Sie wendete ihr Pferd, gab ihm die Sporen und galoppierte los.

Vielleicht ganz gut, dass ich zurückgekommen bin, dachte sie. Wenn auch aus einem ganz anderen Grund.

7

»Ja aber hallo! Wen sehen meine entzündeten Augen denn da? Meine große Cousine!« Äußerst jovial breitete Wayne die Arme aus und kam grinsend – er hielt das wahrscheinlich für ein Lächeln – auf Dale zu. »Hab schon gehört, dass du wieder da bist. Und so plötzlich. Das ist ja eine Überraschung.«

Im letzten Moment wich Dale der Umarmung aus und trat an eines der großen Fenster in diesem Büro, das im obersten Stockwerk des Verwaltungskomplexes der Richards Oil Corporation lag. »Ja, ich dachte, ich komme mal wieder vorbei«, erwiderte sie unbestimmt.

Ihre Blicke glitten über die Bohrtürme, die über Meilen und Meilen unter ihr lagen. Ein vertrauter Anblick seit ihrer Kindheit. Aber sie arbeiteten nicht, wie es früher immer der Fall gewesen war. Die Galgen hoben und senkten sich nicht, um die gewaltigen Pumpen zu betreiben, die fast wie das riesige Mutterschiff eines winzigen Jets wirkten, wenn man sie mit der kleinen Pumpe von Jings verglich.

»Wir sollten die Bohrtürme abreißen«, erklärte Wayne bereitwillig und trat neben sie. »Aber das kostet mehr, als es einbringt. Also werden sie wohl bis in alle Ewigkeit stehenbleiben. Als Erinnerung.«

»Als Erinnerung woran?« Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte Dale sich zu ihm.

»An die alten Zeiten. Irgendwie.« Wayne hob und senkte die Schultern. Anscheinend hatte er mit einer solchen Frage nicht gerechnet und wusste auch keine Antwort darauf. Auf einmal zuckte ein schmieriges Lächeln um seine Mundwinkel. »An deinen Dad«, fügte er hinzu.

Wayne wusste nur zu gut, wie sehr Dale ihren Vater geliebt hatte. Wie sehr er sie geliebt hatte. Es war eine ganz besondere Beziehung zwischen den beiden gewesen. Wahrscheinlich dachte er, die Erwähnung seines Onkels und ihres Vaters würde sie gnädig stimmen. Warum auch immer er das nötig fand.

»Dad war nie begeistert davon«, sagte sie. »Er sagte, eine Ranch sollte anders aussehen. Aber für seine Familie, damit wir alle gut versorgt waren, hätte er alles getan.«

Wayne nickte, als verstände er das gut. Was er sicherlich nicht tat. Für ihn kam immer Wayne an erster Stelle. Er hatte zwar eine Familie, aber die war mehr so Dekoration. Weil man als erfolgreicher Mann eben Frau und Kinder vorweisen musste, auch wenn man sie vielleicht nie sah. Doch sie waren auf jeden Fall immer nützlich bei einem Fototermin.

»Hast du irgendeinen speziellen Grund, warum du gekommen bist?«, fragte Wayne jetzt mit einem hinterlistigen Blitzen in den Augen. Er ging zu seinem Schreibtisch zurück. »Ist irgendwas mit den Überweisungen an dich nicht in Ordnung?«

Dale schüttelte den Kopf. »Ich habe mich nur gewundert, dass das neue Verfahren anscheinend so gut funktioniert. Dass damit so viel Öl gefördert wird. Lange Jahre hieß es ja, die Quellen wären versiegt.«

»Das Fracking holt eine Menge raus, das stimmt.« Er nickte, während er irgendwie unentschlossen neben dem großen Schreibtisch stand, sich aber nicht setzte.

Das hier war nicht das Büro ihres Vaters. Das hatte unten auf den Ölfeldern gestanden. In einer Baracke. Da, wo die Arbeit stattfand. So weit entfernt von den Geschehnissen hätte ihr Vater nie sein wollen. Er legte sogar manchmal selbst mit Hand an, wenn Not am Mann war, er war kein Schreibtischhengst gewesen.

Wayne hingegen hatte nie einen Finger gerührt, wenn er es nicht musste. Dieser Verwaltungskomplex hatte zwar schon immer hier gestanden, aber erst er hatte sich im obersten Stock ein Büro eingerichtet. Möglichst weit entfernt von der schmutzigen Arbeit auf den Feldern. Er wollte sehr deutlich klarmachen, dass er sich nicht die Finger dreckig machen musste. Die Arbeit interessierte ihn nicht, nur das Geld, das sie abwarf.

Für einen Moment fragte Dale sich, wie sie ihm das alles hier hatte überlassen können, ohne an die Konsequenzen zu denken. Aber Geld hatte ihr nie etwas bedeutet. Genauso wenig wie ihrem Vater. Sie wusste nur, dass es für Lainey und ihre Mutter wichtig war. Auch ihr Vater hatte in erster Linie seine Familie versorgen wollen. Für sich selbst hatte er nichts gebraucht.

Wie Jings, dachte sie kurz. Er war in gewisser Weise glücklich allein da mit seiner Pumpe, aber sobald eine Frau ins Spiel kam, dachte er, für sie reichte es nicht.

»Was macht die Army?«, fragte Wayne in diesem Moment. Er lachte. »Ich glaube, ich habe dich noch nie ohne Uniform gesehen.«

»Keine Uniform mehr«, erklärte Dale kopfschüttelnd. »Ich bin nicht mehr bei der Army.«

Das schien ihn aus irgendeinem Grund zu beunruhigen. »Ach?« Unvermittelt setzte er sich nun doch hinter seinen Schreibtisch. »Das heißt, du willst jetzt ganz hierbleiben?« Sein Blick wanderte von Dales Gesicht zu der Wand hinter ihr und zurück. »Du bist nicht nur auf Urlaub?«

Eigentlich war sie zwar tatsächlich auf Urlaub – wenn auch nicht von der Army –, aber irgendetwas hielt sie davon ab, Wayne in dieser Hinsicht aufzuklären. »Kein Landurlaub, nein«, sagte sie. Das stimmte auf jeden Fall.

»Du kannst natürlich jederzeit ein Büro hier haben«, bot er mit einer weitausholenden Armbewegung großzügig an. »Falls du hier arbeiten willst. Auch wenn du mit deinen Kenntnissen aus der Army hier wohl nicht viel anfangen kannst.«

Das sollte wohl ein hintergründiger Hinweis darauf sein, dass Dale sich nicht einbilden sollte, sie könnte hier einen Fuß in die Tür bekommen. Immer noch war es so, dass Wayne hier nur als Geschäftsführer eingesetzt war. Ihm gehörte nichts. Dafür bezog er allerdings ein ordentliches Gehalt. Ein mehr als ordentliches.

Dale hingegen war Mitglied des Aufsichtsrats, zu dem auch ihre Mutter und ihre Schwester gehörten. Sie drei waren also eigentlich die wirklichen Chefs hier. Davon hatte Dale jedoch noch nie Gebrauch gemacht. Und wie es aussah, ihre Mutter und ihre Schwester auch nicht. Also hatte Wayne sich mittlerweile als der einzige Chef, der niemandem Rechenschaft schuldig war, hier eingerichtet.

Deshalb empfand er Dales plötzliches Auftauchen wahrscheinlich als Bedrohung. Darüber hatte Dale noch überhaupt nicht nachgedacht. So war es ja auch nicht gemeint gewesen. Sie merkte erst jetzt, mit was für argwöhnischen Augen Wayne sie betrachtete.

»In der Army lernt man eine ganze Menge«, sagte sie. »Ich war zum Schluss Generalstabsoffizier. Das ist mehr Verwaltungsarbeit als sonst was.«

Ging da ein leichtes Zittern durch seinen Körper? »Ach so«, bemerkte er nachdenklich. »Ich dachte, du hast hauptsächlich irgendwo draußen an der Front gekämpft.«

»Habe ich auch.« Dale nickte. »Offizier zu sein bedeutet aber auch Personalführung. Ich habe eine ganze Menge Ausbildungen bei der Army gemacht. So viel anders als im Zivilleben ist es in dieser Beziehung nicht. Dann würde das Ganze nicht funktionieren.«

Das war ihm offensichtlich neu. »Du willst also richtig hier einsteigen?«, fragte er. »Was hattest du dir vorgestellt?«

Logischerweise bangte er um seinen Job. Das war Dale durchaus klar. Obwohl sie es nicht beabsichtigt hatte, genoss sie die Situation für einen Augenblick. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie Waynes Job von jetzt auf gleich übernehmen und er hätte nichts dagegen tun können. Als älteste Tochter von Stephen Richards war sie die designierte Erbin, auch wenn sie dieses Recht nie eingefordert hatte.

»Bis jetzt noch nichts«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Ich wollte mir zuerst einmal nur alles ansehen, mir einen Überblick verschaffen.« Das klang allgemein genug. Sie spitzte die Lippen, als wäre ihr der Gedanke gerade erst gekommen. »Übrigens . . . Ich habe heute Morgen mit Jings gesprochen, mit Jordan«, fügte sie hinzu, weil sie nicht genau wusste, ob Wayne den Spitznamen kannte. »Jordan Barrow.«

Kam es ihr nur so vor, oder war Wayne da gerade zusammengezuckt?

ENDE DER FORTSETZUNG

Kay Rivers: Küsse lügen nicht

1 »Hey Dale, kommst du auch mal wieder nach Hause?« Der Tankwart grinste von einem Ohr zum...
Eigentlich hätte sie die Richards Oil Corporation leiten sollen. Aber dagegen hatte sie sich immer...
»Damit bin ich unheimlich schnell«, behauptete Badger beleidigt. »Nur mit dem Bremsen habe ich es...
Aber ein schlechtes Gewissen hatte bei Badger nie lange eine Chance. Schon als er nun mit Rex...
Abenteuerlust? Ja. Ja, so etwas war es sicher auch, dachte Dale. Oder vielleicht auch so eine Art...
»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst«, erwiderte sie daher völlig ruhig. Sie musste sich nur...
»Lass mich doch endlich mit den Leuten in Ruhe«, unterbrach Dale sie unwirsch. »Was habe ich mit...
Hatte sie da schon eine Verabredung mit dieser Frau gehabt? Hatte sie sich da schon mit ihr...
Jetzt erinnerte sie sich wieder daran, wie sie auf dieser Treppe gespielt hatte, wie sie auf dem...
6 »Jings!« Dale war nicht mit dem Auto gefahren, sondern saß winkend auf einem Pferd. Dass es...
»Ach, deshalb.« Dale hatte das Gefühl zu verstehen. »Wayne war der Flasche ja auch nie abgeneigt.«...
Sie wendete ihr Pferd, gab ihm die Sporen und galoppierte los. Vielleicht ganz gut, dass ich...