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Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues Kleid an. Es war das beste, das sie hatte, warum sollte sie es nicht ausführen?

Als sie ins Casino kam, fühlte sie sich äußerst gut gelaunt. Sie hatte keine Chips in der Tasche und auch nur wenig Geld. Darum ging es ihr heute nicht.

Schnell schaute sie sich nach der Croupière um. Sie musste ja nicht immer für den Tisch eingeteilt sein, den Annie als ihren angestammten Platz betrachtete. Wenn sie woanders arbeitete, konnte Annie sie auch dort beobachten. Da sie beschlossen hatte, nicht zu spielen, war das völlig egal.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren war nirgends zu entdecken. Sie hatte heute wohl überhaupt keinen Dienst.

Enttäuscht setzte Annie sich an die Bar. Sie war erstaunt darüber, wie enttäuscht sie war. Damit hatte sie nicht gerechnet. Fast wie neben sich stehend bestellte sie einen Cocktail. Als der Barkeeper ihn vor sie hinschob, beachtete sie das bunt dekorierte Glas jedoch kaum.

»Heute gar keine Lust, das Glück zu versuchen?«, sprach sie plötzlich eine Stimme an.

Der etwas schleppende Südstaatentonfall kam Annie bekannt vor. Als sie jedoch den Blick in Richtung der Stimme wandte, erkannte sie die Sprecherin zuerst einmal nicht wieder.

Statt der unauffälligen Arbeitsuniform trug sie ein recht auffälliges Kleid, und die Haare, die bisher kurz erschienen waren, fielen ihr nun in langen Locken über die Schultern. Fast, als sähe sie eine Erscheinung, starrte Annie sie an, ohne etwas zu sagen.

»Dreizehn. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.« Die dunkelhaarige Frau, die ein bisschen so aussah, als würde sie gleich auf einer Bühne auftreten, lachte. »Leider haben Sie nichts gewonnen.«

»Ja . . . Nein . . . Ich habe ja gar nicht . . .«, Annie schluckte, »gespielt.«

»Und ich bin nicht für den Tisch verantwortlich.« Die Croupière außer Dienst schaute Annie fragend an. »Verraten Sie mir Ihren Namen?«

Annie konnte nicht direkt antworten. Sie war überwältigt von dem Anblick, der sich ihr bot. »Annie . . .«, sagte sie dann. »Ich heiße Annie.«

»Bess«, stellte die andere sich vor. »Bess Atkins.« Sie zwinkerte ein wenig. »Nur falls du mal nach mir fragen willst.«

»Ich . . . Ich wollte gar nicht . . .« Verlegen wandte Annie sich ihrem Glas zu und nahm einen hastigen Schluck.

»Üblicherweise komme ich an meinem freien Tag nie ins Casino«, fuhr Bess fort. »Ich bin froh, wenn ich mal ein bisschen Sonne sehe. Und da du nicht spielst, müsstest du wohl auch nicht hier sein. Aber du bist es. Ebenso wie ich.« Sie beugte sich leicht zu Annie, und der Hauch eines betörenden Parfüms zog zu Annie herüber. »Was schließen wir daraus?«

»Ich . . . ähm . . . Ich komme regelmäßig ins Casino.« Annie merkte, dass sich das wie eine Rechtfertigung anhörte. Eine Rechtfertigung wofür? Dass sie hier war? Sie war oft hiergewesen, ohne dass sie das Gefühl gehabt hatte, sie müsste sich dafür rechtfertigen.

»Ich auch«, sagte Bess. »Ich arbeite hier.« Sie schmunzelte leicht.

»Aber noch nicht lange«, stellte Annie fest und versuchte, ihren Blick länger als eine Sekunde auf Bess verharren zu lassen, was ihr schwerfiel, da ihr dann abwechselnd heiß und kalt wurde. »Ich habe dich vor ein paar Tagen das erste Mal gesehen.«

»Richtig.« Bess nickte. »Vorher war ich in Reno. Wurde mir zu langweilig. Vegas hat mich schon immer gereizt.«

»Du hast schon in vielen Casinos gearbeitet?«, fragte Annie, weil ihr Kopf so leer war, dass ihr nichts Besseres einfiel.

»In einigen.« Bess winkte dem Barkeeper. »Mach mir einen Old Fashioned, Sam.«

Der Barkeeper nickte. »Kommt sofort.«

»Hast du dort den Leuten auch so viel Glück gebracht?«, fragte Annie lächelnd. »Bevor du kamst, habe ich nicht ein einziges Mal gewonnen.«

»Das ist merkwürdig.« Bess zog ein wenig die Stirn kraus. »Normalerweise gewinnt man am Anfang ein bisschen was.« Sie lachte leicht auf. »Und verliert hinterher umso mehr.«

»Nun ja, ich habe immer nur fünf Dollar gesetzt.« Annie zuckte die Schultern. »War vielleicht zu wenig.«

»Davon hängt es nicht ab«, sagte Bess. Ihr Cocktail kam und sie prostete Annie zu. »Was fangen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Abend an? Du willst nicht spielen, ich muss nicht arbeiten . . . Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten hier in Vegas?« Ihre Augen blitzten unternehmungslustig.

»Nicht . . . nicht wirklich viele.« Annie schluckte.

»Du gefällst mir.« Bess’ Stimme klang schmeichelnd. »Du gefällst mir sogar sehr.«

»Ich . . . Bess . . .« Annies Herz schlug laut. »Wir kennen uns doch kaum.«

»Hat das irgendwas zu sagen?« Offenbar regelrecht erstaunt hob Bess die Augenbrauen.

Wieder schluckte Annie, dann räusperte sie sich. »Ich habe nicht die besten Erfahrungen damit gemacht«, murmelte sie undeutlich, während sie sich an ihrem Cocktailglas festhielt.

»Okay . . .« Bess dehnte das Wort lang aus. »Du bist nicht an einer schnellen Nummer interessiert. Das akzeptiere ich.«

»Es . . . Es tut mir leid.« Annie warf einen um Verzeihung bittenden Blick auf sie. »Ist das jetzt schlimm?«

»Nein.« Genüsslich nippte Bess an ihrem Whiskey-Cocktail und lachte. »Nur ungewöhnlich.« Dann betrachtete sie Annie auf einmal intensiver. »Es macht dich interessant.«

»Das war . . . eigentlich nicht –« Völlig aus dem Konzept gebracht stammelte Annie herum. Bess verwirrte sie von den Haar- bis zu den Zehenspitzen. »Ich wollte nicht . . . Ich meine . . .« Sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.

»Wie lange bis du schon in Vegas?«, fragte Bess freundlich.

»Fast ein Jahr.« Annie antwortete so blitzartig, als hätte sie die Frage erwartet und sich die Antwort schon vorher zurechtgelegt. Weil sie so froh war, dass Bess das Thema gewechselt hatte und sie anscheinend jetzt nicht mehr so schnell wie möglich ins Bett zerren wollte. Obwohl sie nicht wusste, ob sie überhaupt etwas dagegen hatte. Eigentlich nicht. Bess hatte sie nur so überrumpelt.

»Fast ein Jahr«, wiederholte Bess. »Und vorher warst du . . .

»In Pennsylvania. Da bin ich aufgewachsen.«

»Oh, in den tiefen Wäldern des Nordens.« Erneut lachte Bess. »Da ist es ziemlich kalt, oder?«

»Manchmal«, sagte Annie. Auf einmal lachte sie auch. »Meistens«, gab sie zu. »Außer im Hochsommer.«

»Ich habe immer nur im Süden gelebt.« Bess musterte sie nun auf eine andere Art. »Ich könnte nirgendwo leben, wo ich immer eine Jacke brauche.«

»Was warme Sachen betrifft, lebt man im Süden billiger, das stimmt.« Annie musste schmunzeln. »Hier braucht man ja kaum einen Kleiderschrank.«

»Na ja . . .« Bess schürzte die Lippen und ließ ihren Blick von oben bis unten über Annies Figur streifen. »Ein paar Sachen lohnen sich schon, die man da reinhängen kann.«

Hatte sie vorher gedacht, ihr würde heiß und kalt? Da hatte sie noch gar nicht gewusst, wie sich das anfühlte. Bess’ Blick war so eindeutig zweideutig, dass Annie ganz neue Dimensionen von kalt kennenlernte und ganz besonders von heiß.

»Freut mich, dass dir mein Kleid gefällt.« Sie schluckte und versuchte, normal zu wirken. So als ob sie tatsächlich nur über Kleider reden würden.

»Noch viel mehr gefällt mir, was drinsteckt«, erwiderte Bess, offensichtlich amüsiert. »Aber das weißt du ja schon.«

Annie holte tief Atem, dann trank sie etwas von ihrem Cocktail und stellte ihn wieder ab. »Dein Kleid gefällt mir auch sehr gut«, erwiderte sie und fühlte sich wahnsinnig offenherzig dabei. Es war ganz klar, dass sie damit genau dasselbe meinte wie Bess zuvor, nämlich dass ihr vor allem der Inhalt gefiel, unabhängig von der Verpackung. »Und ich finde es schön, dass ich einmal sehe, wie es aussieht, wenn du die Haare offen trägst«, fuhr sie so forsch fort, wie sie sich selten selbst erlebt hatte. »Bisher dachte ich, du hättest kurze Haare.«

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

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