»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«, vermutete Bess. »Bei Baccara oder Poker muss man beispielsweise entscheiden, ob man Karten zieht oder nicht.«

»Vielleicht ist es das.« Annie wusste es tatsächlich nicht. »Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Als ich das erste Mal ein Spielcasino betrat«, sie lachte verlegen, »und mir ungeheuer verrucht dabei vorkam, hat mich der Roulettetisch sofort angezogen. Das grüne Tuch, das Rot und Schwarz, der glänzende schwarze Kessel und die hellstrahlende Kugel, das Geräusch, wenn sie läuft und dann zur Ruhe kommt. Eine unwiderstehliche Mischung anscheinend.«

»Für dich.« Bess betrachtete sie nachdenklich. »Jeder ist da anders.«

»Bestimmt.« Annie zuckte die Achseln. »Aber ich bin nun mal, wie ich bin.«

»Das bist du.« Nachdem sie ihren Blick noch einmal lange auf Annie hatte ruhen lassen, wandte Bess sich ab. »Du bist irgendwie auch«, sie lachte leicht, »eine unwiderstehliche Mischung.« Sie beschleunigte ihre Schritte.

»Du läufst aber trotzdem vor mir weg«, stellte Annie fest, während sie versuchte, den langen Beinen zu folgen, aber sie musste fast zwei Schritte für einen von Bess machen.

»Ich will dich nur beschützen, verstehst du das denn nicht?« Auf einmal klang Bess’ Stimme ärgerlich. »Ich bin nichts für dich.«

»Warum lässt du das nicht mich entscheiden?« Annie fing schon an, um Luft zu ringen. Es war wie ein olympischer Ziellauf.

»Weil du ganz sicher die falsche Entscheidung treffen würdest.« Bess blieb stehen. »Du hast Interesse an mir. Du findest mich aufregend. Nicht aufregend genug, um sofort mit mir zu schlafen, aber das zählt nicht. Du bist eben . . .«, ihre Stimme bekam einen provozierenden Tonfall, »doch eine Hinterwäldlerin mit den entsprechenden Moralvorstellungen.«

»Dadurch, dass du mich beleidigst, kriegst du mich auch nicht rum.« Annie hielt Bess’ Augen mit ihren eigenen fest.

»Es war keine Beleidigung. Es war ein Kompliment«, entgegnete Bess. »Ich hätte nicht gedacht, dass du ablehnst.«

Annie blickte sie immer noch herausfordernd an. »Dann hast du mich bis dahin also nicht für eine Hinterwäldlerin gehalten?«

»Ehrlich gesagt«, auf einmal sah Bess verlegen aus, was gar nicht zu ihr passte, »habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich fand dich einfach nur . . . süß.« Eine Sekunde herrschte Stille, dann wirkte es so, als ob Bess sich schütteln wollte. »Und das ist etwas«, fügte sie hinzu, während sie ihren ziellosen Lauf wieder aufnahm, »was ich glaube ich in meinem ganzen Leben noch nie zu jemandem gesagt habe.«

»Einmal ist immer das erste Mal.« Annie lachte. Sie hatte nicht die Absicht, Bess so einfach laufen zu lassen, und hielt nun mit ihr Schritt, nachdem sie sich an ihre weitausgreifenden langen Beine gewöhnt hatte. »Sagt man nicht so?«

»Man sagt eine Menge.« Bess schüttelte den Kopf. »Die meisten Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist, ohne auch nur ein Wort davon zu meinen.«

»Auf dem Land meinen immer alle es so, wie sie es sagen«, erwiderte Annie, »aber in der Stadt habe ich schnell gelernt, dass das nicht normal ist.« Sie atmete tief durch, einerseits weil sie die Luft zum Rennen brauchte, aber andererseits auch als eine Art Seufzer. »Dennoch bin ich in der Hinsicht wohl immer noch ein Kind vom Lande, da hast du recht. Ich glaube nicht, dass alle Leute immer lügen.«

»Das wäre einfach«, sagte Bess. »Dann müsste man nur das Gegenteil von dem annehmen, was sie sagen. Das wäre automatisch die Wahrheit. Aber leider«, sie schaute wieder auf Annie hinunter, »lügen sie nur manchmal. Und manchmal sagen sie tatsächlich die Wahrheit. Aus welchem Grund auch immer. Da ist es dann praktisch, wenn man in ihnen lesen kann.« Sie lachte etwas wehmütig. »Das hat mir mein Vater schon früh beigebracht. Die Gesichter der Leute sagen mehr als ihre Worte. Ich schaue ihnen in die Augen und weiß ganz genau, ob sie mich betrügen oder nicht.«

»Aber sie sehen nicht, ob du sie betrügst?« Das fand Annie so erstaunlich, dass sie die Stirn runzelte.

»Man kann das auch verstecken. Wenn man weiß, wie.« Wieder lachte Bess. »Aber das lernt man ganz sicher nicht in den Wäldern von Pennsylvania!«

»Das heißt . . .« Annie legte den Kopf schief und dachte nach. »Das heißt, du denkst, ich kann nie genau sagen, ob du lügst oder nicht, während du mich genau lesen kannst.«

»Das würde ich annehmen«, sagte Bess. »Und da du das jetzt weißt, warum willst du dann noch irgendetwas von mir? Du würdest immer denken, dass ich lüge, egal, was ich sage.« Sie schüttelte den Kopf. »Das würde dir ein ganz schlechtes Gefühl vermitteln. Also . . .« Sie blieb stehen. »Geh nach Hause, Annie Pittsburgh, oder wie immer du heißt.«

»Pittsburgh ist nur eine Stadt in Pennsylvania, kein Nachname.« Annie schüttelte irritiert den Kopf. »Jedenfalls nicht meiner«, korrigierte sie sich.

»Dein Nachname ist mir völlig egal!«, fuhr Bess sie an. »Und du auch. Merkst du das nicht? Ich wollte nur mit dir schlafen, ein bisschen Spaß haben. So ist mein ganzes Leben. Auf etwas anderes bin ich nicht aus.«

Annie betrachtete sie sehr eindringlich. »Myers«, sagte sie. »Mein Nachname ist Myers.« Sie schmunzelte, weil sie an das dachte, was Bess bei derselben Gelegenheit gesagt hatte. »Nur falls du mal nach mir fragen willst.«

»Annie Myers. Oh mein Gott!« Bess legte in gespielter Verzweiflung den Kopf in den Nacken. »Genauso habe ich mir das vorgestellt!«

»Also weißt du . . .« Wie ein kleines Kind stülpte Annie ihre Lippen nach außen. »Bess Atkins ist jetzt auch nicht gerade ein besonders ausgefallener Name.«

»Auf jeden Fall hast du ihn dir gemerkt.« Mit einem leisen Lächeln schaute Bess sie an. »Dein Name mag zwar nichts Besonderes sein, aber du bist etwas ganz Besonderes, Annie Myers. Den Eindruck habe ich.«

»Wenn du es sagst . . .« Annie konnte es nicht verhindern, ein wenig rot zu werden.

»Und gerade deshalb solltest du jetzt wirklich gehen«, fuhr Bess fort. »Du bist viel zu gut für mich.«

Annie betrachtete Bess’ etwas angespanntes Gesicht. Im Moment versteckte sie ihre Gefühle oder das, was sie dachte, nicht besonders gut. »Wieso denkst du das?«, fragte sie. »Sollte das nicht eigentlich ich entscheiden?«

»Wie könntest du das?« Bess schüttelte den Kopf. »Das hast du auf deiner Farm nicht gelernt. Glaub mir, wir haben nicht das Geringste gemeinsam.«

»Nur weil wir verschieden aufgewachsen sind?« Annie öffnete fragend die Augen. »Kann man nicht auch so etwas wie seelenverwandt sein? Selbst wenn man an entgegengesetzten Orten der Welt geboren wurde?«

»Seelenverwandt?« Nun waren es Bess’ Augen, die sich weit öffneten, aber vor Überraschung. »Du hast sie echt nicht alle, Pennsylvania.«

»Annie reicht«, sagte Annie. »Und wenn du meinst, dass ich verrückt bin, sind wir uns dann nicht schon ein Stückchen näher?«

Bess lachte. »Für verrückt halte ich mich eigentlich nicht.« Sie schüttelte erneut den Kopf. »Und dich auch nicht.« Mit einem Aufseufzen atmete sie tief durch. »Du willst es einfach nicht verstehen, oder?« Fast mitleidig beugte sie sich zu Annie. »Du bist ein liebes, nettes Mädchen vom Lande, und ich bin . . . Ich habe schon zu viel erlebt und gesehen, um noch lieb und nett zu sein.«

»Vielleicht reizt mich das ja gerade«, erwiderte Annie. »Du bist wie das Roulette: nicht vorhersagbar.« Sie machte eine kleine Pause. »Oder . . .«, fügte sie dann hinzu, »vielleicht möchte ich auch nicht vorhersagbar sein.« Unvermutet hob sie sich leicht an und küsste Bess auf den Mund.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
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5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
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Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...