Abenteuerlust? Ja. Ja, so etwas war es sicher auch, dachte Dale. Oder vielleicht auch so eine Art Flucht. Ich hatte schon fast vergessen, wie es hier war, bevor ich gegangen bin. »Ich konnte erst mit achtzehn zur Armee gehen«, sagte sie. »Sonst wäre ich schon früher gegangen.«

»Das weiß ich.« Wie schon so viele Male zuvor bei diesem Thema klang die Stimme von Janice Richards jetzt bitter. »Das ist genau das, was ich meinte. Du hast nie daran gedacht, was aus den anderen wird, was aus uns wird. Du hast immer nur an dich gedacht, immer nur deine eigenen Ziele verfolgt.«

»Du hattest immer noch Lainey«, sagte Dale, auch wenn sie sich nicht viel davon versprach. Auch dieses Argument hatten sie schon viel zu oft durchgekaut.

»Lainey war zu jung, als dein Vater starb«, behauptete ihre Mutter wie immer. »Viel zu jung. Sie hat getan, was sie konnte, aber es war zu viel für sie. Deine und ihre Verantwortung zu tragen, Vater zu ersetzen, alles zu übernehmen.«

»Sie ist nur ein Jahr jünger als ich«, erinnerte Dale sie an die Tatsachen.

Wenn sie so zurückdachte, hatte sie ihre Schwester Lainey immer als sehr stark empfunden, obwohl sie die jüngere war. Zwar sah Lainey äußerlich nicht so aus, aber innerlich war sie auf gewisse Art immer stärker gewesen als Dale. Sie hatte Dale oft für Laineys Streiche büßen lassen.

Da sie immer ›die Kleine‹ gewesen war, die scheinbar kein Wässerchen trüben konnte, glaubte jeder sofort, dass Dale die Übeltäterin war, wenn man die beiden zusammen sah. Und Dale hatte nie widersprochen, hatte die Strafe auf sich genommen, obwohl sie es nicht gewesen war.

»Aber sie war immer schwächer als du, kleiner, zarter. Du warst die Große, Starke. Du hättest da sein sollen.« Janice Richards ließ ihrer Verbitterung freien Lauf. Rücksicht auf andere war noch nie einer ihrer Charakterzüge gewesen, auch wenn sie stets Rücksicht für sich selbst einforderte.

»Ja, ich hätte da sein sollen«, sagte Dale. »Ich hätte überall sein sollen.« Kats Gesicht erschien vor ihrem inneren Auge, nicht ihre Familie. »Ich habe versagt.«

»Gut, dass du das endlich mal zugibst.« Eine jüngere Stimme, die sich aber durchaus mit dem Tonfall ihrer Mutter messen konnte, meldete sich plötzlich von der Tür des großen Raumes her, der direkt vom Eingangsbereich des Ranchhauses abging. »Sonst warst du ja immer so perfekt.« Während sie das letzte Wort geringschätzig betonte, schlenderte Lainey Richards lässig herein.

»Das habe ich nie behauptet«, widersprach Dale, auch wenn sie wusste, dass das eigentlich gar keinen Sinn hatte. »Kein Mensch ist perfekt.«

»Du schon«, sagte Lainey, ging zur Bar hinüber und goss sich einen Whiskey ein. »Jedenfalls denken das einige Leute hier in der Stadt bis heute. Kannst du dich noch an die Parade erinnern? Pf!«

»Darum hatten wir nicht gebeten«, entgegnete Dale. »Die Leute haben das selbst entschieden.«

»Weil ihr in Uniform hier ankamt.« Lainey musterte Dale abschätzig von oben bis unten. »Das war doch Absicht. Damit euch alle bewundern sollten.«

»Das ist Vorschrift«, korrigierte Dale sie mit zusammengepressten Lippen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um sich wieder zu beruhigen. Mit ihren Worten griff Lainey nicht nur Dale an, sondern auch Kat, und das würde sie nicht zulassen. »Wir hätten Zivil getragen, wenn das erlaubt gewesen wäre. Das wäre uns wesentlich lieber gewesen.«

»Ja, ja.« Desinteressiert winkte Lainey ab. »Du kannst mir viel erzählen. Ich kenne mich ja mit all diesem militärischen Mist nicht aus, für den du so schwärmst.«

Dale merkte sehr deutlich, dass Lainey sie provozieren wollte, aber sie ließ sich nicht darauf ein. Kat hätte sich ebenfalls nicht darauf eingelassen. Und Kelly auch nicht.

Auf einmal musste sie lächeln. »Ich kenne mich damit aus, weil ich zwölf Jahre gedient habe«, antwortete sie ganz gelassen. »Das ist weit entfernt von Schwärmerei.«

»Gedient!« Beinah hysterisch lachte Lainey auf und warf den Kopf in den Nacken. »Was für ein Wort! Darauf bist du stolz? Klingt, als wärst du ein Dienstbote.« Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und beobachtete Dale über den Rand hinweg wie ein Raubvogel, der gleich auf seine Beute herunterstoßen wollte.

»Ich habe meinem Land gedient, nicht irgendeinem Menschen, der zu faul ist, sein eigenes Bett zu machen«, erklärte Dale so freundlich und bereitwillig, als würden sie ein Werbevideo für die Army drehen. »Das ist ein kleiner Unterschied.«

»Ist es das?« Anscheinend ärgerte Lainey sich darüber, dass Dale sich nicht streiten wollte. Ihre Mundwinkel verzogen sich unzufrieden. »Na ja, ist ja nicht mein Bier. Ich würde nie jemandem dienen, keinem Land und keinem Menschen.«

»Das ist mir schon klar«, sagte Dale. »Und bei Menschen würde ich dir da sogar zustimmen.«

Das verwirrte Lainey anscheinend noch mehr. Zustimmung von ihrer großen Schwester hatte sie wohl am allerwenigsten erwartet. »Was willst du hier?«, schoss es deshalb mit gesteigerter Unzufriedenheit aus ihr heraus, als hätte sie jetzt doch plötzlich die Vorteile einer militärischen Angriffsweise entdeckt. »Warum bist du hergekommen?« Ihre Augen funkelten mit all der Bösartigkeit, die ihr immer schon zu eigen gewesen war. »Hier braucht dich niemand. Du bringst nur alles durcheinander.«

Dales Augenbrauen hoben sich verwundert. »Was bringe ich durcheinander? Ich bin doch gerade erst angekommen.«

»Schlimm genug«, schnappte Lainey, »dass du uns vorher nicht benachrichtigt hast. Erst kommst du jahrelang nicht, dass man sich schämen muss, weil die Leute fragen, und dann stehst du plötzlich vor der Tür?«

Fast musste Dale innerlich schmunzeln. Weil die Leute fragen . . . Das war alles, worum es Lainey ging. Und ihrer Mutter auch. Schämen taten sie sich natürlich nicht wirklich. Es war ihnen nur peinlich, dass sie nicht aus Dales Leben berichten und damit angeben konnten. Dass sie nicht wussten, was Dale tat. Obwohl es sie selbst gar nicht interessiert hätte. Aber die Leute . . .

Was wäre wohl gewesen, wenn sie vorher angerufen hätte? Das hätte genauso geendet wie jeder Anruf zuvor. Deshalb wäre es völlig sinnlos gewesen.

»Ich habe mitbekommen, dass ihr wieder nach Öl bohrt«, sagte sie deshalb. »Das hat mich interessiert. Denn damals hieß es ja, es ginge nicht weiter. Das restliche Öl könnte man nicht herausholen.«

»Wayne ist eben schlau.« Laineys Gesichtsausdruck hätte man mit dem einer Viper vergleichen können, ein breites Grinsen unter kalten Augen. »Bist du neidisch, weil du das nicht zustandegebracht hättest, was er jetzt erreicht hat?«

»Neidisch?« Auf den Gedanken wäre Dale nie gekommen.

Ihr Cousin Wayne leitete die Richards Oil Corporation, weil nach dem Tod ihres Vaters niemand anderer dagewesen war, weil Dale im Krieg gewesen war. Ihrem Vater wäre es sicher lieber gewesen, wenn sie das Unternehmen übernommen hätte, aber das hatte nicht zur Debatte gestanden.

Und Wayne war schon immer ein schlauer Kopf gewesen, da hatte Lainey recht. Nicht unbedingt überragend intelligent, aber clever. Doch das war im Geschäftsleben ja auch oft viel nützlicher.

»Eifersüchtig, ja. Ihr habt euch früher ja auch schon immer gekloppt«, versuchte Lainey, ein bisschen Salz in die Wunde zu streuen. »Weil du eifersüchtig auf ihn warst.«

Dale sparte es sich, auch das Wort eifersüchtig fragend zu wiederholen, weil das genauso absurd war wie neidisch. Sie hatte ihren Cousin nur dann etwas härter angefasst, wenn sie ihn von etwas Unseligem hatte abhalten wollen oder wenn er sich danebenbenommen hatte. Was leider zu seinen Teenagerzeiten gar nicht so selten vorgekommen war. Er hatte einfach schon immer zu viel getrunken.

Kay Rivers: Küsse lügen nicht

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