständig an sie hatte denken müssen. Anna konnte es sich selbst nicht erklären. Üblicherweise neigte sie nicht zu Gefühlsduselei. Und abgesehen davon war nichts Großes zwischen ihnen passiert. Sie hatte Charlies Gegenwart genossen und gespürt, dass sie auf einer Wellenlänge schwangen. Mehr nicht.

Heute Morgen hatte sie kurz gegrübelt, ob sie Charlie anrufen oder ihr zumindest eine Nachricht schreiben sollte. Hatte sich dann schlussendlich aber dagegen entschieden. Es würde ohnehin zu nichts führen. Die letzte Beziehung hatte ihr gereicht. Auf eine Wiederholung war sie nicht scharf.

»Du hast wen kennengelernt?«, durchbrach Katja ihren Gedankenfluss.

Anna begutachtete die Steinchen unter ihren Füßen, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt. »Vergiss es«, nuschelte sie.

»Das könnte dir so passen.« Katja grinste breit und Leni kläffte ebenfalls zustimmend. »Erst so eine großspurige Ankündigung und dann einen Rückzieher machen. Nicht mit mir.«

Anna kickte einen Kiesel zur Seite. »Es gibt nicht viel zu erzählen.«

»Wollen wir doch mal sehen.« Katja nahm Leni die Leine ab, damit sie sich in dem Park frei bewegen konnte, und sofort stürmte die Hündin auf die große Wiese. »Ich bin auch mit wenig zufrieden. Also los, was ist passiert?«

Mir ist meine Traumfrau begegnet und ich habe sie stehenlassen, schoss es Anna durch den Kopf. Der Gedanke erschreckte sie. Das war vollkommen übertrieben. Nur warum musste sie dann andauernd an Charlie denken? Und warum beschleunigte sich ihr Puls dabei? »Es ist ziemlich kompliziert.«

»Einfach kann ja jede.« Mittlerweile waren sie an einer Bank angekommen, von der aus sie Leni gut beobachten konnten. Glücklicherweise schienen nur wenige Leute an Allerheiligen den Park dem Friedhof vorzuziehen und so waren sie mutterseelenallein. »Solange du nicht wieder mit Vanessa zusammen bist.«

»Niemals im Leben«, entfuhr es Anna.

»Dann ist alles gut.« Katja zwinkerte ihr zu. »Setz dich und dann erzählst du mir alles von Anfang an.«

Das tat Anna dann auch. Und während sie redete, merkte sie, wie euphorisch sie klang. Bei der Erwähnung von Charlies Namen musste sie ständig grinsen, sie konnte es nicht verhindern.

»Wow, dich hat es aber ganz schön erwischt«, stellte Katja fest, nachdem Anna geendet hatte. »Diese Charlie muss eine tolle Frau sein.«

Anna machte ein abschätziges Geräusch. »Bleib mir weg mit den Frauen. Und mit der Liebe.« Sie sah Katja von der Seite an.

»Nicht jede Beziehung muss scheitern.« Katja stieß hörbar Luft aus.

Leni kam auf sie zugetrottet. Offensichtlich hatte sie keine Lust mehr, allein zu spielen.

Anna kraulte sie hinter den Ohren, während Katja die Leine wieder anlegte. »Komm, wir gehen weiter.«

Freudig schwanzwedelnd stimmte die Hündin zu.

»Ruf sie doch einfach an. Ihre Nummer hast du schließlich«, nahm Katja den Gesprächsfaden wieder auf. Sie machte eine Pause. »Wenn du das überhaupt willst.«

Julia Schöning: Liebe ist, was zählt

1 »Den kann ich nur empfehlen.« Die angesprochene Frau drehte sich zu Anna um, den Wanderführer in...
»Ich habe da meine eigene Ordnung.« Die selten funktioniert, fügte Anna in Gedanken hinzu. »Das...
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