Jetzt erinnerte sie sich wieder daran, wie sie auf dieser Treppe gespielt hatte, wie sie auf dem blankpolierten Geländer heruntergerutscht war, johlend, lachend.

Lainey hatte sich ihr dabei nie angeschlossen. Immer hatte sie Angst gehabt, dass sie vom Geländer herunterfallen könnte, sich wehtun könnte, sich blaue Flecken holen. Sie war schon als kleines Kind sehr wehleidig gewesen. Und sehr eitel.

Jings hingegen . . . Sie lächelte. Er war ein Nachbarsjunge, der oft herübergekommen war. Eigentlich war er auf den Namen Jordan getauft, aber sie hatte ihn immer nur Jings genannt. Alle nannten ihn so. Und in der Schule zogen sie ihn damit auf, dass das genauso klang wie Jinx, dass er das Unglück anzog oder es wie einen Fluch verbreitete.

Dabei war sein einziges Unglück gewesen, dass er arm war. Dass seine ganze Familie arm war. Er war ein begabter Junge gewesen, aber auf eine höhere Schule konnten sie ihn nicht schicken. So hatte er sich immer Unsinn ausgedacht, weil er geistig nicht ausgelastet war.

Dales Vater hatte Jordans Familie angeboten, für seine Ausbildung zu bezahlen, aber um dieses Angebot anzunehmen, waren sie zu stolz gewesen. Sie wollten das Geld dafür mit eigener Hände Arbeit verdienen. Das war jedoch nicht der einzige Grund, sie hielten auch nicht besonders viel von Bildung. Der Großvater meinte, wenn man die Bibel lesen könnte, wäre das genug.

So hatte Dales Vater dem Jungen dann wenigstens ein Stück Land vermacht. »Wenn er erwachsen ist, kann er es verkaufen und vielleicht doch noch zur Schule gehen«, hatte er gesagt.

Das hatte Jings aber nie getan. Er war auf dem Stück Land geblieben und versuchte, dort nach Öl zu bohren, auch als das schon völlig aussichtslos war.

Ob er immer noch dort war? fragte Dale sich. Vielleicht sollte sie ihn einmal besuchen. Auch wenn sie ihn jahrelang nicht gesehen hatte, kam er ihr viel mehr wie Familie vor, als das bei ihrer tatsächlichen Familie, dem Teil, der noch übrig war, der Fall war.

Aber jetzt musste sie erst einmal mit sich selbst klarkommen. Sie zögerte kurz, bevor sie ihr altes Zimmer betrat, legte nur die Hand auf den Türknopf und wartete ab, ob sich irgendein Gefühl bei ihr einstellen würde.

Es war so lange her. Das hier war ihr Kinderzimmer gewesen, und mittlerweile hatte sich so viel getan, hatte sie so viel erlebt, hatte sich so viel verändert. Sie überlegte, ob sie nicht vielleicht doch lieber ein Hotelzimmer nehmen sollte. Doch dann drehte sie den Knopf herum und stieß die Tür auf.

Warum ihre Mutter dieses Zimmer nach so vielen Jahren immer noch nicht einem anderen Zweck zugeführt hatte, konnte sie sich nicht erklären. Vielleicht lag es daran, dass das Haus so groß war. Dass es so viele Zimmer hatte, dass eins davon ruhig leerstehen konnte. Sie seufzte. Vermutlich hatte die schöne Janice sich gar keine Gedanken darüber gemacht.

»Ich habe alles geputzt, Señora«, sprach sie da auf Spanisch eine Stimme von hinten an. »Alles sauber. Jeden Tag.«

Auch in Florida war Spanisch nützlich, und hier in Texas fast noch mehr, wegen der mexikanischen Grenze, die hier in Presidio vor der Haustür lag. Also antwortete Dale der älteren Frau, die sie angesprochen hatte, auch auf Spanisch. »Jeden Tag?«, fragte sie überrascht lächelnd. »Aber Sie wussten doch gar nicht, dass ich komme.«

»Aber wenn Sie kommen, sollte alles fertig sein«, sagte die Frau. Sie wies in das Zimmer hinein. »Sind Sie zufrieden? Oder soll ich noch was bringen?«

»Wie heißen Sie?«, fragte Dale jedoch zuerst einmal zurück, bevor sie die Frage beantwortete. »Sind Sie schon lange im Haus?«

»Ximena«, beantwortete die Frau Dales erste Frage. Dann auch die zweite. »Ich bin im Haus, seit Julio gestorben ist. Sechs Jahre.«

»Julio.« Der Name entfuhr Dale mit einem schlechten Gewissen. Warum hatte sie bisher noch nicht nach Julio gefragt?

Er war es gewesen, der sie manchmal am Fuß der Treppe aufgefangen hatte, wenn sie mit zu hoher Geschwindigkeit gelandet war. Hin und wieder auch ihr Vater, aber der war oft auf den Ölfeldern, also war es meistens Julio gewesen, der treue alte Feldarbeiter, der dann von ihrem Vater zum Gärtner und einer Art Hausdiener gemacht worden war, weil er sich weigerte, eine Rente zu beziehen, ohne zu arbeiten.

Ja, natürlich. Er war damals schon alt gewesen, und noch älter, als Dale Presidio mit achtzehn Jahren verlassen hatte. Es wäre unwahrscheinlich gewesen, wenn er heute noch gelebt hätte.

Anerkennend blickte sie sich in ihrem alten Zimmer um. »Das haben Sie sehr gut gemacht, Ximena. Nein, ich brauche nichts mehr. Danke.« Sie nickte Julios Nachfolgerin freundlich zu.

Die lächelte, offenbar erfreut über das Lob, und ging.

Dale schloss die Tür hinter ihr und ließ ihre Blicke ziellos schweifen. Sie kannte dieses Zimmer, und doch erschien es ihr so fremd. Es war nicht das Zimmer einer erwachsenen Frau, es war ein Teenagerzimmer. Mit Postern an den Wänden, Schulabzeichen, ein paar Baseballschlägern in der Ecke. Das Bett war so schmal, wie man das als für ein keusches junges Mädchen als passend erachtet hatte.

Auf dieses Bett ließ Dale sich fallen und streckte die Beine aus. Die Matratze war in den vielen Jahren nicht besser geworden. Was ja auch kaum zu erwarten war. Sie war schon immer zu weich gewesen, und jetzt erschien sie ihr noch weicher. Mit einem Feldbett, auf dem sie im Einsatz oft geschlafen hatte, sicherlich nicht zu vergleichen.

»Oh, Dr. Swanson«, stöhnte sie. »Was haben Sie mir da nur angetan?«

Vielleicht konnte sie auf dem Boden schlafen, um Rückenschmerzen zu vermeiden. Aber um Rückenschmerzen ging es ja auch gar nicht. Sie war nach Hause geflogen, um sich über ihre Gefühle für Kelly klarzuwerden. Deshalb hatte sie sie nicht mitgenommen.

Dazu hatte ihr Dr. Swanson geraten, und dazu gehörten auch die klärenden Gespräche mit ihrer Familie, die wieder einmal so kläglich gescheitert waren. Nur wenn alles geklärt war, hatte Dr. Swanson gemeint, könnte sie endlich mit der Vergangenheit abschließen, damit sie mit Kelly glücklich werden könnte.

Immer noch war Dale sich nicht sicher, ob das überhaupt ging. Ob Glück für sie in ihrem Leben überhaupt noch einmal vorgesehen war.

»Kat . . .« Sie schloss die Augen und erinnerte sich.

Sie wusste, es war nicht fair Kelly gegenüber, jetzt an Kat zu denken, aber sie konnte nicht anders. Kat war ihre große Liebe gewesen, ihre einzige wahre Liebe, wenn sie es rückblickend betrachtete, und sie hatten über alles reden können, sich in allem verstanden. Sie waren beide Soldatinnen gewesen, Offizierinnen, sie hatten dasselbe Leben geführt. Das hatte es vielleicht einfacher gemacht.

Wenn es überhaupt je einfach war. Zwei Leben zu einem zu machen, zwei Erfahrungswelten in eine zu verschmelzen. Aber viele Erfahrungen hatten sie gemeinsam gemacht. Und das unter Umständen, die unweigerlich zusammenschweißten, in der militärischen Ausbildung, im selben Schlafsaal in der Kaserne, im Einsatz, im Krieg.

Das alles hatte sie mit Kelly nicht gehabt. Kelly war keine Offizierin, keine Soldatin. Sie war überhaupt nie beim Militär gewesen. Und das hätte auch gar nicht zu ihr gepasst. Sie hasste Krieg und Waffen, Gewalt, körperliche Auseinandersetzungen. Ihre Körperlichkeit war von anderer Art.

Dale lächelte. Von einer sehr reizvollen Art, das musste sie zugeben.

Und so lächelnd schlief sie ein, ohne Kelly zurückgerufen zu haben.

Kay Rivers: Küsse lügen nicht

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