Nicht dass sie sich sonst viel mit Wunschvorstellungen beschäftigte. In letzter Zeit eigentlich nur mit einer, und das war keine, die irgendetwas mit dieser Situation Vergleichbares hatte. Schon allein deshalb war sie überrascht, wie zufrieden sie jetzt war. So zufrieden hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Auch wenn nach dem Sex natürlich immer ein gewisses Gefühl der Befriedigung eintrat. Befriedigung. Nicht Zufriedenheit. Das waren zwei verschiedene Dinge, wie sie jetzt merkte.

Was eine Frau wie Amity bewirken konnte . . . Sie hatten einen schönen Nachmittag im Bett miteinander verbracht – was nicht unbedingt etwas Besonderes war, so etwas hatte McCrea durchaus schon erlebt –, und nun saßen sie hier beim Abendessen mit ihren Steaks, und McCrea hatte das Gefühl, in diesem Augenblick tatsächlich wunschlos glücklich zu sein. Das war in der Tat etwas Besonderes.

Sie betrachtete Amity etwas verstohlen aus dem Augenwinkel. Glücklicherweise schien sie völlig mit ihrem Steak und dem Salat beschäftigt, den sie mit ihrem Messer in kleine Stückchen zerteilte. Große Salatblätter mochte sie anscheinend nicht.

Beinah hätte McCrea gelächelt. Sie selbst mochte überhaupt keinen Salat, aber wenn sie ihn aß, dann stopfte sie ihn sich mit einem Mal in den Mund, als wollte sie ihn möglichst schnell loswerden.

Hier und heute hatte sie das nicht getan, aber das lag nur daran, dass ihre Gedanken nicht wirklich beim Essen waren. Das waren sie auch sonst nicht unbedingt. Essen war ihr nicht wichtig, es war mehr eine Notwendigkeit, wenn ihr Magen knurrte.

Aber sie merkte, dass es heute anders war. Sie aß nicht allein, und die Person, mit der sie aß, fesselte ihre Aufmerksamkeit völlig. Amity hatte gesagt, sie wollte McCrea nicht fesseln, aber das tat sie.

Wenn ich das gewusst hätte . . . Sie seufzte innerlich. Immer noch konnte sie sich gut an den Augenblick erinnern, als sie nach Rogers Creek hineingefahren war. Wie trostlos sie dieses Nest gefunden hatte. Hier wollte ich nicht begraben sein, hatte sie gedacht.

Oder nein, das hatte sie nicht gedacht. Sie hatte gedacht: Hier wollte ich nicht tot über dem Zaun hängen. Das war so ein Spruch, wie man ihn aus den alten Westernfilmen kannte, und wie in einem dieser Western sah es hier auch aus.

Gut, es waren keine Pferde vor dem Saloon angebunden, sondern Autos säumten die Straße, aber das schien auch der einzige Unterschied zu sein. Es war ein Städtchen wie in vielen Gebieten im ländlichen Amerika. Das anscheinend einmal ein Herr Rogers gegründet hatte.

Und weil er es nicht einfach nur Rogers nennen wollte – wie zum Beispiel der Mister McCrea, der McCrea gegründet hatte –, hatte er noch das Flüsschen in den Namen mit hineingenommen, das am Rande der Stadt vorbeifloss. Möglicherweise hatte er daran ganz allein sein Zelt aufgeschlagen, als er hier angekommen war.

Es war eigentlich nur ein Bach, denn Wasser war – wie Amity richtig bemerkt hatte – in Texas manchmal rar. Aber wo Wasser floss, gab es fruchtbares Land, und das hatte Mister Rogers wohl dazu bewogen, hierzubleiben.

Später waren ihm dann andere gefolgt, aber nicht so viele, dass eine richtige Stadt daraus hätte werden können. Es gab immer noch nur wenig mehr Häuser als die an der langgezogenen Hauptstraße. Hatte man die hinter sich gelassen, war man praktisch wieder völlig allein auf weiter Flur. Die Definition eines trostlosen Nestes.

Doch McCrea hatte auch gar keinen Trost gesucht. Deshalb war sie nicht hergekommen. Rogers Creek war eine Durchgangsstation wie viele. Niemand verliebte sich wohl auf Anhieb in dieses Städtchen, um zu bleiben.

Nicht in das Städtchen . . . Ganz automatisch wanderte ihr Blick wieder zu Amity hinüber. Sie war eine Frau, in die man sich verlieben konnte.

Auf der anderen Seite war McCrea eine Frau, die das Wort Liebe normalerweise nicht in den Mund nahm. Sie hielt nichts davon, und bisher hatte sie auch noch nie einen Anlass gesehen, diese Meinung zu ändern.

Liebe war etwas für den Valentinstag, damit die Geschäfte an all diesen Herzchen und Blümchen Geld verdienen konnten. McCrea fand das nur albern. Es gab diese kurzen Augenblicke der Intimität, wenn man Sex hatte, mehr nicht.

Zwar wusste sie, dass viele Frauen damit etwas ganz anderes verbanden, aber sie nicht. Sie war sich ziemlich sicher, dass dieses ganze Konzept der Liebe nur erfunden worden war, um Leute reinzulegen. Um Menschen aneinander zu fesseln, die dann nach kurzer Zeit feststellten, dass sie diese Fesseln lieber abstreifen wollten.

Dann konnten sie es aber oft nicht mehr. Oder nur unter großen Schwierigkeiten.

Damit wollte McCrea nichts zu tun haben. Sie war frei wie ein Vogel, und das wollte sie auch bleiben.

Und doch hing ihr Blick an Amity, und sie dachte in einem positiven Sinn über den Begriff des Gefesseltseins nach. Verstand zum ersten Mal, was das eventuell bedeutete, wenn man es nicht als das bedrohliche Gegenteil von Freiheit betrachtete.

»Ich habe dir doch gesagt, ich stehe nicht auf der Karte«, bemerkte Amity halb amüsiert und halb genervt, als sie plötzlich von ihrem Teller aufsah. »Und jetzt haben wir unser Essen ja auch schon.« Sie legte leicht den Kopf schief. »Hast du im Osten überhaupt mal Texasrind bekommen, nachdem du von McCrea weg warst?«

Verneinend schüttelte McCrea den Kopf. »Nie. Da gibt es eher Virginia-Rind.«

»Dann solltest du dir das hier jetzt nicht entgehen lassen.« Mit einem Nicken forderte Amity sie auf, endlich ihr Steak anzuschneiden. »Bevor es kalt wird.«

McCrea lachte, grub ihre Gabel ins Fleisch und setzte das Messer an. »Du solltest ins Marketing gehen. Dann würde sich der Absatz von Texasrind wahrscheinlich verdoppeln.« Sie schnitt ein Stück ihres Steaks ab und steckte es in den Mund, kaute genüsslich, wie sie es selten tat. Dann schluckte sie. »Lecker«, gab sie ihr Urteil ab. »Wirklich sehr lecker.«

»Das will ich hoffen«, erwiderte Amity mit einem lustigen, jedoch auch herausfordernden Zwinkern in den Augen.

»Was hätte mich erwartet, wenn ich gesagt hätte, es schmeckt mir nicht?«, fragte McCrea neckend. »Hättest du mich dann mit dem Steakmesser erstochen?«

»Vielleicht.« Amity grinste jetzt richtig. »Kann man nie wissen.«

»Du bist nicht nur eine sehr vielseitig talentierte und fähige Frau, sondern offenbar auch eine sehr unberechenbare«, stellte McCrea fest.

Der Reiz, den Amity auf sie ausübte, wuchs mit jedem ihrer Worte noch mehr an.

»Ich glaube, das hat noch nie jemand von mir behauptet.« Amity genoss ihr Steak ebenfalls und dachte währenddessen anscheinend über eine Antwort nach. »Eigentlich gelte ich als ziemlich berechenbar.« Kurz hob sie die Schultern und ließ sie wieder sacken. »Was ich natürlich auch sein muss. Meine Leute müssen sich auf mich verlassen können. Man kann keine Ranch führen – oder irgendein Unternehmen, nehme ich mal an –, ohne zuverlässig und verantwortungsbewusst zu sein. Und wenn man zuverlässig und verantwortungsbewusst ist, ist man auch berechenbar.« Sie seufzte ein wenig, als würde sie das bedauern. »Ich bin definitiv keine Femme fatale. Was mich auf eine gewisse Art wahrscheinlich langweilig macht.«

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