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»Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu.

»Gut, Steve. Und selbst?« Annie lächelte.

Steve hob die Hände zum Himmel. »Wir sind in Las Vegas. Es scheint immer die Sonne.« Zuvorkommend öffnete er ihr die Tür und machte eine einladende Handbewegung. »Viel Glück.«

»Ach, du weißt doch, Steve . . .« Mit einem Achselzucken ging Annie an ihm vorbei. »Richtig zu spielen kann ich mir nicht leisten mit meinem kleinen Gehalt. Ich setze immer nur einen Chip.«

Er grinste. »Es ist so ein schöner Tag. Wie wäre es mit einem ganz großen Risiko? Du setzt zwei?«

Lachend schüttelte Annie den Kopf. »Denkst du wirklich, das würde etwas bringen? Außer dass ich zwei Chips verliere statt einem?«

»Man kann nie wissen.« Er zwinkerte ihr zu. »Es sind schon Leute mit Zeitungspapier in den Schuhen hier reingegangen und als Millionäre wieder rausgekommen.«

»Nicht ich.« Ungläubig ließ Annie ihren Kopf erneut von einer Seite zur anderen drehen. »Liegt vielleicht daran, dass ich kein Zeitungspapier in den Schuhen habe.«

Plötzlich zogen seine Augenbrauen sich zusammen. »Sag mal, hast du heute nicht Geburtstag?« Bevor Annie auch nur einen Ton hervorbringen konnte, riss er sie in seine Arme und wirbelte sie herum. »Annie hat heute Geburtstag! Annie hat heute Geburtstag! Die kleine Annie hat heute Geburtstag!«

»Lässt du mich wohl los?« Quietschend und lachend trommelte Annie auf seine breiten Schultern und wand sich in seinem Arm, um ihn dazu zu veranlassen, sie wieder auf die Erde zu setzen. »Und ich bin nicht klein!«

»Verglichen mit mir schon.« Er setzte sie ab und grinste sie wie Garfield an.

»Verglichen mit dir ist jeder klein.« Annie schmunzelte und ordnete ihre Kleidung, die er ganz schön in Unordnung gebracht hatte.

»Pass auf«, sagte er und griff in seine Tasche. »Den hier hat mir eben ein Gast geschenkt. Das ist mein Geburtstagsgeschenk an dich.« Er hielt ihr den Chip hin. »Und du setzt ihn bei der zweiten Runde.«

»Das sind fünfzig Dollar, Steve.« Ablehnend verzog Annie das Gesicht. »Das kann ich nicht annehmen.«

»Nimm es an oder ich setze ihn für dich.« Steve nahm ihre Hand und drückte den Chip hinein. »Mach mir doch die Freude. Ich darf ja nicht spielen, weil ich hier angestellt bin. Wenn du gewinnst, gibst du mir die Hälfte. Deal?«

Annie lachte. »Ich gewinne bestimmt nicht. Und deine fünfzig Dollar sind weg.«

»Es sind nicht meine fünfzig, jetzt sind es deine«, beharrte er. »Und du kannst damit machen, was du willst.«

Nun verzog sich Annies Gesicht noch mehr. »Zum Beispiel meine Miete bezahlen? Da bin ich nämlich im Rückstand, weil Henderson –« Sie brach ab.

»Hat er euch schon wieder nicht bezahlt diese Woche?« Drohend verschränkte Steve die Arme vor der Brust. »Soll ich mal mit ihm reden?«

»Er wird schon zahlen«, versicherte Annie ihm beruhigend.

Steve hatte ihren Boss Henderson schon einmal ›verwarnt‹, und Annie hatte Henderson nur mit allergrößter Überredungskunst davon abhalten können, Steve anzuzeigen. Das wollte sie Steves Frau und seinen drei Kindern nicht antun. Deshalb musste sie ihren eigentlich guten Freund unbedingt davon abhalten, sich noch einmal als Ritter in strahlender Rüstung aufzuspielen.

»Setz die fünfzig, und ich lasse ihn in Ruhe . . . diesmal«, versprach Steve.

»Na gut.« Annie schloss ihre Finger um den Chip. »Aber es wäre besser, du würdest deiner Frau etwas davon kaufen.«

Grinsend klopfte Steve auf seine Tasche, in der es klimperte. »Ich hab noch mehr davon. Die Leute sind großzügig, wenn sie gewonnen haben.«

Kopfschüttelnd ging Annie endgültig hinein, und als sich die schwere Eingangstür hinter ihr schloss, war von der Sonne nichts mehr zu merken. Hier drin war es dunkel bis auf die flackernden Anzeigen der Einarmigen Banditen, an denen eine Menge Leute standen und die Hebel immer wieder herunterzogen. Selten folgte ein metallisches Klackern, wenn Münzen in die Gewinnschale fielen. Meistens wurden die Vierteldollarchips in den Bechern, die die Spielenden hielten, nur weniger.

Aber diese Art Spiel interessierte Annie nicht. Sie liebte Roulette. Es war Entspannung für sie, wenn sie nach einem harten Arbeitstag hierherkam. Auch wenn sie meistens nur zusehen konnte. Sie hatte kein Geld, um wirklich zu spielen. Aber manchmal erlaubte sie sich einen einzigen Chip. Nur um das Gefühl zu haben, einmal nicht um jeden Penny kämpfen zu müssen.

Sie war nach Las Vegas gekommen, weil die Sonne und die glamourösen Bilder sie gelockt hatten. Aber dann hatte sie schnell festgestellt, dass man auch hier erst einmal Geld verdienen musste, wenn man leben wollte. Mit Mühe und Not hatte sie einen Bürojob im Einkaufscenter ergattert, aber manchmal dachte sie, der war nicht besser bezahlt als die Fünf-Dollar-Jobs der Einpacker an den Kassen. Und das Leben war teuer in Las Vegas.

Deshalb riskierte sie ab und zu fünf Dollar. Gewonnen hatte sie noch nie etwas. Dennoch gab es ihr für die kurze Zeit, in der das Rad sich drehte, das Gefühl, gleich könnte sie reich sein. Auch wenn sie wusste, dass der Traum endete, sobald die Kugel fiel. Aber wie die Spieler, die hektisch von einem Tisch zum anderen liefen, um nur keine Chance zu verpassen, und dabei immer ärmer wurden, hoffte auch sie darauf, dass es einmal klappen würde. So sehr jede Wahrscheinlichkeit auch dagegen sprach.

Sie ging zu ihrem Lieblingstisch hinüber. Wie alle Spieler, selbst eine Gelegenheitsspielerin wie sie, war sie abergläubisch. Sie hatte einen bestimmten Tisch und einen bestimmten Platz, von dem aus sie spielte. Wenn der Platz besetzt war, wartete sie, bis er frei wurde. Jeder andere Platz hätte ihr Unglück gebracht. Dass ihr Stammplatz ihr bisher auch kein Glück gebracht hatte, blendete sie dabei aus.

Wie üblich beobachtete sie das Spiel eine Weile, um die Vorfreude auszudehnen. Sobald sie gesetzt und verloren hatte, war das Vergnügen zu Ende.

Gerade war Schichtwechsel am Tisch, und der Croupier übergab seinen Platz einer Frau, die Annie noch nie gesehen hatte. Sie musste neu sein.

Kurz ließ Annie ihren Blick über sie schweifen, aber Croupiers, ob männlich oder weiblich, waren alle einheitlich gekleidet und deshalb eher unauffällig. Manchmal hatte Annie das Gefühl, sie gehörten alle derselben Pinguinfamilie an.

Nachdem der Schichtwechsel vollzogen war, ging es sofort weiter, damit die Spieler am Tisch nicht ungeduldig wurden. Die Stimme der Croupière verkündete: »Machen Sie Ihr Spiel!«, und zu den Chips, die bereits auf dem grünen Tuch lagen, gesellten sich einige mehr.

Annie wartete noch. Sie beobachtete die elegante und doch kraftvolle Bewegung, mit der die Croupière den Roulettekessel drehte und dann die Kugel hineinwarf. Sie hatte diese Bewegung schon oft beobachtet, und es war nichts Besonderes dabei. Sobald die Kugel ins Rollen kam, hing Annies Blick daran, als ob sie ihren Lauf dadurch beeinflussen könnte.

»Nichts geht mehr.« Diese drei Wörter beendeten die Möglichkeit, noch Einsätze tätigen zu können, und die Spieler am Tisch warteten geradezu atemlos, bis die Kugel ihren endgültigen Platz gefunden hatte und die Croupière verkündete: »Zwölf. Rot. Gerade. Niedrig. Erstes Dutzend.«

Viele Spieler setzten aus Aberglauben gern auf die Dreizehn. Dort lagen mehrere Chips. Alle Einsätze auf dieser Zahl und den anderen Zahlen außer der Zwölf und den angrenzenden Chancen mit zwei, drei, vier oder sechs Zahlen inklusive der Zwölf wurden sofort eingezogen, ebenso die einfachen Chancen auf schwarz, ungerade und hoch sowie die Einsätze auf der ersten und zweiten Kolonne und dem zweiten und dritten Dutzend.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
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Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...