»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den Kopf von einer Seite zur anderen herum, sodass ihre Haare flogen und sich dann weich wieder zurück an ihren Hals schmiegten. »Ich glaube, es ist auch eine Sicherheitsmaßnahme des Casinos. Ich könnte mich vorbeugen und mit den Haaren ein paar Chips bedecken und verschwinden lassen, bevor ich sie in den Pool zurückbringe.«

»Aber das wäre ja Diebstahl!« Annies Augen öffneten sich weit. »Das würdest du doch niemals tun!«

Amüsiert betrachtete Bess sie, und ihre Mundwinkel zuckten heftig. »Du kennst mich überhaupt nicht. Wieso bist du dir da so sicher?«

Zusätzlich zu ihren Augen öffnete sich nun auch Annies Mund, und sie sah für einen Moment aus wie ein Schaf.

Bess lachte. »Vielleicht würde ich es tun, wenn es nicht hundertprozentig sicher wäre, dass ich sofort damit auffliege. Wer könnte Chips verschwinden lassen außer den Croupiers?«

Für eine Weile saß Annie stumm da. In ihr rotierte es, denn selten hatte sie jemand in so kurzer Zeit mit so vielen Sachen konfrontiert, die ihr völlig fremd waren.

»Bist du jetzt schockiert?«, fragte Bess, nachdem sie sie währenddessen beobachtet hatte. »So etwas tut man in Pennsylvania nicht, oder?«

»Es gibt nicht so viele Spielcasinos in Pennsylvania«, murmelte Annie abwesend, weil sie immer noch dabei war, all die neuen Eindrücke und Informationen in ihrem Kopf zu sortieren.

»Lange Zeit gab es gar keine legalen, ich weiß.« Bess nickte. »Aber illegale gibt es immer und überall.«

Perplex hielt Annie die Luft an. »Du hast in illegalen Casinos gearbeitet?«

Als wäre das für sie nur eine höchst beiläufige Reaktion wert, zuckte Bess die Schultern. »Nicht in Pennsylvania, aber ja, in anderen Staaten.« Sie grinste ein wenig. »Meistens verdient man dort besser. Aber wenn das Casino auffliegt, landet man eventuell im Knast. Das ist nicht so gut.«

»Warst du schon mal –?« Annie schluckte. Da taten sich ja Abgründe auf . . . Und alles nur, weil sie Bess unbedingt hatte wiedersehen wollen. Weil sie ihr gefallen hatte. Sie sollte vielleicht einmal an ihren Wünschen ans Universum feilen.

»Nicht so richtig.« Erneut verzogen sich Bess’ Lippen zu einem breiten Schmunzeln. »Ich habe flinke Füße.« Sie beugte sich vertraulich zu Annie hinüber. »Jetzt bist du richtig schockiert, hm?«

»N-nein, nur . . . überrascht«, stammelte Annie.

»Gib’s ruhig zu«, forderte Bess sie auf. »In den Hinterwäldern Pennsylvanias würde man für so etwas vielleicht noch verbrannt.« Sie lachte auf und leerte dann ihr Glas. »War nett, dich kennenzulernen.« Sie drehte sich zum Ausgang.

Annie blieb wie erstarrt sitzen. Dann plötzlich wirbelte sie auf dem Barstuhl herum und sah Bess sich entfernen. Sie würde wiederkommen, sie arbeitete ja hier, aber trotzdem fühlte es sich an wie ein Abschied für immer.

Schnell glitt Annie von dem hohen Hocker herunter und lief ihr hinterher.

»Aha«, kommentierte Bess ihr Auftauchen in ihrem Gesichtskreis. »Trotzdem interessiert?« Natürlich zuckten ihre Mundwinkel dabei belustigt. Sie amüsierte sich offensichtlich köstlich über Annie.

Das jagte Annie zwar wieder heiße und kalte Schauer über den Rücken, aber mittlerweile war sie das gewöhnt. »Ich bin keine Hinterwäldlerin«, verkündete sie widerspenstig.

Mit einer eleganten Drehung halb um ihre Achse blieb Bess stehen und schaute sie an. »Ein Jahr in Vegas macht dich noch nicht zu einer verruchten Person.«

Trotzig hob Annie die Augenbrauen. »Dazwischen gibt es nichts?«

Es ergab sich so etwas wie eine Schweigeminute. Bess schaute sie nur an. »Du bist erstaunlich«, sagte sie dann. »Du siehst so süß aus, aber tief innerlich bist du ganz schön taff.«

»In den tiefen Wäldern Pennsylvanias«, erwiderte Annie leicht ironisch, »muss man das sein. Sonst überlebt man nicht.«

»Cool.« Bess schien beeindruckt. »Du bist echt cool.«

»Cool genug, damit du nicht wegläufst?«, fragte Annie herausfordernd.

Bess lachte auf und warf den Kopf zurück. »Ich laufe nicht weg. Dazu müsstest du eine Polizeiuniform tragen. Aber«, sie musterte Annie eindringlich, »ich will auch nicht dein Leben zerstören. Das bis jetzt«, sie hob die Hände, »wahrscheinlich ganz in Ordnung ist.«

Sie ging aus dem Casino hinaus, aber Annie ließ sich nicht so leicht abhängen. »Wie nennst du das jetzt?«, fragte sie. »Nicht weglaufen?«

»Annie . . .« Seufzend blieb Bess stehen. »Du kennst mich nicht. Ich bin kein Umgang für dich.«

»Das beschließt du einfach so?« Mittlerweile ziemlich aufgebracht, weil sie es hasste, wenn man sie für so harmlos hielt und damit in jeder Beziehung unterschätzte, stemmte Annie die Hände in die Hüften. »Ohne mich zu fragen?«

Mit einem mitleidigen Kopfschütteln betrachtete Bess sie. »Du bist wie ein anhänglicher Ohrenkneifer, was? Klein, aber oho.« Sie biss sich nachdenklich auf die Lippe. »Glaub mir, ich zertrete Ohrenkneifer, wenn ich sie erwische. Ich möchte nicht, dass dir das passiert.«

»Vielleicht erwischst du mich ja nicht.« Auf einmal zuckten Annies Mundwinkel ebenso belustigt wie zuvor die von Bess. »Ich bin nämlich auch ganz flink auf den Füßen.«

Bess gab ein ungläubiges Geräusch von sich. »Auf jeden Fall bist du hartnäckig.«

»Das . . .«, Annie lächelte, »lernt man schon als Kind in den Wäldern von Pennsylvania.«

Dazu sagte Bess nichts mehr, sondern ging einfach weiter, ohne Annie daran zu hindern, neben ihr herzuschlendern.

»Wie bist du eigentlich auf den Gedanken gekommen, als weiblicher Croupier zu arbeiten?«, fragte Annie.

Bess zuckte die Schultern. »Mein Vater war ein Spieler. Ich bin schon von klein auf mit ihm herumgezogen und habe gesehen, dass Spielen nichts einbringt. Er ist völlig bankrott an einer Alkoholvergiftung gestorben, mit den Schuldeneintreibern auf seinen Fersen. Zwar hatte er mir alle Tricks beigebracht, wie man Leute betrügt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das führt zu nichts. Obwohl . . .«, sie zögerte, »obwohl ich eine Zeitlang davon gelebt habe. Ich hatte nichts anderes gelernt.«

»Ach so, deshalb deine Abneigung gegen die Polizei.« Annie lächelte verstehend.

Nickend bestätigte Bess das. »Ich wollte nicht ständig auf der Flucht sein. Also überlegte ich mir, Spielen bringt dich um, Leute betrügen bringt dich ins Gefängnis, aber die Bank gewinnt immer. Da ich nicht selbst eine Spielbank gründen konnte, bin ich also Croupier geworden.«

»Sicher eine gute Entscheidung«, meinte Annie.

Wieder zuckte Bess die Schultern. »Wie ich schon sagte, wird es langsam langweilig. Selbst wenn ich von einer Spielbank zur nächsten ziehe, immer wieder an anderen Orten bin, aber der Job bleibt derselbe. Die Spieltische sehen immer gleich aus. Und auch«, sie warf einen Blick auf Annie, »die Leute, die spielen. Ziemlich jämmerliche Gestalten meistens.« Sie schmunzelte. »Anwesende natürlich ausgenommen.«

»Ich bin glaube ich keine typische Spielerin.« Annie fühlte sich von Bess’ Aussage nicht angegriffen. »Für mich ist das nur Entspannung, und ich kann jederzeit aufhören.«

»Das ist wirklich außergewöhnlich«, bestätigte Bess. »Da frage ich mich, warum du überhaupt spielst. Was ist der Kitzel für dich dabei?«

»Ach, irgendwie wahrscheinlich nur . . .«, Annie runzelte die Stirn, »dass man den Ausgang des Spiels nicht kennt. Jedes Mal, wenn die Kugel rollt, kommt etwas anderes dabei heraus. Man kann es nicht vorhersagen.« Sie seufzte ein wenig. »Ansonsten ist das Leben ziemlich vorhersagbar.«

»Du spielst nur Roulette?«, fragte Bess.

»Ja . . . Ich weiß nicht . . .« Annie schüttelte lächelnd den Kopf. »Fällt mir jetzt erst auf. Tatsächlich, ich spiele nur Roulette. Alles andere reizt mich nicht.«

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

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