Solche Sprüche, die Charlie des Öfteren von sich gab, ließen Tanja immer etwas verwirrt zurück. Meinte sie das jetzt wirklich ernst oder scherzte sie nur? »Ich war noch nie in St. Tropez«, entgegnete sie schluckend. Auf die Bemerkung mit der Toilette wollte sie lieber gar nicht näher eingehen. Denn sie stellte sich gerade vor, wie Charlie sie dort auszog und – Nein, lieber nicht.

»Da hast du nichts verpasst«, meinte Charlie wegwerfend. »Immer nur dieselben alten Leute. Da ist fast niemand unter dreißig. Schon ein bisschen angestaubt alles.« Ihre Mundwinkel zuckten heftig. »Aber die alten Hippies sind manchmal wilder als wir heute. Müssen sich wohl immer noch was beweisen.«

Wenn Charlie so redete, merkte Tanja immer wieder, wie unterschiedlich ihre Leben waren. Sie selbst stammte aus einer ganz normalen Familie, nicht reich, nicht arm, und selbstverständlich waren sie auch schon an verschiedenen Orten der Welt gewesen, auf Urlaub.

Aber für Charlie war das kein Urlaub, es war ihr tägliches Leben. Sie jettete schnell mal auf die Malediven oder die Seychellen oder sonst wohin, nur für ein Abendessen oder eine Party.

So etwas wäre Tanja nie in den Sinn gekommen. Und sie hätte auch weder das Geld noch die Zeit dafür gehabt. Die hatte sie bis zum Abitur zuerst mit der Schule verbracht, dann mit dem Medizinstudium und nun mit ihrem Dienst als Assistenzärztin. Auch wenn sie keine Assistenzärztin mehr war, würde das so weitergehen. Außerhalb des Urlaubs, der einmal oder höchstens zweimal im Jahr ein bisschen Ruhe gönnte, war man immer eingespannt und musste arbeiten.

Charlie natürlich nicht. Charlie hatte Geld wie Heu. Sie hatte es geerbt und musste nichts dafür tun. Deshalb hatte sie auch Zeit wie Heu. Und irgendwie musste die ja gefüllt werden.

Eine sehr merkwürdige Lebensgestaltung, fand Tanja. Eine, die sie sich nicht vorstellen konnte. Aber es war auch faszinierend. So jemanden wie Charlie hatte sie noch nie kennengelernt. Und hätte sie wohl auch nicht, wenn sie sie nicht zufällig in der Klinik von Professor Lüders getroffen hätte, als sie ihr auf dem Gang vom Büro ihrer Tante entgegenkam, während Tanja gerade auf dem Weg dorthin war.

Es gab manchmal schon Besucher hier im Krankenhaus, die sehr gut angezogen waren, die auch nicht gerade arm aussahen, die es schon von weitem ausstrahlten, wie gutsituiert sie waren. Aber Charlie . . . Charlie hatte noch etwas ganz anderes ausgestrahlt.

Als sie Tanja auf dem Gang entgegenglitt wie eine luxuriöse Segeljacht, groß, elegant, mit einem Hüftschwung, als flanierte sie gerade als Model – was sie auch gut hätte sein können – über einen Laufsteg, hatte Tanja sich gefragt, ob sie ohne es zu merken in einem Film gelandet war.

Sie wollte schnell an dieser höchst attraktiven Erscheinung vorbeigehen, weil sie schon das Gefühl hatte, sie musste sich beherrschen, Charlie nicht mit offenem Mund anzustarren, da sprach Charlie sie mit einem berauschenden Lächeln an.

»Sie sind Dr. Kesten, nicht wahr? Meine Tante ist sehr begeistert von Ihnen.«

Fast so abrupt, als wäre sie unvermutet gegen eine Wand gelaufen, blieb Tanja stehen. »Ähm . . . ja . . . danke«, brachte sie nur heraus, und schon das verwunderte sie selbst, denn ihr Mund war so trocken, dass er wie zugeklebt schien.

Charlie lächelte. Sie lächelte einfach weiter. Es erschien Tanja wie eine Ewigkeit, weil sie ganz in dieses Lächeln eintauchte, als wäre es eine warme Lagune in der Südsee.

»Was sie mir nicht gesagt hat«, fuhr Charlie dann plötzlich in beiläufigem Ton fort, ohne ihr Lächeln zu unterbrechen, »ist, wie süß Sie sind.«

Für eine Sekunde dachte Tanja, sie hätte nicht richtig gehört.

»Darf ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen?« Charlies Lächeln schien wie ein Teil von ihr zu sein, es hörte einfach nicht auf. Und es war so verführerisch, dass Tanja nicht mehr wusste, wo sie hinschauen sollte.

»Ich . . . Ich bin im Dienst«, antwortete sie mehr stammelnd als flüssig. »Ich muss zu Professor Lüders . . . zu Ihrer Tante.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, schmunzelte Charlie jetzt. Es war offensichtlich, dass sie sich eindeutig über Tanja amüsierte. »Und so, wie meine Tante Sie mir beschrieben hat, sind Sie so pflichtbewusst, dass Sie Ihren Dienst niemals für eine ungeplante Kaffeepause unterbrechen würden. Aber irgendwann ist Ihr Dienst ja auch zu Ende.«

»J-ja«, stotterte Tanja.

Kurz wartete Charlie und blickte sie fragend an, dann merkte sie wohl, dass Tanja nichts weiter sagen würde. »Sie wollen mir nicht verraten, wann das ist?«, fragte sie mit zuckenden Mundwinkeln.

»Ich . . . Nein . . . Ja.« Tanja war völlig verwirrt. »Sie haben mich nicht gefragt«, brachte sie dann noch zustande.

»Da haben Sie recht.« Charlies Lächeln war fast schon wie ein Streicheln. »Mein Fehler. Also dann frage ich Sie jetzt ganz offiziell: Wann ist Ihr Dienst heute beendet?«

»Zwanzig Uhr«, sagte Tanja. Es kam ganz automatisch heraus, ohne dass sie zuerst darüber nachgedacht hatte, ob sie das überhaupt verraten wollte.

»Na wunderbar. Dann wird es ein Abendessen, zu dem ich Sie einlade.« Charlie schien äußerst zufrieden. »Einverstanden?«

»Ich . . . Ich muss zu Ihrer Tante.« Fast schon verzweifelt versuchte Tanja, ihren Weg wieder aufzunehmen.

»Acht Uhr!«, rief Charlie ihr hinterher. »Ich komme her und hole Sie ab!«

Und bei dem Abendessen war es dann nicht geblieben. Danach hatte Tanja zum ersten Mal Charlies Penthouse kennengelernt. Und sie hatte Charlies Fähigkeiten als Liebhaberin kennengelernt, die alles überstiegen, was sie vorher je erlebt hatte. Es war Charlie deutlich anzumerken, dass sie viel Erfahrung hatte, viel mehr als Tanja, obwohl sie praktisch im gleichen Alter waren.

»Ist das die richtige? Ich musste ein bisschen im Lager suchen.« Die Apothekenhelferin hielt Tanja eine Packung hin.

Tanja nahm die Packung und starrte darauf, ohne sie wirklich zu sehen. Sie musste zuerst einmal aus dem Tagtraum, in den sie versunken war, als die Apothekenhelferin nach hinten ging, in die Wirklichkeit zurückkehren. »Ja, sieht so aus. Das ist die Schnürbandage mit den seitlichen Stabilisatoren, die ich wollte. Die andere hatte ja keine.«

Die Apothekenhelferin nickte. »Dann wollen Sie diese nehmen?«

»Ja.« Nun nickte Tanja auch. »Ist das die einzige, die Sie haben? Zwei wären besser. Zum Wechseln. Die Patientin muss sie ja die nächsten Wochen über Tag und Nacht tragen.«

»Tut mir leid.« Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck zuckte die Angestellte der Apotheke die Schultern. »Sie sind bestellt, aber das war jetzt unsere letzte. Vielleicht versuchen Sie es noch in einer anderen Apotheke. Normalerweise haben wir die auch immer da, aber im Moment gerade . . .«

»Schon in Ordnung.« Leicht lächelnd legte Tanja die Packung auf den Verkaufstresen. »Fürs Erste reicht sie ja. Packen Sie mir dann alles zusammen ein, auch die Kompressionsverbände und das andere?«

»Natürlich.« Die Apothekenhelferin zog eine Tüte unter dem Tresen hervor, schob alles hinein und druckte den Kassenbon aus.

Tanja bezahlte und verließ die Apotheke. Draußen blieb sie noch einmal kopfschüttelnd stehen. Wie war das nur geschehen, dass sie sich so intensiv an ihre Zeit mit Charlie erinnert hatte, dass sie ganz darin versunken war? Sie war kurz genug gewesen.

Aber eindrucksvoll. Sehr eindrucksvoll. Das musste sie zugeben. Was sie mit Charlie in Wochen erlebt hatte, das hatte sie mit anderen nicht in Jahren erlebt.

Katja Freeh: Liebe ist kein Beinbruch

1 »Jetzt hast du es also geschafft.« Tanjas Stimme klang ätzend wie Säure, als sie den Rücken der...
Das war gut möglich, denn so lange war es ja noch nicht her, dass Professor Lüders ihrer Nichte...
So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer...
Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid...
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Madita Flemming blies empört ihre Backen auf. Weitere Gefühlsausbrüche zeichneten sich nicht auf...
Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen...
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