Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen und konnte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Tanjas Lippen wurden schmaler. Es war so leicht, immer andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen, aber in diese Falle würde sie nicht tappen. Dafür hatte Charlie sie zu sehr gegen ihren Charme abgehärtet.

»Ich muss dringend in die Klinik zurück.« Beinah wie um Verzeihung bittend schaute Petra Lüders zuerst Charlie und dann Tanja an. »Ihr Dienst ist doch beendet, nicht wahr, Dr. Kesten?«

Da sie immer noch ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte, zuckte Tanja etwas zusammen bei der Nennung ihres Namens. »Ja«, bestätigte sie schnell. »Mein Dienst ist für heute beendet.«

»Könnten Sie dann meine Nichte nach Hause bringen?« Ein leichtes Lächeln umspielte Petras Lippen. »Falls es nicht zu viel verlangt ist.«

»Ich kann allein fahren«, protestierte Charlie, wenn auch nur schwach. Die ihr sonst eigene Stärke schien sie ganz verlassen zu haben. »Ich bin ja auch allein hergekommen.«

»Du siehst aber sehr mitgenommen aus«, stellte ihre Tante mit einem prüfenden Blick fest. »Deshalb finde ich es aus ärztlicher Sicht unverantwortlich, dich selbst fahren zu lassen. Finden Sie nicht auch?« Sie schaute Tanja auffordernd an. »Oder würden Sie so eine Patientin sich selbst überlassen? Als Ärztin?«

Hin- und hergerissen konnte Tanja nicht sofort antworten. Wäre Charlie eine Patientin gewesen, eine Frau, die sie nicht kannte, nur behandelte, hätte sie ihrer Chefin zugestimmt. Aber Charlie war keine Patientin, und die Vorstellung, mit ihr allein zu sein, verursachte ihr unwillkürlich eine Gänsehaut.

»Ich bin keine Patientin, Tante Petra«, widersprach auch Charlie jetzt.

»Das sollte besser jemand beurteilen, der etwas davon versteht.« Professor Lüders beharrte auf ihrer Meinung. »Du bist im Moment nicht in dem Zustand dazu.« Wieder heftete ihr Blick sich auf Tanja, obwohl sie weiter zu Charlie sprach. »Wir können dir natürlich auch ein Taxi rufen. Du hättest gleich mit einem kommen sollen.«

»Nein, nein.« Professor Lüders’ Blick hatte etwas Magisches, das Tanja dazu veranlasste, sofort zu widersprechen. »Ich kann sie schon fahren. Kein Problem.«

»Gut«, sagte Professor Lüders. »Dann sollten wir diesen ungastlichen Ort jetzt verlassen.« Sie schauderte ein wenig und zog die Schultern hoch. »Ich hasse Friedhöfe wirklich.«

3

»Du hättest mich nicht fahren müssen.« Während Charlie neben ihr im Wagen saß, protestierte sie erneut. »Ich hätte das schon allein gekonnt.«

»Wenn deine Tante meint, das wäre nicht so, würde ich mich lieber auf ihr Urteil verlassen als auf deins«, entgegnete Tanja nüchtern. »Sie ist schließlich eine erfahrene Ärztin.«

»Im Gegensatz zu mir.« Bitter lachte Charlie auf. »Ich bin ja nur eine abgebrochene Medizinstudentin.«

»Ja«, bestätigte Tanja das hart und erbarmungslos. »Lange hast du nicht durchgehalten.«

»Wann habe ich das schon?«, murmelte Charlie, aber es schien nicht an Tanja gerichtet zu sein. »Sogar meine Ehe hat nicht mehr als vier Monate gedauert.«

Diese Aussage überraschte Tanja. »Deine Frau war krank«, sagte sie. »Das wusstest du vorher.«

»Ja, das wusste ich vorher.« Charlie schaute sie nicht an, starrte nur vor sich hin.

»Deshalb hast du sie geheiratet«, setzte Tanja noch eins drauf. Sie spürte die Wut so sehr in sich ansteigen, dass sie sich nicht zurückhalten konnte. »Damit du sie möglichst schnell beerben kannst.«

Unwillkürlich versteiften sich ihre Mundwinkel, bis sie ganz starr wurden. Worüber beklagte Charlie sich hier eigentlich gerade? Genau das, was jetzt eingetreten war, war das, was sie erhofft hatte, was sie geplant hatte. Dass sie sich an dem Geld, das ihre Frau im Überfluss besessen hatte, jetzt allein erfreuen konnte.

»Das wirst du mir nie verzeihen, nicht wahr?«, fragte Charlie und warf kurz einen Blick zu Tanja herüber.

Kopfschüttelnd blickte Tanja stumm vor sich hin auf die Straße, während sie vor einer roten Ampel hielt. »Ich habe da nichts zu verzeihen«, sagte sie dann. »Das ist nicht meine Angelegenheit.«

»Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich Tina geliebt habe?« Charlie fragte das in so einem Tonfall, als ob sie das schon gar nicht erwarten würde.

Und es brachte Tanja auch tatsächlich zum Lachen. Nicht zu einem fröhlichen Lachen, mehr zu einem abschätzigen. »Das hast du mir schon mal erzählt«, sagte sie, während sie leicht das Gas herunterdrückte, damit der Wagen anrollen konnte, weil die Ampel gerade auf Grün gesprungen war. Selbstverständlich fuhr Charlie einen Automatik-BMW. Schalten war viel zu anstrengend. »Und schon damals war es eine Lüge.«

»Ja, das stimmt.« Tief durchatmend lehnte Charlie sich in dem sportlich gepolsterten Ledersitz zurück. Sie war immer gern schnell gefahren, deshalb war dies auch keine Familienlimousine, sondern ein Sportmodell mit Rennfahrersitzen. Aber für Charlies Verhältnisse war das schon die Familienversion, denn früher hatte sie einen Porsche gehabt. »Damals war es eine Lüge.«

Ungläubig lachte Tanja auf. »Willst du mir etwa erzählen, du hättest dich auf eurer Hochzeitsreise in sie verliebt? Auf dieser kurzen Reise, auf der ihr euch kaum kennenlernen konntet, weil ihr von einem Ort zum nächsten gedüst seid?«

Charlie nickte fast beschämt. »Das hätte ich nie für möglich gehalten, genauso wie du jetzt. Aber . . . Aber Tina war«, sie schluckte, »eine unglaublich süße Frau. Sie glaubte an das Gute in der Welt, vermutete nie etwas Schlechtes.«

»Deshalb ist sie auf dich reingefallen«, sagte Tanja. Genau wie ich, dachte sie. Bevor ich Charlie kennenlernte, habe ich auch noch an das Gute in jedem Menschen geglaubt.

»Ja«, bestätigte Charlie wieder. »Deshalb ist sie auf mich reingefallen.«

Das fand Tanja alles sehr merkwürdig. Charlie widersprach ihr nicht, machte keine ironischen Bemerkungen oder anzügliche, wie sie es auch gern tat. Sie schien fast wie eine sprechende Puppe, die nur vorgefertigte Antworten geben konnte oder einfach das wiederholte, was man ihr vorplapperte.

»Am Anfang dachte ich, sie spielt das nur«, fuhr Charlie jetzt leise fort. »So naiv kann niemand sein.« Sie schluckte. »Aber das war sie. Sie war einfach nur gut. Das Böse kam nicht an sie heran. Sie sah es gar nicht. Und wenn sie es gesehen hat, glaubte sie es nicht.«

»Ein wahrhaft guter Mensch.« Obwohl sie nicht wusste, warum, musste Tanja das sagen.

»Hmhm.« Charlie nickte mit einem Kopf schwer wie Blei. »Ein wahrhaft guter Mensch.«

»Dass es so etwas überhaupt noch gibt.« Kopfschüttelnd bog Tanja in eine Seitenstraße ein.

»Jetzt vielleicht nicht mehr«, stellte Charlie freudlos fest. »Denn Tina ist tot.«

Ihre Stimme klang dermaßen niedergedrückt, dass Tanja fast auf die Bremse getreten hätte, weil sie sie genauer ansehen wollte, vielleicht sogar im Labor untersuchen. Das war doch nicht Charlie, die da neben ihr saß. Charlie war das Gegenteil von melancholisch gewesen, sie hatte das Wort gar nicht gekannt. Und auf einmal wirkte sie, als ob sie tatsächlich trauerte? Obwohl sie auch das Wort nicht kannte?

»So kannst du das nun auch wieder nicht sagen«, widersprach sie. »Deine Tante ist ein wahrhaft guter Mensch. Oder würdest du das bestreiten?« Selbst etwas streitsüchtig warf sie einen Blick auf Charlie neben sich.

»Nein, das würde ich nie bestreiten.« Charlies Mundwinkel schienen sich ein wenig heben zu wollen, schafften es aber nicht ganz. »Sie ist ein guter Mensch. Ein sehr guter Mensch. Aber auch ein realistischer. Und das war Tina nie.«

Katja Freeh: Liebe ist kein Beinbruch

1 »Jetzt hast du es also geschafft.« Tanjas Stimme klang ätzend wie Säure, als sie den Rücken der...
Das war gut möglich, denn so lange war es ja noch nicht her, dass Professor Lüders ihrer Nichte...
So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer...
Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid...
Wieder musste Tanja schlucken, aber diesmal aus Scham. »Da haben Sie natürlich recht«, sagte sie...
Madita Flemming blies empört ihre Backen auf. Weitere Gefühlsausbrüche zeichneten sich nicht auf...
Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen...
»Sie hatte ja auch gar keine Zeit mehr, ihr Urteil zu revidieren«, stellte Tanja fest, während sie...
»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total...
Solche Sprüche, die Charlie des Öfteren von sich gab, ließen Tanja immer etwas verwirrt zurück....
Genauso . . . eindrucksvoll war dann allerdings auch das Ende gewesen. Ihre Lippen bildeten auf...
»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie. »Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina....