»Ach, deshalb.« Dale hatte das Gefühl zu verstehen. »Wayne war der Flasche ja auch nie abgeneigt.«

»Und spielen tun sie auch beide gern. Da verbringen sie Nächte zusammen«, sagte Jings.

»Spielen?« Das hörte sich nicht gut an. Immerhin war Wayne für Millionen verantwortlich, die die Richards Oil Corporation umsetzte. Das Geld musste gewissenhaft verwaltet werden.

Da sie die Eingänge auf ihrem Konto gesehen hatte, hatte sie daran bisher keine Zweifel gehabt, aber Jings wusste wohl mehr als sie. Was kein Wunder war, da er ja hier lebte, während Dale bis zum gestrigen Tage praktisch alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte.

»Wie gesagt: Geht mich nichts an«, wiederholte Jings. »Dachte nur, du solltest es wissen. Was machst du denn jetzt?«

»Ich bin bei Matrix International, einer Computerfirma in Miami«, sagte Dale. »CSO.«

»Soso. Vizepräsidentin für Sicherheit. Passt ja.« Jings grinste wieder. »Mit deinen Erfahrungen aus der Army.«

»Ist mehr ein Schreibtischjob.« Dale seufzte. »Was ich nie haben wollte.«

»Dann solltest du vielleicht zurückkommen«, sagte Jings.

»Zurückkommen?« Jetzt war Dale verwundert. »Das hatte ich eigentlich nicht vor. Ich bin nur hergekommen, um –« Sie zuckte die Schultern. »Na ja, um mal wieder herzukommen.« So genau wollte sie da nicht ins Detail gehen.

»Ach übrigens: Herzliches Beileid«, sagte er. »Ich habe Kathy ja damals nur kurz kennengelernt, als ihr hier wart, aber ich fand sie sehr nett.«

Dale drehte ihr Gesicht in die Sonne, weil man dann nicht sehen konnte, wie ihre Augen feucht wurden. »Danke«, sagte sie. »Ist auch schon eine Weile her.«

»Tut mir leid.« Jings betrachtete sie etwas schuldbewusst. »Aber ich wusste nicht, wie ich dich erreichen konnte. Du warst ja immer in irgendeinem Krieg.«

»Schon okay.« Dale winkte ab. »Das hat jetzt keine Bedeutung mehr. Wie gesagt bin ich nicht mehr im Dienst. Nur noch Reserveoffizier.« Sie drehte sich zu ihm zurück und lächelte ihn an. »Wie sieht es denn bei dir aus? Ich meine, abgesehen von deiner Ölpumpe hier – hast du da nicht auch noch eine andere Gefährtin?«

Auf einmal schien Jings wieder zwanzig Jahre jünger zu sein. Er griff in seine Gesäßtasche, zog das ölverschmierte Tuch heraus und drehte es in den Fingern. »Ich habe einer Frau nicht viel zu bieten.« Das klang ausweichend.

Dale wusste, dass sie jetzt nicht lachen sollte, aber sie musste sehr dagegen ankämpfen. »Du hast also jemand?«, fragte sie.

»Sie . . . Sie . . .« Er wandte sich abrupt von Dale ab. »Ich kann sie nicht heiraten, solange ich kein Geld habe. Für mich reicht das hier, aber für eine Frau . . . Für sie . . .«

»Hat sie dir das so gesagt?« Dale blieb hinter ihm stehen. Er sollte sich nicht bedrängt fühlen.

»Sie . . .« Er räusperte sich. »Sie sagt, es wäre ihr egal. Sie würde überall mit mir wohnen. Und sie hat ja auch noch ihren Job als Kellnerin. Da verdient sie ganz gut mit den Trinkgeldern.«

»Aber du willst ihr etwas bieten, hm?« Das verstand Dale sehr gut. Und sie verstand es noch besser, seit sie mit so vielen Männern zusammen gedient hatte. Männer hatten eine bestimmte Art von Stolz, von dem sie nicht abgehen wollten, nicht abgehen konnten, ohne ihre Männlichkeit in Frage zu stellen.

Er nickte in die Luft hinein, in eine leere Richtung, da Dale ja hinter ihm stand. »Ihr fördert doch jetzt auch wieder eine Menge«, sagte er und drehte sich wieder zu ihr um. »Da muss doch hier auch mal wieder etwas herauskommen.«

»Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert«, sagte sie. »Ich glaube, das ist jetzt eine ganz andere Technik als früher. Aber ich kann mich da bei Wayne schlaumachen, wenn du willst.«

Fast entsetzt hob er die Hand. »Bloß nicht! Ich will nicht, dass er mehr über mich weiß, als er wissen muss. Er ist sowieso schon immer drauf und dran, mich hier von dem Land zu vertreiben.«

»Bitte was?« Ungläubig beugte Dale sich vor. »Das Land hier hat Dad dir geschenkt. Es ist dein Land. Und das deiner Familie, deiner Kinder. Zwar hat Dad immer gehofft, dass du es verkaufst und von dem Erlös zur Schule gehst, aber du kannst damit machen, was du willst. Wayne hat da überhaupt nichts zu sagen.«

»Da frag ihn mal«, gab Jings etwas missmutig zurück. »Es gibt da wohl so eine Klausel, ein Gesetz oder so was, das besagt, wenn Land nicht nach einer gewissen Zeit Gewinn für den Zweck abwirft, für den es gedacht ist, dann kann es versteigert werden. Wenn jemand mehr für den Zweck rausholt.«

»Wie bitte?« Heftig schüttelte Dale den Kopf. »Das kann nicht sein. Das Land gehört dir genauso, wie die Richards Ranch uns gehört. Und so ein Gesetz . . .«, sie schürzte die Lippen, »das klingt nicht sehr amerikanisch. Und texanisch schon mal gar nicht.«

»Dachte ich auch«, sagte Jings. »Aber Wayne hat schon ein paar Anwälte hergeschickt, die mich überreden sollten zu verkaufen. Sie meinten, jetzt würde ich noch einen guten Preis für das Land bekommen. Bei der Versteigerung dann könnte es billig weggehen.«

Da stimmt doch irgendetwas nicht. Dales Stirn zog sich skeptisch zusammen. Was hat Wayne sich da ausgeheckt?

»Hast du denn Schulden?«, fragte sie.

»Na ja . . . die neue Pumpe . . .« Jings blickte zu dem Galgen hinüber. »Die zahle ich noch ab. So viel Geld hatte ich nicht auf einmal.«

»Aber die ist doch niemals so teuer wie das Land hier.« Dale drehte sich halb um ihre eigene Achse, um alles, was um sie herum war, in Augenschein zu nehmen. »Dad hat dir schließlich nicht nur ein handtuchgroßes Stück überlassen.«

»Aber du weißt, wie es ist . . .« Er zuckte die Schultern. »Du kannst eine Rate nicht zahlen, und die Bank versteigert dein Haus.«

Aufmunternd legte Dale ihm eine Hand auf die Schulter. »Dazu wird es nicht kommen«, sagte sie mit ärgerlich zusammengepressten Lippen. »Das verspreche ich dir.«

Er sah sie etwas abwehrend an. »Ich will kein Geld von dir, Dale. Das würde ich nie annehmen.«

»Genauso wie der Rest deiner Familie.« Dale lachte leicht. »Dafür wart ihr ja noch nie zu haben.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich biete dir kein Geld an. Nur so etwas wie eine . . . Vermittlung. Ich werde mit Wayne reden. Damit bist du doch einverstanden, oder nicht?«

Er überlegte kurz, dann nickte er. »Doch, damit bin ich einverstanden«, sagte er dann. »Diese Anwälte haben mich echt Nerven gekostet. Und Zeit. Die möchte ich hier nie mehr wiedersehen.«

»Wirst du nicht.« Dale trat zu ihrem Pferd und schwang sich hinauf. »Dafür sorge ich.« Sie grinste Jings an. »Und wann lerne ich mal deine . . . Braut kennen? Wo arbeitet sie?«

»Im Texas Rose Saloon«, sagte er.

»Wie? Den gibt’s noch?« Lachend nahm Dale die Zügel auf. »Na, dann sehen wir uns dort demnächst, oder? Wie wär’s mit heute Abend?«

»Klar. Warum nicht?« Jings lächelte jetzt wieder so gelöst wie sonst. »Ich muss Rosie sowieso abholen.«

»Sie heißt Rosie und arbeitet im Texas Rose Saloon?« Das fand Dale wirklich äußerst lustig. »Dann ist sie wohl eine richtige Texasrose.«

»Oh ja, das ist sie.« Hier im Sonnenlicht und bei Jings’ tief gebräunter Haut sah man es nicht, aber Dale hätte schwören können, dass ein leichtes Rosa sein Gesicht überzog.

»Dann muss ich sie unbedingt kennenlernen«, sagte sie lächelnd. »Also bis heute Abend!«

Kay Rivers: Küsse lügen nicht

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