»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie.

»Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina. Auch wenn das ähnlich klingt.«

»Tut mir leid«, sagte Charlie noch einmal. »Und diesmal meine ich wirklich dich. Du hast recht. Ich hätte den Whiskey nicht trinken sollen. Zusammen mit den Tabletten hat der mich richtig high gemacht.«

»Schmerzen hattest du keine, oder?«, fragte Tanja, während sie die Bandage auspackte. »Das war nur mal wieder eine deiner Lügen.«

Dazu sagte Charlie erst einmal nichts. Erst als Tanja ihren Fuß nahm, den Eisbeutel entfernte und die Bandage anlegte, kam die Antwort. »Du kennst mich viel zu gut«, bemerkte sie leise. »Das hatte ich fast schon vergessen.«

»Ich auch.« Tanja schnürte die Bandage zu und sicherte die Verschnürung dann mit den daneben angebrachten Klettbändern. »So, das sollte erst einmal reichen. Nicht auftreten, wenn du es nicht musst. Ich habe dir Krücken mitgebracht.« Sie legte die Krücken neben Charlie auf den Tisch. »Du bist stark genug. Du kannst dich damit überall hinschwingen.«

»So wacklig, wie ich mich im Moment fühle, würde ich eigentlich nicht gern versuchen, mich irgendwo hinzuschwingen«, meinte Charlie mit zweifelnd verzogenem Gesicht.

»Alkohol und Tabletten. Das wird vergehen.« Tanja richtete sich auf und räumte die Sachen auf dem Tisch zusammen. »Das Krankenhaus ersetzt das nicht, aber fürs Erste hast du alles, was du brauchst. Etwas anderes hätte ich dort auch nicht gemacht. Aber ich sollte dich jetzt einweisen.«

»Muss das sein?«, fragte Charlie. »Eigentlich geht es mir doch gut. Es ist nichts gebrochen, sagtest du doch. Und ich habe hier alles, was ich brauche.«

»Bis auf jemanden, der dich versorgt«, sagte Tanja. »Du kannst hier nicht alleinbleiben.« Sie blickte zur Tür, als müsste dort gleich jemand hereinkommen. »Oder erwartest du jemanden?«

»Direkt nach Tinas Beerdigung? Das traust du mir zu?« Charlies Stimme klang tatsächlich entgeistert.

»Ich traue dir alles zu«, gab Tanja trocken zurück. »In der Beziehung sowieso.«

»Kannst du nicht hierbleiben?«, fragte Charlie. »Oder wartet zu Hause jemand auf dich?«

Es wäre ein Leichtes gewesen, jetzt irgendetwas zu erfinden. Charlie wusste nichts mehr von ihr, Tanja hätte ihr das Blaue vom Himmel herunterlügen können. Aber auch wenn sie es gern getan hätte, es lag nicht so richtig in ihrer Natur zu lügen, und selbst wenn sie es versuchte, sah man es ihr sofort an.

Also sagte sie: »Nein, da wartet niemand auf mich. Ich hatte mal überlegt, mir eine Katze zuzulegen, aber die wäre auch zu viel allein bei meinen langen Schichten.«

»Aber trotzdem fändest du dieses einsame Zuhause immer noch besser, als hier bei mir zu bleiben«, stellte Charlie fest. »Das spricht Bände.«

Hohl lachte Tanja auf. »Die du geschrieben hast. Und ich kann sie leider nicht verbrennen.«

»Vergessen meinst du.« Charlie nickte. »Ich verstehe.«

»Dein Gedächtnis ist nicht so gut, ich weiß.« Tanja wandte sich halb ab. »Sei froh, dass es so ist.«

»Vielleicht«, sagte Charlie langsam, »ist es nicht mehr so.«

Der Tonfall in ihrer Stimme überraschte Tanja so sehr, dass sie sich wieder zu ihr umdrehte.

Charlie sah sie an, und das Hochgefühl, das Alkohol und Tabletten in ihr hervorgerufen hatten, war nicht mehr zu erkennen. Sie sah jetzt tatsächlich so aus, als hätte sie Schmerzen.

»Was soll das heißen?«, fragte Tanja. »Dass du jetzt plötzlich ein Gewissen hast? Seit wann?«

»Seit . . .« Charlie schluckte. »Seit Tina gestorben ist. Oder eigentlich schon davor. Weil Tina . . . Tina war . . .« Sie brach ab.

Tanja durchrieselte ein merkwürdiges Gefühl. Es durchrieselte sie wirklich. Es kribbelte nicht, kitzelte nicht, zog sich nicht zusammen, es rieselte. Wie Sand in einer Eieruhr, die unten immer voller wurde und oben immer leerer. Ganz langsam und gleichmäßig. Ihr Kopf war auf einmal so leer, als könnte sie Zimmer darin vermieten.

»Sie war etwas ganz Besonderes«, setzte Charlie plötzlich fort.

In Tanja rührte sich etwas. Als ob jemand die Eieruhr umgedreht hätte. »Sie hatte so viel Geld, dass sie schon dadurch etwas Besonderes war«, sagte sie. »Genauso wie du.«

Schleppend schüttelte Charlie den Kopf. »Das war es nicht. Du hast sie doch gekannt, hast sie gesehen, sie behandelt, mit ihr gesprochen. An Geld lag ihr gar nichts.«

Auch wenn sie darüber nicht gesprochen hatten, aber Tanja wusste, dass Charlie recht hatte. Bettina Hersbach war zufällig reich gewesen, aber sie hatte sich nicht so verhalten. Niemand, der es nicht wusste, hätte eine reiche Erbin in ihr vermutet. Sie hatte sich immer ganz normal benommen. Mehr als normal. Sehr, sehr weich und nachgiebig, eher um andere besorgt als um sich selbst.

Jetzt schluckte sie. »Ja, das stimmt wohl«, sagte sie. »Sonst hätte sie es nicht so leichtfertig dir überlassen.«

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Charlies Mundwinkel. »Du und Tina . . . Ihr seid euch in gewisser Weise ähnlich. Du lebst dafür, deinen Patienten helfen zu können. Sie lebte dafür, alten Bildern helfen zu können.« Unbewusst versuchte sie, den Fuß mit der Bandage zu bewegen, und verzog das Gesicht. »In anderer Hinsicht wieder nicht. Sie hätte nie so mit mir gesprochen, wie du es jetzt tust.«

Tanja zuckte die Schultern. »Du hast ihr keinen Anlass dafür gegeben. Du hast sie nicht von einer Minute auf die andere verlassen.« Sie holte tief Luft, um ihre aufkommenden Gefühle im Zaum zu halten. »Du hattest keinen Grund dazu. Oder keine Zeit mehr. Sie ist vorher gestorben.« Entschlossen schüttelte sie den Kopf. »Nein, du hattest keinen Grund. Selbst wenn sie dir einen gegeben hätte, hättest du sie nicht verlassen. Du wolltest ja ihr Geld.«

»Oh mein Gott.« Diese Art Ausruf hatte Tanja noch nie von Charlie gehört. Jedenfalls nicht in einer Situation wie dieser.

»Ich sage nur die Wahrheit«, stellte sie fest. »Stört dich das?«

Wieder bewegte Charlies Kopf sich wie im Schneckentempo hin und her. »Nein. Das stört mich nicht. Das ist auch etwas, das Tina und du . . . gemeinsam habt. Sie konnte nicht lügen, und du kannst es auch nicht.«

»Warum sollte man auch lügen?«, fragte Tanja. »Ist die Wahrheit nicht immer der beste Weg?«

Es schien fast, als wollte Charlie lachen. »Wie selbstverständlich das für dich ist. Wie selbstverständlich du das sagst. Genauso, wie sie es gesagt hätte.«

»Willst du mich jetzt für den Rest deines Lebens mit ihr vergleichen?« Nun war Tanja doch etwas konsterniert. »Suchst du einen Ersatz?«

»Klingt es so?« Mit einer Hand fuhr Charlie sich durch die Haare. Dann holte sie tief Luft. »Vielleicht hast du damit nicht einmal so unrecht.«

»Ach?« Ungläubig lachte Tanja auf. »Du gibst das sogar zu? Soll das jetzt ein Kompliment für mich sein?«

»Du siehst das im Moment vielleicht nicht so, aber es wäre für jeden ein Kompliment, mit Tina verglichen zu werden. Mit ihr auf eine Stufe gestellt zu werden.« Mit einem müden Seufzer lehnte Charlie sich auf der Couch zurück, ließ ihren Kopf schwer auf der Armlehne niedersinken. »Sie war einfach perfekt.«

»Gut, dass du sie wenigstens noch geschätzt hast zum Schluss. Und nicht nur die Zahlen auf ihrem Bankkonto«, gab Tanja bissig zurück. »Aber wenn du meinst, ich würde mich jetzt hier als ihre Nachfolgerin präsentieren, wenn du meinst, du könntest einfach da weitermachen, wo du mich hast sitzenlassen, dann irrst du dich. Ich bin kein Ersatz, und das werde ich auch nie sein!«

Wütend drehte sie sich um und verließ das Penthouse.

ENDE DER FORTSETZUNG

Katja Freeh: Liebe ist kein Beinbruch

1 »Jetzt hast du es also geschafft.« Tanjas Stimme klang ätzend wie Säure, als sie den Rücken der...
Das war gut möglich, denn so lange war es ja noch nicht her, dass Professor Lüders ihrer Nichte...
So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer...
Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid...
Wieder musste Tanja schlucken, aber diesmal aus Scham. »Da haben Sie natürlich recht«, sagte sie...
Madita Flemming blies empört ihre Backen auf. Weitere Gefühlsausbrüche zeichneten sich nicht auf...
Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen...
»Sie hatte ja auch gar keine Zeit mehr, ihr Urteil zu revidieren«, stellte Tanja fest, während sie...
»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total...
Solche Sprüche, die Charlie des Öfteren von sich gab, ließen Tanja immer etwas verwirrt zurück....
Genauso . . . eindrucksvoll war dann allerdings auch das Ende gewesen. Ihre Lippen bildeten auf...
»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie. »Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina....