Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt. Ihre Fähigkeiten, in anderen Menschen zu lesen, hatten sie wohl tatsächlich im Stich gelassen. Wenn sie etwas offensichtlich nicht erwartet hatte, dann war das dieser Kuss.

Annies Mundwinkel begannen zu zucken, dann konnte sie sich nicht mehr gegen ein breites Schmunzeln wehren. »Nichts geht mehr«, sagte sie, als wären sie gerade am Roulettetisch. »Die Kugel ist gefallen.«

Lange schaute Bess sie an. »Fragt sich nur, auf welche Zahl«, erwiderte sie dann leise. »Es könnte auch eine Nullrunde sein.«

»Kann nicht sein«, sagte Annie. »Ich setze nie auf die Null.«

6

Hm. Bess lag mit verschränkten Armen im Bett und drehte den Kopf zu dem Gesicht auf dem Kissen neben sich, das blonde Haare umrahmten. Annie lag ihr zugewandt, und einige dieser Haare fielen wie Sternenstrahlen über ihre Augen.

Mist, so weit wollte ich es doch gar nicht kommen lassen. Sie ärgerte sich über sich selbst. Ja, sie hatte Annie angemacht, und ja, sie hatte genau das gewollt, was in den letzten Stunden hier passiert war, aber trotzdem hatte sie irgendwie ein ungutes Gefühl dabei. Eine Frau wie Annie hatte sie noch nie getroffen. Oder schon sehr lange nicht mehr.

Ohne dass sie darüber nachdachte, überzog plötzlich ein Lächeln ihr Gesicht. Die Kleine ist aber auch süß.

Zum Schluss hatte Annie es ihr dann doch leichtgemacht, auch wenn Bess eigentlich schon auf dem Rückzug gewesen war. Sie verschwendete üblicherweise keine Zeit an Frauen, die nicht wollten. Dieses Jagdgehabe brauchte sie nicht. Es gab ihr nichts. Sie sprach eine Frau an, und entweder sie sagte ja oder sie sagte nein. Das nahm Bess so, wie es kam, und akzeptierte jede Antwort.

Es ging immer nur um ein kurzfristiges Vergnügen, deshalb machte sie sich da nicht viele Gedanken. Längere Beziehungen waren ihr fremd. Die einzige längere Beziehung, die sie je gehabt hatte, war wahrscheinlich die zu ihrem Vater gewesen. An ihre Mutter konnte sie sich kaum noch erinnern, obwohl sie ein Foto von ihr hatte, das sie immer bei sich trug.

Sie hatten sich ähnlich gesehen, sie und ihre Mutter. Oder jetzt sahen sie sich ähnlich, wo Bess älter war. In diesem Alter war ihre Mutter gestorben. Wahrscheinlich war das Leben mit Bess’ Vater zu anstrengend gewesen. Wenn man das denn ein Leben nennen konnte . . . Dieses ständige Herumziehen, dieses ständige Auf-der-Flucht-Sein. Das hatte ihre Mutter nicht ausgehalten.

Nahm Bess jedenfalls an. Denn das, was sie von ihrem Vater über ihre Mutter wusste, wies darauf hin, dass sie aus einer sogenannten guten Familie gekommen war. Warum sie sich in ihren Vater verliebt und all diese Sicherheit hinter sich gelassen hatte, das konnte Bess sich bis heute nicht vorstellen. Aber sie dachte auch selten darüber nach.

Annie kam auch aus einer guten Familie. Einer guten Farmersfamilie. Und hatte sie ebenfalls hinter sich gelassen, um im Glitzerleben von Las Vegas ihr Glück zu suchen. Merkwürdige Übereinstimmung.

Oder vielleicht doch nicht. So ganz dasselbe war das ja nicht. Viele Leute, die aus den Hinterwäldern Amerikas stammten, suchten ihr Glück in der großen Stadt. Und Las Vegas war für viele die Verkörperung des Glücks. Eine Stadt, die nur dafür gebaut worden war. An jeder Ecke lockten blinkende Schilder mit Versuchen Sie Ihr Glück! Dass das Versprechen kaum je eingehalten wurde, und wenn, dann nur für kurze Zeit, bevor es in den Abgrund hinunterging, störte dabei niemanden.

Bess hatte in ihrem Leben bereits zu viel erlebt, um noch an solche Versprechungen zu glauben. Jeder war sich selbst der nächste, und wenn man wirklich glücklich werden wollte, dann musste man eine Möglichkeit finden, bei der weniger Glück eine Rolle spielte als Talent, Können, Geschicklichkeit und Verstand. Und sowieso: War Glück denn so wichtig? Was war das überhaupt?

Als Bess mit ihrem Vater herumgezogen war, hatte sie viel von Glück gehört, er hatte das Wort immer wieder im Mund geführt, aber ihr tatsächliches tagtägliches Leben sah anders aus. Wenn das Glück gewesen war, fragte sie sich, wie Unglück aussah. Mal hatten sie viel Geld gehabt, dann gab ihr Vater das manchmal an einem einzigen Tag aus, um schöne Dinge für sich selbst und Bess zu kaufen, dann wieder hatten sie kein Geld gehabt, und die Schuldeneintreiber waren ihnen auf den Fersen gewesen.

Ehrlich gesagt hatte Bess das als Kind ziemlich spannend und abwechslungsreich gefunden. Ihr Leben war ein Abenteuer. Jeden Tag. Bis sie dann einmal mitbekam, dass es Menschen gab, die ihr ganzes Leben lang an einem einzigen Ort wohnten, immer in demselben Haus, und sich dabei anscheinend ganz wohlfühlten.

Es war eine dieser Zeiten gewesen, als ihr Vater sie in die Schule geschickt hatte, weil er sie nicht bei sich haben wollte. Das kam öfter vor. Dann gab er sie bei jemandem ab, drückte dem Geld in die Hand, und verschwand.

Manchmal reichte das Geld, manchmal auch nicht, bevor er wiederkam. Je nachdem behandelten die zeitweiligen Aufsichtspersonen Bess dann besser oder schlechter. Manche waren nur auf das Geld aus, andere wieder hätten Bess gern bei sich behalten, weil sie fanden, das Leben mit ihrem Vater wäre nicht gut für sie.

Aber ihr Vater kam immer wieder, in der Beziehung konnte sie sich auf ihn verlassen. Sie wusste nur nie, wann. Es konnten Wochen sein oder auch Monate.

Von heute aus betrachtet fand sie das merkwürdig, denn verlässlich war ihr Vater eigentlich sonst in keiner Beziehung gewesen. Es musste ihm also tatsächlich etwas an seiner Tochter gelegen haben. Gesagt hatte er es ihr allerdings nie.

»Hmm . . .« Annie murmelte leise vor sich hin und begann sich zu bewegen. Sie wachte auf.

Lächelnd blickte Bess auf sie hinunter, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Guten Abend, Süße. Gut geschlafen?«

Immer noch schläfrig schlug Annie die Augen auf, dann begann ihr Gesicht regelrecht zu leuchten, als sie Bess nun auch anlächelte. »Sehr gut«, sagte sie. Der Blick ihrer blauen Augen huschte über Bess’ Gesicht. »Bist du schon lange wach?«

»Nicht lange.« Bess schüttelte den Kopf. Dann lächelte sie wieder. »Aber es war schön, dir beim Schlafen zuzusehen.« Sie beugte sich über Annie und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen.

Annie wirkte beinah etwas überrascht. Dann legte sie einen Arm um Bess’ Nacken und zog ihren Kopf noch näher zu sich heran, erwiderte den Begrüßungskuss mit jetzt wieder geschlossenen Augen, als wollte sie nichts anderes mehr sehen, nur noch fühlen.

Sofort schossen die Gefühle, die Bess beherrscht hatten, bevor sie eingeschlafen waren, wieder in ihr hoch. Sie schob sich auf Annie, drang mit ihrer Zunge tief in ihren Mund ein und schickte ihre Hände auf Wanderschaft.

Hingebungsvoll seufzte Annie in ihrem Mund und begann, ihre Hüften unter ihr zu bewegen. Wenn Bess eins festgestellt hatte in den vergangenen Stunden, dann dass Annie eine sehr leidenschaftliche Frau war. Was sie ein wenig überrascht hatte, denn ihre Vorstellung von Hinterwäldlerinnen aus Pennsylvania war nicht so leidenschaftlich. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Vorstellung gehabt. Sie hatte noch nie jemanden aus Pennsylvania gekannt.

Fast etwas bedauernd verließ sie Annies Lippen und wanderte mit ihren eigenen nun auch ihren Händen folgend nach unten, zuerst über Annies Kinn, dann über ihren Hals und am Schlüsselbein entlang bis hinunter auf ihre Brüste. Dort suchte sie nach der verführerischen Erhebung in der Mitte und sog sie zwischen ihre Lippen.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
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»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
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Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...