»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die Annies verdutztes Gesicht anscheinend sehr amüsant fand. »Das sind wir schon gewöhnt.«

»Ja . . . dann . . . D-danke . . .« Annie stotterte sonst nicht, aber das hier überforderte sie.

»Nichts zu danken.« Die Croupière ließ die Kugel erneut rollen. »Die Kugel hat das entschieden, nicht ich.«

Annie nahm die Chips so vorsichtig in die Hand, als ob sie sich daran verbrennen könnte. Zweihundert Dollar verloren, 175 gewonnen, das machte inklusive des Einsatzes von fünf Dollar, den sie zurückbekommen hatte, summa summarum nur einen Verlust von zwanzig Dollar. Entsprach vier Tagen, an denen sie einen Fünf-Dollar-Chip gesetzt und verloren hatte. Gar nicht so schlimm.

Ein ungläubiges Lächeln überzog ihr Gesicht. Zweimal hintereinander gewonnen. Das konnte doch gar nicht sein. Bisher hatte sie immer nur verloren.

Aber die Chips in ihrer Hand und die Scheine in ihrer Tasche sprachen eine andere Sprache.

Übermütig warf sie den Fünf-Dollar-Chip noch einmal über ihre Schulter, als das nächste »Machen Sie Ihr Spiel!« ertönte. Vielleicht war das der Trick.

Aber er war es nicht. Der Chip war noch nicht einmal in der Nähe der Gewinnzahl gelandet.

»Glück. Einfach nur Glück«, murmelte Annie zu sich selbst. »Zweimal hintereinander, aber nicht für immer.«

Sie klappte ihre Tasche entschlossen zu.

Genug für heute.

4

In den nächsten Tagen riss sie sich am Riemen. Auch wenn es sie ins Casino zog, ging sie nicht hin. Sie brachte das Geld, das sie nicht brauchte, auf die Bank, und die nächste Wochenmiete bezahlte sie von ihrem Gehaltsscheck, den Mr. Henderson endlich geschafft hatte auszustellen. Es war alles wie immer.

Oder auch nicht . . . Sie träumte vom Casino. Das war ihr bis jetzt noch nie passiert. Normalerweise war ins Casino zu gehen für sie so etwas wie für andere Leute sich vor den Fernseher setzen. Erholung. Entspannung. Den Alltag hinter sich lassen.

Aber auf einmal war es das nicht mehr. Es war wie eine Sucht. Bisher hatte sie die armen Getriebenen immer bedauert, die von einem Tisch zum anderen hetzten, ihren schweißnassen Eifer nicht verstanden. Gehörte sie nun auch dazu? Hatte der Virus sie erfasst?

Wenn sie darüber nachdachte, konnte sie es nicht genau feststellen. War es das Geld, was sie lockte? Der Glamour? Die angespannte Atmosphäre, solange die Kugel rollte? Viele hielten dann geradezu den Atem an. Eine erwartungsvolle Stille schwebte über dem Tisch.

Wahrscheinlich war es das. Der Nervenkitzel. Das Leben war so langweilig, dass man ein wenig Abwechslung brauchte, etwas, bei dem es etwas zu gewinnen oder zu verlieren gab. Und wenn es nur fünf Dollar waren.

Doch während sie sich unter ihre Bettdecke kuschelte, stellte sie fest, dass Geld noch nie eine solche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hatte. Es konnte sie nicht wärmen, wenn sie fror, oder sie umarmen, wenn sie sich einsam fühlte.

Fühlte sie sich einsam? Seit sie nicht mehr bei ihrer Familie lebte, hatte sie sich nicht wirklich Gedanken darüber gemacht. Zu Hause war immer jemand dagewesen, und als sie weggezogen war, hatte sie es zuerst einmal genossen, ihre Privatsphäre zu haben. Aber wie viel Privatsphäre brauchte sie?

War es vielleicht das? Waren die Besuche im Casino für sie zu so einer Art Ersatzfamilie geworden? In Las Vegas war es nicht einfach, Freunde zu finden. Die Stadt war ein Hexenkessel in der Wüste. Die meisten Leute kamen wohl nicht hierher, um Freundschaften zu schließen. Anders als in anderen Städten war das Vergnügungsviertel hier nicht etwas, das es in der Stadt auch noch gab – es war die Stadt.

Das hatte Las Vegas von Anfang an geprägt, denn dafür war es aus dem Boden gestampft worden. Es war nicht natürlich gewachsen. Und das merkte man an allen Ecken und Enden.

Langsam wurde ihr bewusst, dass sie etwas vermisste. Zwar hatte sie nie zu den Menschen gehört, die ständig Party machen mussten, da sie auf dem Land aufgewachsen war, wo so etwas zu den eher seltenen Höhepunkten gehörte. Dennoch war sie nie allein gewesen. Das hatte erst angefangen, nachdem sie in die Stadt gezogen war.

Städte waren anonym. Anders als auf dem Land kannte man sich nicht von frühester Jugend an, wusste nicht, wann wer die Masern oder Mumps gehabt hatte, wer zu welcher Familie gehörte, was für einen Ruf die Familie oder die einzelnen Mitglieder hatten. Solche Informationen musste man sich erst mühsam zusammensuchen. Oder man erhielt sie nie.

Was Vor- und Nachteile hatte. Einerseits ging man so wesentlich weniger voreingenommen an die Menschen heran, andererseits fühlte man sich ihnen weniger verbunden. Ein soziales Netz war nicht ganz von selbst vorhanden, man musste es sich erst mühsam aufbauen.

Wie sie bereits in Altoona festgestellt hatte, war das nicht so einfach. Sie war es gewöhnt, mit einem offenen Herzen auf die Menschen zuzugehen, ohne ihnen Böses zuzutrauen. Das verleitete viele jedoch dazu, sie auszunutzen. Ihre Naivität und ihr freundlicher Charakter hatten sie nicht nur Geld, sondern auch viel Herzblut gekostet.

Mit der Zeit war sie vorsichtiger geworden, und ihr Umzug nach Las Vegas hätte ein neuer Anfang sein sollen, nachdem sie sich die ersten Hörner abgestoßen hatte. Doch eine Stadt wie Vegas ruinierte die Menschen eher, als dass sie ihnen eine Chance gab.

Das hätte sie sich vielleicht denken können, aber sie hatte es sich nicht gedacht. Das hatte sie erst hier gelernt.

Sie wusste nicht, was sie sich vorgestellt hatte. Spontane Entschlüsse wie derjenige, nach Las Vegas zu ziehen, hatten es so an sich, dass man nicht darüber nachdachte. Man tat es einfach.

Vielleicht war es an der Zeit, noch einmal einen Entschluss zu fassen, in eine Gegend zu ziehen, in der sich Menschen aufhielten, die ähnliche Ziele hatten wie sie selbst, ähnliche Lebensvorstellungen. Frauen, die sich ein Leben zu zweit vorstellen konnten.

Denn darum ging es wohl in erster Linie. Hier in Vegas herrschte kein Mangel an Frauen, auch kein Mangel an Lesben. Nur kannten die wenigsten das Wort Beziehung. Zumindest, wenn damit eine Zeitspanne gemeint war, die über ein paar Nächte hinausging.

Warum kam ihr bei diesem Gedanken die dunkelhaarige Croupière in den Sinn? Was hatte sie, das vermuten ließ, sie wäre an einer längerfristigen Beziehung interessiert?

Nichts. Gar nichts. Annie schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie kam sie nur auf diese Idee?

Sicherlich, die langen, schlanken Finger mit dem farblosen Nagellack, die die Chips in atemberaubender Geschwindigkeit sortierten und verteilten, konnten schon Assoziationen erwecken, was diese Finger noch so imstande waren zu tun . . .

Ein leises Kribbeln durchzog Annies Körper. War schon eine Weile her. Sie hatte sich nicht so schnell wieder auf irgendeine Frau einlassen wollen. Aber ehrlich gesagt hatte diese Croupière auch etwas, das sie bisher an keiner Frau festgestellt hatte. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber es war definitiv etwas Besonderes.

Um zu gewinnen, musste sie vielleicht nicht noch einmal ins Casino gehen – sie rechnete ohnehin nicht damit –, aber nur um dieser Frau zuzusehen, konnte es sich eventuell lohnen.

Sie schlief lächelnd ein.

Vielleicht war das ja ein Grund für süße Träume.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
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5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...