»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total unten durch.«

»Wundert dich das?« Schon als Tanja das fragte, fiel ihr auf, dass ihr die Berührung an ihren Schultern, auf denen Charlie sich abstützte, nicht unangenehm war. Vorhin hatte sie noch nicht einmal neben ihr im Aufzug stehen wollen, und jetzt lehnten sie hier gezwungenermaßen fast aneinandergeschmiegt, und es machte ihr nichts aus. Es hätte sogar eine Art Kribbeln sein können, das sie da, wenn auch nur unterschwellig, fühlte.

Reiß dich am Riemen! dachte sie. Wo soll das hinführen? Es ist aus und vorbei. Und das nicht nur aus einem guten Grund, sondern aus vielen guten Gründen.

Charlie seufzte. »Nein, das wundert mich nicht. Nicht mehr.«

»Das heißt, früher hat es dich gewundert?«, hakte Tanja nach.

»Früher«, Charlie machte eine lange Pause, »habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht.«

Das versetzte Tanja einen Stich, obwohl sie gedacht hätte, dass nichts, was Charlie betraf, sie noch erschüttern konnte, sie hätte schon alles durch. »Die Gefühle anderer waren dir nie wichtig«, bemerkte sie etwas bitter. »Das weiß ich.«

»Nützt es etwas, wenn ich sage, es tut mir leid?« Charlie blickte tatsächlich schuldbewusst zu ihr herunter. Aber das hatte sie auch früher schon getan, wenn sie etwas erreichen wollte. Sie war eine gute Schauspielerin, solange es um ihren Vorteil ging.

»Nein«, sagte Tanja. »Das nützt nichts.«

»Dachte ich mir.«

Da sie jetzt im Penthouse angekommen waren, öffnete sich die Fahrstuhltür, und mühsam bewegten sie sich wie siamesische Zwillinge hinaus.

»Das hoffe ich«, gab Tanja zurück, während sie versuchte, nicht zu eilig zu gehen, denn eigentlich wollte sie das alles hier möglichst schnell hinter sich bringen. »Nur weil man sagt, es tut mir leid, ist nichts ungeschehen gemacht. Es bleibt alles, wie es ist. Deshalb kann man sich so ein Tut mir leid auch sparen.«

»Es tut mir aber wirklich leid«, sagte Charlie. »Kannst du . . .?« Sie griff in ihre Tasche und reichte Tanja den Schlüssel.

Tanja nahm ihn und schloss auf. »Wie sollte man das bei dir unterscheiden?«, fragte sie währenddessen. »Ob dir etwas wirklich leidtut oder nicht? Du hast das früher oft genug gesagt. Und es war nur eine Phrase, weiter nichts.«

»Was ich alles gesagt habe . . .«, murmelte Charlie. Sie hielt sich am Türrahmen fest, und als Tanja sie wieder stützte, hüpfte sie neben ihr in die Wohnung hinein.

»Ja, das würde wohl Bände füllen«, stimmte Tanja ihr zu. Sie geleitete Charlie noch zum Sofa und hielt sie ein wenig fest, während sie sich setzte, dann richtete sie sich wieder auf. »Eine mehrere Bände umfassende Casanova-Geschichte.«

»Darum ging es mir nicht immer«, behauptete Charlie, die jetzt zu ihr hochblicken musste.

»Ach? Dann habe ich das wohl missverstanden«, sagte Tanja. Sie ging zur Theke hinüber, die Teil der Bar in Charlies Wohnzimmer war, und griff nach dem Whiskey im Regal. »Das Eis?«, fragte sie. »Im Behälter ist nichts.«

»In der Küche«, sagte Charlie. »Du musst einfach nur auf die Taste am Eisfach drücken, dann kommt es raus.«

»Ich erinnere mich«, bemerkte Tanja trocken. »So lange ist es auch noch nicht her, dass ich hier war. Es sei denn, du hättest dir zwischenzeitlich einen neuen Kühlschrank zugelegt. Aber da du sicher nicht auf deine Bequemlichkeit verzichten willst«, sie ging zur Tür Richtung Küche, »wäre das wohl ein ähnliches Modell.«

»Ich wusste nicht, dass du mich so sehr hasst«, hörte sie Charlies Stimme in ihrem Rücken, und sie klang wirklich ziemlich erstaunt.

»Hassen?« Tanja schüttelte den Kopf, drehte sich zu Charlie um und musterte sie, wie sie da nicht sehr fotogen verwurschtelt auf dem Sofa lag. »Ich hasse dich doch nicht. Um jemanden hassen zu können, muss man ihn zuerst einmal sehr geliebt haben. Und so sehr habe ich dich nicht geliebt.«

Dann ging sie in die Küche weiter und ließ Charlie mit einem konsternierten Gesichtsausdruck zurück.

4

»Das ist lecker.« Charlie streckte Tanja ihren Eislöffel entgegen und lächelte sie verführerisch an. »Probier mal.«

Wie jedes Mal, wenn sie Charlie ansah, schlug Tanjas Herz höher. Man hätte sogar sagen können, ihr ganzer Körper schlug höher, Charlie entgegen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Charlie löste Dinge in ihr aus, die sie sich noch nicht einmal hatte vorstellen können.

Manchmal fragte sie sich, ob sie tatsächlich verliebt in Charlie war, ob so etwas so schnell gehen konnte. Liebe auf den ersten Blick. Das hatte sie immer für ein Märchen gehalten. Und irgendwie war es auch ein Märchen. Aber es fand wirklich statt, hier und jetzt zum Beispiel in diesem Eiscafé, in das Charlie sie eingeladen hatte.

Sie wusste, dass Charlie reich war. Sie war die Nichte der Chefärztin, in deren Klinik Tanja als Assistenzärztin arbeitete. Und auch Professor Lüders war reich. Aber man merkte es ihr nicht an. Sie hatte einen Großteil ihres Vermögens, wenn nicht alles, in diese Klinik gesteckt, und sie arbeitete, als wäre sie selbst dort angestellt. Sie hatte Tanja einmal lächelnd erzählt, dass sie schon von Kindertagen an nie etwas anderes hatte werden wollen als Ärztin, das war immer ihr Traumberuf gewesen.

Anscheinend war sie in ihrer Jugend auch eine gute Sportlerin gewesen, eine hervorragende Schwimmerin. Sie hätte sogar Chancen auf die Olympiade gehabt. Aber sie hatte sich für den Arztberuf entschieden, weil ihr das wichtiger war, weil sie nie etwas anderes hatte tun wollen.

Tanja bewunderte das, und sie sah zu Professor Lüders auf wie andere vielleicht zu einem Professor Sauerbruch. Sie war ihr großes Vorbild. Wenn sie einmal eine so gute Ärztin sein würde wie Professor Lüders, würde sie stolz auf sich sein.

»Es schmilzt.« Charlies schmeichelnde Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück. »Willst du nicht?«

»Doch, natürlich.« Schnell schloss Tanja ihre Lippen um Charlies Löffel und ließ sich den Geschmack des Sahneeises auf der Zunge zergehen. »Sehr lecker, wirklich.«

»Hab ich nicht gesagt, dass man hier das beste Eis in der Stadt kriegt?« Charlie lachte, zog den Löffel zurück und steckte ihn sich wieder in den Mund, ohne ihn noch einmal mit Eis gefüllt zu haben. »Mhmm . . .«, machte sie und schaute Tanja begehrlich an. »Leckerer geht’s nicht.«

Tanja wurde rot. Jedenfalls spürte sie, wie Wärme in ihre Wangen stieg, und das bedeutete normalerweise, dass sie rot wurde. Im Moment sah sie sich ja nicht. »Charlie . . .«, sagte sie verlegen und wandte den Kopf zur Seite.

»Du bist mindestens genauso lecker wie dieses Eis«, setzte Charlie ihren Angriff auf Tanjas Schamgefühl fort und beugte sich vor. »Glaubst du das nicht?« Sie flüsterte, aber dieses Flüstern klang für Tanja so laut in ihren Ohren, als hätte Charlie durch ein Megafon gesprochen. »Meine Güte, ich könnte dich –« Abrupt lehnte Charlie sich zurück und benutzte ihren Löffel nun wieder für das, wofür er gedacht war, nämlich um Eis damit zu essen.

»Aber hier doch nicht, Charlie«, antwortete Tanja, woraufhin sie sich ebenfalls mit so viel Eis wie möglich in ihrem Mund abzukühlen versuchte.

»Wieso?« Charlie lachte wieder. »Die haben doch eine Toilette. Ich wäre da ganz diskret. Für dich. Wir sind ja hier nicht in St. Tropez, wo man sich auch mal über den Tisch legen kann.«

Katja Freeh: Liebe ist kein Beinbruch

1 »Jetzt hast du es also geschafft.« Tanjas Stimme klang ätzend wie Säure, als sie den Rücken der...
Das war gut möglich, denn so lange war es ja noch nicht her, dass Professor Lüders ihrer Nichte...
So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer...
Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid...
Wieder musste Tanja schlucken, aber diesmal aus Scham. »Da haben Sie natürlich recht«, sagte sie...
Madita Flemming blies empört ihre Backen auf. Weitere Gefühlsausbrüche zeichneten sich nicht auf...
Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen...
»Sie hatte ja auch gar keine Zeit mehr, ihr Urteil zu revidieren«, stellte Tanja fest, während sie...
»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total...
Solche Sprüche, die Charlie des Öfteren von sich gab, ließen Tanja immer etwas verwirrt zurück....
Genauso . . . eindrucksvoll war dann allerdings auch das Ende gewesen. Ihre Lippen bildeten auf...
»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie. »Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina....