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»Jings!« Dale war nicht mit dem Auto gefahren, sondern saß winkend auf einem Pferd.

Dass es Reitpferde auf der Richards Ranch gab, dafür hatte Lainey gesorgt. Früher, ganz früher, hatte es Arbeitspferde gegeben, Pferde, die den Pflug zogen. Wenn der kleine Farmer sich das leisten konnte, sonst waren es Ochsen. Die Arbeitspferde wurden vielleicht auch einmal geritten, wenn sie zur Weide gebracht wurden oder in den Stall zurück, aber zum reinen Vergnügen waren sie nicht da.

Bis die Vergnügungsspezialistin Lainey kam. Sie hatte die teuersten Schulen besucht, eine feine Ausbildung als junge Dame genossen, und dazu gehörte auch das Reiten. Reiten war einfach upper class, wie sie gern sagte. An die Cowboys in Texas hatte sie mit Sicherheit dabei nicht gedacht. Die Schulen, die sie besucht hatte, waren an der Ostküste gewesen, und vermutlich hatte sie ihren Schulkameradinnen gegenüber so getan, als hätte sie noch nie einen Cowboy gesehen. Wenn diese jungen Damen von Reiten sprachen, meinten sie das Reiten im Central Park in New York, wohlerzogen auf den Wegen und mit der teuersten und schicksten Reitkleidung ausgestattet, die man finden konnte.

Rinderherden, die mit Pferden getrieben wurden, hatten die Richards-Vorfahren nie gehabt. Sie waren keine Rinderbarone gewesen, nur Farmer. Ein paar Rinder gehörten dazu, aber das waren Kühe für die Milch und Ochsen fürs Fleisch oder für den Pflug, mehr nicht. Dazu brauchte man keine Cowboys, die lassoschwingend im Sattel saßen.

Als sie dann zwar keine Rinderbarone, wohl aber Ölbarone geworden waren, hatten Rinder für den Verkauf auch keine Rolle mehr gespielt, aber es waren mehr geworden. Einfach, weil die Arbeiter mit Fleisch versorgt werden mussten. Und dann gab es auch immer mehr Pferde.

Dale hatte nicht in einer feinen Damenschule reiten gelernt, sondern hatte sich von klein auf einfach auf irgendeinen Pferderücken geschwungen und war losgaloppiert. Ohne Sattel, ohne Zügel, ohne dass sie überhaupt darüber nachdachte. Für Lainey war das natürlich nichts gewesen. Sie bestand auf einem Sattel und einem Stallknecht, der ihr Pferd versorgte, sattelte, fütterte. Sie wäre niemals auf den Gedanken gekommen, das selbst zu tun.

»Dale? Bist du das, Dale?« Mit einem verwunderten Gesichtsausdruck kam ein junger Mann zu ihr heran, der sich ölverschmierte Hände an einem ölverschmierten Tuch abwischte, das er dann einfach achtlos in die Gesäßtasche seiner ebenso ölverschmierten Jeans steckte.

»Wer sollte ich sonst sein?« Dale lachte und sprang ab. Heute war sie auch mit einem Sattel geritten und hielt sich noch ein wenig an dem Knauf fest, als sie fest auf dem Boden stand. »Aber ich mache dir keinen Vorwurf, dass du mich nicht mehr erkennst. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.«

»Ja. Ewig.« Seine blauen Augen lächelten. »Hast dich lange nicht hier blicken lassen.« Beide trugen sie breitkrempige Texashüte, und Jings schob seinen jetzt in den Nacken.

»Deinetwegen tut es mir leid«, sagte Dale, »aber meine Familie . . .« Sie verzog das Gesicht.

»Schon klar.« Er lachte. »Lainey ist schon eine Nummer für sich. Tut immer so, als würde sie mich nicht kennen. Dabei sind wir so gut wie zusammen aufgewachsen.«

»Was sie nie zugeben würde.« Ebenfalls lachend ging Dale auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. »Ach, ich bin so froh, dich wiederzusehen!«

»Hey, pass auf!« Er schob sie von sich. »Das Öl hast du gleich auf deinem schönen Reitkostüm. Das geht dann nicht mehr ab.«

»Was für ein Reitkostüm?«, fragte Dale und schaute an sich herunter. »Jeans und ein Karohemd, das ist alles. Und davon habe ich genug.«

»Wenigstens ist es ein sauberes Hemd«, sagte er, hob die Arme und breitete sie ein bisschen wie ein Pinguin aus. »Und eine saubere Hose. Im Gegensatz zu mir.«

»Spielt das irgendeine Rolle?« Dale winkte ab. »Lass uns doch nicht über so einen Blödsinn reden. Lieber über etwas Interessanteres. Wie geht es dir?«

»Wie immer.« Er verzog das Gesicht. »Wie viele Jahre wir uns auch nicht gesehen haben, das wird wohl jedes Mal die gleiche Antwort sein. Meine kleine Pumpe habe ich mittlerweile zwar schon mal ersetzt, aber das ist auch alles.«

Er wies mit einem Arm auf eine Ölpumpe, deren Galgen nur ein paar Meter in die Luft ragte, nicht die turmhohen Meter wie auf der Richards Ranch. Wovon das hier einmal ein Teil gewesen war.

»Du weißt, dass die Vorkommen erschöpft sind?«, fragte Dale stirnrunzelnd. »Dass du auf konventionelle Art da nichts mehr rauskriegst?«

»Für mich reicht’s.« Er zuckte die Schultern. »Ein paar Dollar kriege ich immer noch für die paar Barrel, die das hier hergibt. Reich werde ich natürlich nicht dabei.«

Doch es klang nicht neidisch, wie er das sagte. Es war nur die Feststellung einer Tatsache, mit der er anscheinend nicht unzufrieden war. Die er einfach so akzeptiert hatte, ohne sie in Frage zu stellen oder sich darüber zu ärgern.

»Was machst du schon so früh am Morgen hier draußen?«, fragte er und blickte in die Sonne, die noch nicht sehr hoch am Himmel stand. »Sitzt man da bei euch nicht eigentlich noch am Frühstückstisch?« Seine Mundwinkel zuckten. »Oder schläft noch.«

Dale nickte. »Ja, sie schlafen noch. Aber ich bin das nicht gewöhnt. Ich stehe immer früh auf.«

Und außerdem wollte ich die Begegnung mit den beiden Grazien meiner Familie vermeiden, fügte sie in Gedanken hinzu, aber das sagte sie nicht laut. Möglicherweise konnte Jings sich das sowieso schon denken.

»Bei der Army muss man das ja wohl auch«, sagte Jings.

Dale schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht mehr bei der Army. Schon eine ganze Weile nicht mehr.«

»Ach?« Er hob sehr erstaunt die Augenbrauen. Dann schüttelte er den Kopf. »Du und die Army, du und eine Uniform – das war doch immer eins. Ich weiß noch, wie du mir davon erzählt hast, wie du weglaufen wolltest, um schon mit sechzehn in die Army einzutreten.«

»Die hätten mir was gehustet.« Dale lachte. »Sie überprüfen das schon. Da hätte ich mir vorher noch falsche Papiere besorgen müssen. Was nicht so richtig mein Ding ist.«

»Ja, bist schon eine ehrliche Haut«, nickte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Du und dein Vater. Der Rest deiner Familie . . .«

»Du meinst meine Mutter und Lainey?« Dale verzog das Gesicht.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine nicht nur deine Mutter und Lainey.«

»Wer bleibt denn da noch – Oh, Wayne.« Etwas verblüfft runzelte Dale die Stirn. »Willst du damit irgendetwas andeuten?«

»Geht mich nichts an.« Abwehrend hob Jings die Hände in die Luft. »Aber Wayne und dein Schwager – die haben sich gesucht und gefunden. Frag die lieber.«

»Laineys Mann?« Den hatte Dale noch gar nicht kennengelernt. Sie kannte ihn bisher nur von Fotos, die ihre Mutter ihr nach der Hochzeit geschickt hatte.

Darauf sah er irgendwie . . . unbedeutend aus. Ein hübscher Junge mit einem nicht sehr intelligenten Gesicht. Gerade richtig für Lainey hatte sie damals – nicht sehr liebenswürdig – gedacht.

Aber für Liebenswürdigkeit war sie zu dem Zeitpunkt auch nicht in Stimmung gewesen. Fotos von der Hochzeit hatte ihre Mutter ihr zwar geschickt, aber keine Beileidsbekundung zu Kathys Tod, nichts. Als ob sie gar nicht existiert hätte. Als ob sie nicht ihr Leben für ihr Land gegeben hätte. Als ob Dale gar keinen Grund zur Trauer gehabt haben könnte, nicht getröstet werden müsste, nicht den Boden unter den Füßen verloren hätte.

»Der schöne Owen.« Jings grinste. »Immer hinter den Mädchen her und hinter dem Alkohol.«

Kay Rivers: Küsse lügen nicht

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